Stefan Kuntz im Volksparkstadion vor dem Spielertunnel

Stefan Kuntz war bis zum 31. Dezember 2025 Sportvorstand des HSV. Die aktuellen Vorwürfe der sexuellen Belästigung weist der 63-Jährige zurück. Foto: WITTERS

„Beschlossene Sache“: Ex-HSV-Boss Kuntz weist Vorwürfe zurück und holt zum Konter aus

kommentar icon
arrow down

Zwölf Tage lang hatte Stefan Kuntz öffentlich geschwiegen. Auf sein Instagram-Statement, mit dem er am 11. Januar die am selben Tag in der „Bild am Sonntag“ erhobenen Vorwürfe der sexuellen Belästigung als „falsch“ zurückgewiesen hatte, folgen nun allerdings weitere Äußerungen und Erklärungen des 63-Jährigen. In der „Süddeutschen Zeitung“ erläutert Kuntz seine Sicht der Dinge. Zudem werden neue Details über die Geschehnisse und die zum 31. Dezember 2025 erfolgte Trennung vom früheren Sportvorstand des HSV bekannt.

Am 30. Dezember soll der Aufhebungsvertrag unterschrieben worden sein. Drei Tage später machte der HSV die Trennung öffentlich. „Der Vorstand bat den Aufsichtsrat nach Weihnachten aus persönlichen familiären Gründen um eine sofortige Beendigung seiner Tätigkeit“, hieß es auf der Homepage des HSV. Hierzu habe es im Aufhebungsvertrag eine geheime Klausel gegeben, berichtet nun die „Süddeutsche Zeitung“. „Jedes Mal, wenn eine der Parteien von dieser Darstellung abweicht, muss sie der anderen Partei 100.000 Euro Vertragsstrafe zahlen“, heißt es.

Kuntz: „Ach, jetzt kommen die, um endlich meinen Vertrag zu verlängern“

Die Vorwürfe, sie sollten niemals öffentlich werden. Und dafür tat der HSV offenbar einiges. So hätten die Frauen, die Kuntz ein schwerwiegendes Fehlverhalten vorgeworfen haben sollen, ihre protokollierten Aussagen nur in einem geschützten Datenraum gegenlesen dürfen, damit keine Dokumente kursieren. Die HSV-Belegschaft wurde per Mail darauf hingewiesen, sich nicht gegenüber Medien zu dem Fall zu äußern.


Die WochenMOPO – ab Freitag neu und überall, wo es Zeitungen gibt!
Diese Woche u.a. mit diesen Themen:

  • Diagnose Krebs: Hamburgerin wirft UKE Behandlungsfehler vor
  • Straftaten: Hamburg wird sicherer – aber nicht für Frauen
  • Hamburgs Super-Recognizer: Der Mann, der sich Tausende Gesichter merken kann
  • Große Rätselbeilage: Knobelspaß für jeden Tag
  • 16 Seiten Sport: HSV-Liebling Otto Stange (19) über seine Rückkehr
  • 28 Seiten Plan 7: Im Kino wird’s jetzt richtig heiß! Und: Ausgeh-Tipps für jeden Tag

Erstmals von den Vorwürfen erfahren habe Kuntz am Vormittag des 18. Dezember, wie es in dem Bericht der „SZ“ heißt. Die Aufsichtsräte Michael Papenfuß und Henrik Köncke hätten ihn gegen 10 Uhr in seinem Büro in der Geschäftsstelle des Volksparkstadions besucht. „Ob Sie es glauben oder nicht“, zitiert die Zeitung Kuntz, „da habe ich gedacht: Ach, jetzt kommen die, um endlich meinen Vertrag zu verlängern.“

„Vertragsauflösung von mir war eine beschlossene Sache“

Schnell aber wird klar, dass das nicht das Ansinnen der beiden Besuchenden ist. Kuntz wird mit den Vorwürfen der sexuellen Belästigung konfrontiert. Zu diesem Zeitpunkt soll die vom HSV beauftragte Hamburger Rechtsanwaltskanzlei Even die gegen Kuntz erhobenen Vorwürfe bereits untersucht und als glaubhaft eingestuft haben. Ein Anwalt der Kanzlei habe draußen schon gewartet, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“. „Die Vertragsauflösung von mir war eine beschlossene Sache“, sagt Kuntz, mit dem sich die Zeitung in der ihn vertretenden Kanzlei Schertz Bergmann in Berlin getroffen hat. Bis heute wisse sein Mandant nicht, „was ihm von welcher Person und in welcher Situation überhaupt konkret vorgeworfen wird“, wird Anwalt Christian Schertz zitiert.

