Fiete Arp lächelt auf der HSV-Bank

Fiete Arp kam am 30. September 2017 als Joker zu seinem HSV-Profidebüt. Foto: WITTERS

Arps HSV-Geständnis: „Ich habe mir den ganzen Tag in die Hose geschissen“

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Den 30. September 2017 wird Fiete Arp nie mehr vergessen. Denn an diesem Tag feierte der einst als riesiges HSV-Juwel gefeierte Stürmer sein Profidebüt – und das nicht nur im Bundesliga-Abstiegskampf, sondern auch noch im Nordderby gegen Werder Bremen, vor 57.000 Fans im ausverkauften Volksparkstadion. Mehr als sieben Jahre später gab Arp nun zu, dass er für dieses prägende Erlebnis eigentlich alles andere als bereit war.

Arp, seinerzeit 17 Jahre alt, war „damals am Lowballen“, wie er sagt. Will heißen: Als junges Talent, das bei den HSV-Profis üben durfte, gab er sich bescheiden, wollte die Erwartungen an ihn bremsen, war zufrieden mit dem, was ihm früh ermöglicht wurde. Er habe zu seinen Freunden gesagt: „Leute, ich darf hier mittrainieren, das ist schon ziemlich geil.“ Die Wahrheit jedoch war eine andere. „Ich habe mir im Training immer noch in die Hose geschissen bei jedem einzelnen Ballkontakt“, erzählt Arp in Tommi Schmitts Podcast „Copa TS“ von seinem turbulenten HSV-Jahr 2017.

Fiete Arp debütierte 2017 gegen Werder für die HSV-Profis

Bei den Profis mitmischen durfte er bereits im Laufe der Spielzeit 2016/17. Richtig aufregend ging es aber im Herbst 2017 zu, als es „ein bisschen wild“ wurde, wie Arp sagt. Der ursprüngliche Plan lautete, dass er Ende September mit der deutschen U17-Nationalmannschaft zur WM nach Indien reisen würde. Deshalb dachte Arp nicht daran, wozu es noch vor seiner Abreise kommen sollte: zu seiner Bundesliga-Premiere. Drei Tage vorm Derby gegen Werder bekam er vom damaligen HSV-Profitrainer Markus Gisdol plötzlich zu hören: „Ne, Fiete, bleib‘ mal noch hier, wahrscheinlich bist du am Wochenende dabei.“ Dieser Plan sei zunächst nicht ganz verbindlich gewesen. Doch es kam wirklich so: Am 30. September saß Arp erstmals im Volksparkstadion auf der Bank – und viele Kameras richteten sich auf ihn.

Fiete Arp wurde damals gegen Werder für Bobby Wood (r.) eingewechselt. imago/MIS
Fiete Arp klatscht bei seiner Einwechslung mit Bobby Wood ab
Fiete Arp wurde damals gegen Werder für Bobby Wood (r.) eingewechselt.

Arp lächelte, doch innerlich fraß ihn die riesige Aufregung förmlich auf. „Ich habe mir den ganzen Tag in die Hose geschissen“, berichtet er im Podcast. Zumal sich schon sehr früh in der Saison abzeichnete, dass der HSV, sein Herzensverein, erneut um den Klassenerhalt spielen würde. „Vollkommen abstiegsbedroht“ sei man gewesen, so Arp. Und dann kam Werder nach Hamburg. Der ganze Volkspark sei „am Brennen“ gewesen, weiß der Angreifer noch. „Und irgendwann, als es 0:0 stand, (…) winkt er mich kurz vor Schluss noch ran.“ Gisdol rief Arp zu sich, weil er ihn vor dem Abpfiff einwechseln wollte – und überraschte seinen Youngster damit. „Ich dachte schon, ich bin dem Ganzen entgangen – aber nein“, erzählt Arp. „Dann hat er mich raufgejagt. Ich hatte einen Ballkontakt, der ist mir, glaube ich, zwölf Meter weggesprungen. Und dann hat der Schiri Gott sei Dank abgepfiffen.“ Es blieb beim 0:0.

Gisdol überraschte das HSV-Talent mit der Einwechslung

Arp wird diese wenigen Spielminuten niemals vergessen, auch wenn er sie damals nicht genießen konnte. Er hätte seine unerwartete Einwechslung aber auch nicht ablehnen können. „Du hast auch gar nicht die Eier, den Schwanz einzuziehen. Du nimmst es einfach hin, antwortest gar nicht“, erinnert er sich an seinen kurzen Austausch mit Gisdol an der Seitenlinie. „Ich war einfach nur halb-paralysiert, dachte: Okay, der hält mein Trikot hoch – und Abfahrt. Du hast nicht die Kapazität, über irgendwas nachzudenken, geschweige denn eine Wadenverletzung vorzutäuschen.“

