Auf Rekordkurs: So kam es zur French-Connection beim HSV
Vive la France beim HSV! Nie hatte der HSV auch nur einen Franzosen im Kader. Jean-Luc Dompé war überhaupt der erste aus dem Nachbarland, der im Volkspark auflief. Jetzt stellt die Grande Nation den größten Legionärs-Block seit der Holland-Clique 2010. Auf dem Papier gibt es sogar einen neuen Legionärs-Rekord. Zufall? Oder spielt auch Merlin Polzins Assistent Loic Favé eine Rolle?
Beim Trainingsauftakt am Mittwoch standen beim HSV vier Franzosen auf dem Platz. Neben Dompé mischten auch William Mikelbrencis, Aboubaka Soumahoro und Neuzugang Rayan Philippe mit. Der nach seiner Leihe aus Belgien zurückgekehrte Lucas Perrin war nicht mit dabei. Er steht kurz vor einem Wechsel. Mit ihm wären es fünf Spieler einer Nation – das gab es beim HSV noch nie.
2010 waren es einmal vier Niederländer. Eljero Elia, Joris Mathijsen, Romeo Castelen und Ruud van Nistelrooy, 2007 gab es das schon einmal. Da waren es Mathijsen, Castelen, Rafael van der Vaart und Nigel de Jong. Zwischen 2000 und 2003 gab es zudem einmal einen Tschechen-Block mit Milan Fukal, Marek Heinz und Tomas Ujfalusi. Woher kommt jetzt der Frankreich-Tick des HSV?
Favé über Austausch auf Französisch: „Hilft natürlich“
Als Dompé und Mikelbrencis im August 2022 nach Hamburger wechselten, war Favé noch Co-Trainer unter Timo Schultz beim FC St. Pauli. Auch als Perrin zwei Jahre später zum HSV kam, wird Favé darauf als U21-Trainer und Nachwuchsleiter keinen Einfluss genommen haben. Bei der Verpflichtung von Abwehr-Talent Soumahoro im Januar dieses Jahres war Favé schon im Trainerteam der Profis. Auch bei den Verhandlungen mit Rayan Philippe sollen die Sprachkenntnisse des begabten Trainers ein Argument für die Spielerseite gewesen sein.
Und was sagt Favé, der sowohl die deutsche als auch die französische Staatsbürgerschaft besitzt und zweisprachig aufwuchs, selbst zur hohen Ansammlung an Landsleuten beim HSV? „Es hilft natürlich bei der täglichen Arbeit, wenn ich die Inhalte in der Muttersprache einiger Spieler vermitteln kann“, berichtet Favé im Gespräch mit der MOPO. Dabei agiert er auch als Übersetzer und Ansprechpartner. „Die Tiefe der Gespräche ist logischerweise eine andere, als wenn beide Seiten auf Englisch miteinander sprechen.“
Dass aktuell vier Franzosen beim HSV spielen, ist also durchaus auch Favés Verdienst. Nicht, weil er sie nach Hamburg lockt, sondern weil er dafür sorgen kann, dass sie sich im Volkspark wohlfühlen. Unter anderem spielte Favé, dessen Mutter Geneviève aus der Bretagne kommt und selbst lange Jahre beim HSV arbeitete, eine große Rolle beim Leistungssprung von Rechtsverteidiger Mikelbrencis. Als U21-Trainer baute er den 21-Jährigen regelmäßig in der Regionalliga ein, schenkte ihm Vertrauen, sprach viel mit ihm. Es machte Klick und Mikelbrencis empfahl sich wieder für die Profis.
Bundesliga interessant für französische Talente
Auch künftig kann Favés Nähe zu Frankreich eine Rolle spielen. Die gute Ausbildung im Nachbarland macht viele junge Spieler auch für den deutschen Markt interessant. Viele Klubs der weniger finanzstarken Ligue 1 haben Schwierigkeiten, Talente zu halten, wenn das Ausland anklopft. Landesweit ist Favé bestens vernetzt, hat während einer Frankreich-Reise nach seinem Aus beim FC Basel viele Kontakte geknüpft. Einer davon ist Nachwuchstrainer Basil More-Chevalier, den er aus Lyon loseiste. Auch die Hospitation im Rahmen seines UEFA-Pro-Lizenz-Lehrgangs absolvierte Favé in Frankreich. Er erhielt Einblicke in die Arbeit des Trainers Franck Haise beim OGC Nizza und RC Lens. „Wenn ich in 20 Jahren so als Trainer bin, hätte ich nichts dagegen“, schwärmt der Hamburger vom Nizza-Trainer. Die Art und Weise des 54-Jährigen, als Trainer zu arbeiten, habe es ihm angetan. Favé kennt den französischen Fußball also bestens.
Ob ein weiterer französischsprachiger Spieler künftig für den HSV aufläuft, ist aber komplett offen. Vielmehr richtet sich der Fokus von Favé und Co. nun auf die Mission Klassenerhalt. Dabei helfen sollen auch die französischen Profis, die schon im Volkspark unter Vertrag stehen, wenngleich Perrin in den Planungen des Trainerteams keine Rolle spielt. Die anderen aber umso mehr.
Dompé soll auch in der Bundesliga eine wichtige Rolle spielen mit seinen Fähigkeiten im Eins-gegen-eins, auch wenn die Qualität der Gegenspieler eine andere sein wird. Mit Mikelbrencis’ Entwicklung ist das Trainerteam ebenfalls zufrieden, auch wenn er in seinem Defensiverhalten für die Bundesliga noch einmal zulegen muss. Von Philippe erhoffen sich die HSV-Coaches einiges. Sein Spielerprofil, das Abschlussstärke, Tiefgang, Tempo und Flexibilität verbindet, ist so nicht oft zu finden. Zu erwarten ist, dass der Angreifer in erster Linie auf der rechten Seite zum Einsatz kommen wird. Bei Soumahoro ist die Situation etwas komplizierter. Der 20-Jährige verletzte sich direkt nach seinem Wechsel nach Hamburg schwer, fiel bis in die Schlussphase der Saison aus, obwohl er sogar als Soforthilfe eingeplant war. Er soll jetzt erst einmal gesund durch die Vorbereitung kommen und Minuten in den Testspielen sammeln.
Das könnte Sie auch interessieren: Selke, Karabec, drei Transfer-Listen: So bauen die Bosse und Polzin den HSV-Kader
Favé, der auf Mallorca und natürlich auch der französischen Mittelmeerinsel Korsika seinen Akku auflud, wird ihn allen dabei helfen, dass sie wichtig bei der Mission Klassenerhalt werden können – auf Französisch wird es allen leichter fallen.