Das könnte Sie auch interessieren: Kommentar zu den Vorwürfen gegen Kuntz: Der HSV sendet ein starkes Zeichen

Einer der beiden Aufsichtsräte habe Kuntz schon in dem Gespräch am 18. Dezember mitgeteilt, dass es zwischen ihnen kein Vertrauensverhältnis mehr gebe, erinnert sich der geschasste Sportvorstand, der sich offenbar vorverurteilt fühlt.

Fünf Frauen sollen Vorwürfe gegen Kuntz erhoben haben

Erstmals wird auch die Zahl der Frauen genannt, die HSV-intern Vorwürfe gegen Kuntz erhoben haben sollen: es seien fünf, schreibt die „SZ“. Es gehe um verbale Belästigungen, unangemessene Berührungen, Anzüglichkeiten. Vorwürfe, die Kuntz zurückweist.

Er selbst hatte am 12. Dezember 2025 über die Landauer Anwältin Dr. Eva Lütz-Binder eine Strafanzeige wegen Nachstellens gestellt. Schon im November 2024 habe Kuntz die Juristin in dieser Sache kontaktiert. Er habe zu der Zeit anonyme Anrufe bekommen, bei denen sich niemand gemeldet habe, aber Atemgeräusche zu vernehmen gewesen seien. Im Frühsommer 2025 habe Kuntz dann anonyme Liebesbotschaften erhalten – im Büro und an seinem Auto. Die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt, dass sie Kopien dieser Botschaften habe einsehen können. Es handele sich um grüne und orange Notizzettel, die stets dieselbe Handschrift getragen hätten.

Die Zeitung zitiert die Botschaften:

  • „Stefan. Ich sende Dir immer wieder Zeichen meiner Gefühle! Aber Du erhörst mich nicht – warum?“
  • „Stefan! Ich liebe es in Deiner Nähe zu sein. Wünsche mir so sehr, dass Du mich erhörst!“
  • „Stefan! In Deiner Nähe fühle ich mich so wohl. Hoffe, Dir geht es genauso.“

HSV-Ermittlungen liefen zum Zeitpunkt der Kuntz-Anzeige

Anfangs habe sich der Europameister von 1996 geschmeichelt gefühlt, später verunsichert. Mitarbeiterinnen hätten seine Nähe gesucht, ihm private Dinge anvertraut. Im November 2025 habe Lütz-Binder ihm dann zur Anzeige geraten. „Der Gedanke war, dass es dann vielleicht aufhört“, wird sie zitiert. Und sie habe ihn zu der Anzeige gegen unbekannt eher drängen müssen, weil Kuntz niemanden habe anschwärzen wollen.

Zum Zeitpunkt der Anzeige liefen bereits die Compliance-Ermittlungen gegen Kuntz. Das sei aber Zufall, heißt es von seiner Seite. Er habe von diesen Ermittlungen nichts gewusst. Mit einer der Mitarbeiterinnen, die die Vorwürfe gegen Kuntz erheben, habe er Mitte November des vergangenen Jahres noch locker per WhatsApp gechattet. Beide waren zur gleichen Zeit auf Mallorca. Man hätte damals überlegt, ob man sich auf der Insel treffen wolle. Auf den Chat aber habe er keinen Zugriff mehr, heißt es von Kuntz. Letztlich sei es zu dem Treffen nicht gekommen.