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Erst nach seinem Bundesliga-Debüt reiste Arp zur deutschen U17, schoss bei der WM fünf Tore in fünf Spielen und schied mit seiner Nationalmannschaft im Viertelfinale aus. Anschließend kehrte er nach Hamburg zurück, erzielte bei seinem zweiten und dritten Profieinsatz für den HSV jeweils einen Treffer – und war nach dem 1:2 gegen Hertha BSC sowie dem 3:1 gegen den VfB Stuttgart plötzlich in aller Munde. Der junge Fiete Arp wurde im Abstiegskampf zum Hoffnungsträger eines ganzen Vereins. Es blieb aber bei seinen zwei Saisontoren. Seinen Stammplatz büßte er schnell wieder ein, in der Schlussphase dieser Spielzeit kam er nur noch als Joker oder gar nicht mehr zum Einsatz.

Der Hype tat Arp nicht gut: „Drehte sich zu viel um mich“

Dass der HSV damals um seine Existenz kämpfte, habe ihm persönlich „extrem geholfen“, meint Arp. „Weil es in erster Linie deutlich weniger um mich ging.“ Der gebürtige Bad Segeberger erzählt von seinem Fan-Dasein als Kind: „Ich saß vorher selbst zehn Jahre lang vor dem Fernseher und habe mich darüber aufgeregt, warum sie es nicht hinbekommen, ein bisschen besser Fußball zu spielen. Und auf einmal stand ich dann selbst da und hatte zumindest einen Finger mit am Steuer.“ Arp war plötzlich mittendrin bei den Profis, wurde gehypt, erklärt mit Abstand aber: „Ich habe mir damals mehr Sorgen um den Verein und die Mannschaft gemacht als um mein eigenes Schicksal – auch wenn es sich hintenraus deutlich zu viel um mich gedreht hat, aus verschiedenen Gründen. Ich habe aber immer nur an das große Schicksal vom HSV gedacht – das wir krachend an die Wand gefahren haben.“ Denn der Klub stieg ab.

Fiete Arp spielt jetzt bei Odense BK in Dänemark. IMAGO / Gonzales Photo
Fiete Arp
Fiete Arp spielt jetzt bei Odense BK in Dänemark.

Der erstmalige Absturz in die Zweitklassigkeit schmerzte den ganzen HSV und Arp im Besonderen. „Das war schon heftig“, gibt er zu. „Da fällt mir auf Anhieb nichts ein, was dem in meiner Karriere irgendwie nahekommt. Individuell vielleicht, aber vom Fußballgefühl, rein von der Emotion her, war das schon mit Abstand der Worst Case. Wir waren so weit weg vom rettenden Ufer, dass da nicht nur ein kleines Wunder nötig gewesen wäre.“ Unter Christian Titz, einem der größten Arp-Förderer, fuhr der HSV an den letzten acht Spieltagen der Saison 2017/18 13 Punkte ein – doch die reichten nicht zum Klassenerhalt. Nach dem 2:1 gegen Gladbach am 34. Spieltag war der Abstieg Realität.

Arp freute sich über HSV-Aufstieg und spielt nun in Odense

Arp spielte noch ein Jahr mit in der 2. Liga, wechselte dann zum FC Bayern München. Mittlerweile steht er bei Odense BK in der dänischen Liga unter Vertrag, nachdem er in der Vorsaison mit Holstein Kiel abgestiegen war. Parallel hat er aber mit Genugtuung verfolgt, wie es der HSV unter Coach Merlin Polzin zurück nach oben schaffte.

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„Ich hätte es mir natürlich früher gewünscht, das liegt auf der Hand, aber rein vom Timing her, konnte ich mich letztes Jahr nach meinen vier Jahren in Kiel am meisten darüber freuen – weil wir nicht mehr Konkurrenten waren“, sagt Arp, der mit Holstein mehrfach auf den HSV traf und ihm zum Beispiel am Ende der Spielzeit 2023/24 eine schmerzhafte Niederlage zufügte. Er sei in einem mentalen „Twist“ gewesen: Einerseits gab er alles dafür, um mit Kiel aufzusteigen – andererseits drückte er dem HSV die Daumen. Letzteres fiel ihm in der Vorsaison, die er mit Holstein in der Bundesliga verbrachte, dann spürbar h leichter: „Es hat es deutlich angenehmer für mich gemacht, dass wir in dem Jahr nicht mehr in der 2. Liga waren – und ich mich außer Konkurrenz für die Hamburger freuen konnte.“ Den HSV verfolgt Arp noch immer, seit Sommer aus Dänemark, wo er es auf bisher sechs Tore und drei Assists in 16 Pflichtspielen bringt. Zuletzt stand er zwölfmal in Folge in Odenses Startelf – ganz ohne Furcht.

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