Am 4. Dezember wandte sich die erste HSV-Mitarbeiterin an den Aufsichtsrat

Drei Wochen später, am 4. Dezember 2025, habe sich dann die erste HSV-Mitarbeiterin an ein Aufsichtsrats-Mitglied des HSV gewendet. Sie soll ein übergriffiges Verhalten geschildert haben. Am Folgetag entschied sich das Kontrollgremium, den Vorwurf unabhängig untersuchen zu lassen. Am 10. Dezember erhielt die erwähnte Kanzlei Even den Auftrag hierzu.

Das könnte Sie auch interessieren: Nach Kuntz-Aus: HSV-Fans reagieren mit riesigen Plakaten – auch Profis äußern sich

Acht Tage danach habe er den geschilderten Besuch der Aufsichtsräte Papenfuß und Köncke in seinem Büro bekommen. „Die Gelegenheit zur Stellungnahme gegenüber dem Aufsichtsrat hat Herr Kuntz trotz mehrfacher Angebote explizit nicht genutzt“, hatte der Rat am 12. Januar das Instagram-Statement des Ex-Vorstands gekontert. Kuntz sieht das ganz anders. Gegenüber den Reportern der „Süddeutschen Zeitung“ wird nun von Kuntz oder dessen Anwälten verlautbart, dass Kuntz in dem besagten Gespräch am 18. Dezember darauf gedrängt habe, ihn anzuhören. „Wenn er angehört werden wolle“, habe man ihm laut den Schilderungen in der „SZ“ entgegnet, „könne das dazu führen, dass die Vorwürfe weiter untersucht würden – mit dem Risiko, dass sich das vor der Öffentlichkeit vielleicht nicht verbergen lassen könne.“

Kuntz informierte seine Familie am 18. Dezember

Am gleichen Abend „habe ich dann erst mal eine Familien-Telko einberufen“, wird Kuntz zitiert. In der Telefonkonferenz habe er seine Ehefrau, seinen erwachsenen Sohn und seine erwachsene Tochter über das Geschehene informiert.

Pünktlich zum Wochenende erhalten Sie von uns alle aktuellen News der Woche rund um den HSV kurz zusammengefasst – direkt per Mail in Ihr Postfach.
Mit meiner Anmeldung stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Zwei Tage später, der HSV bestritt sein Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt, soll es zur Konfrontation von Kuntz mit drei HSV-Aufsichtsräten gekommen seien. „Ihr zerstört einen Ruf und eine Familie“, habe er denen gesagt – und, dass er angehört werden wolle. Dazu aber sei es nicht gekommen, am gleichen Abend habe er erfahren, dass seinen Anwälten bereits ein Aufhebungsvertrag vorliege. Erst als er kurze Zeit später zu Hause im Saarland gewesen sei, habe er beschlossen, das Kapitel HSV zu schließen und den Aufsichtsräten nicht mehr zu begegnen. „Erst von da an kann man mir den Vorwurf machen, dass ich mich nicht mehr äußern wollte“, so Kuntz.

Kuntz erhält vom HSV noch bis Ende März volles Vorstands-Gehalt

Im Vertrag, der die Trennung zwischen Kuntz und dem HSV besiegelte, soll geregelt worden sein, dass Kuntz für die Monate Januar bis März das volle Gehalt kassiere, für die Monate April bis zum Vertragsende im Juni 2026 noch 50 Prozent der Bezüge. Die vom HSV hierfür eingeschaltete Kanzlei Freshfields soll dieses Angebot in einem Schreiben an Kuntz’ Anwälte als „fair“ bezeichnet haben.

Das könnte Sie auch interessieren: HSV gegen Kuntz: Folgt auf den Schock eine lange Schlacht vor Gericht?

Kuntz habe eingewilligt. Zudem habe er sich verpflichtet, seine Strafanzeige wegen Stalkings vom 12. Dezember zurückzuziehen, um „eine weitere Verfolgung durch die Staatsanwaltschaft zu vermeiden“. Das tat Kuntz zwar. Die Aktion aber verfehlte den gewünschten Effekt, weil es sich bei Nachstellung um ein Offizialdelikt handelt, das von Amts wegen weiter verfolgt wird.

Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp
test