Fans gedenken Adrian Maleika bei HSV gegen Bremen im Volksparkstadion

Der Bremer Fan Adrian Maleika starb 1982 auf dem Weg zum Derby beim HSV. Noch heute gedenken ihm die Fans. Foto: WITTERS

Adrian Maleika: Als ein Bremer Fan beim HSV-Derby starb

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Adrian Maleika wollte 1982 eigentlich nur das Derby zwischen dem HSV und Werder Bremen im Stadion sehen. Doch der erst 16-Jährige starb bei schweren Ausschreitungen vor dem Volksparkstadion. Es war der erste Todesfall durch Fan-Gewalt in Deutschland – und einer, der bis heute nachhallt. Sein Tod sorgte für eine massive Verschärfung der Rivalität zwischen HSV- und Werder-Fans. Und noch heute ist der Name Maleika untrennbar mit dem Nordderby verbunden.

Politisch und gesellschaftlich ist die Stimmung ohnehin angespannt. Im geteilten Deutschland der späten 1970er-Jahre nehmen Gewalt und Terrorismus immer mehr zu, auch bedingt durch das Agieren der „Roten Armee Fraktion“ (RAF). Das überträgt sich zunehmend auch auf den Fußball. In den Stadien formieren sich erstmals Ultras und Hooligans, die ihren Rivalen gegenüber zunehmend gewaltbereiter sind. Der HSV und Werder Bremen bleiben von dieser Entwicklung ebenfalls nicht verschont.

Adrian Maleika stirbt vor dem HSV-Spiel gegen Werder

Die Hamburger und die Bremer sind schon damals allein aufgrund ihrer geografischen Nähe rivalisiert, das Einzugsgebiet ihrer Fans überschneidet sich. Am 16. Oktober 1982 treffen die beiden in der 2. Runde des DFB-Pokals im Volksparkstadion aufeinander – ein heißes Duell auf dem Platz. Und leider auch daneben. Denn der erst 16 Jahre alte Bremer Fan Adrian Maleika wird das Stadion nie erreichen.

Vor dem Nordderby im DFB-Pokal 1982 kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen HSV- und Werder-Fans. Dabei wird Maleika tödlich verletzt. WITTERS
Auseinandersetzung zwischen Fans des HSV und Werder vor Spielbeginn
Vor dem Nordderby im DFB-Pokal 1982 kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen HSV- und Werder-Fans. Dabei wird Maleika tödlich verletzt.

Maleika, ein Glaser-Lehrling, befindet sich mit seinem Werder-Fanclub „Die Treuen“ auf dem Weg in den Volkspark – allerdings ohne Polizeischutz, weil sie nicht in Stellingen aus der S-Bahn aussteigen, sondern in Eidelstedt. Dabei wird die Gruppe von HSV-Hooligans überrascht und überfallen. Was dann genau passiert, ist unklar und wird später unter großem Aufsehen vor Gericht verhandelt. Die Rede ist von etwa 200 Beteiligten, darunter überwiegend Jugendliche.

HSV-Fans attackieren Bremer Fan-Gruppe um Maleika

Augenzeugen zufolge sollen die Angreifer mit Knüppeln zugeschlagen, mit Gaspistolen und Leuchtspurmunition geschossen und mit Mauersteinen geworfen haben. Demnach fliehen die Bremer, Maleika will sich in einem Gebüsch verstecken und wird von einem Stein am Hinterkopf getroffen. Als er am Boden liegt, treten die Täter angeblich weiter auf ihn ein. Dieser Darstellung wird das Gericht später folgen.

„Hätte auch er Frau und Kinder und wären wir noch genau so eng befreundet wie damals als Kinder und Jugendliche? […] Er wollte Kunstglaser werden und träumte davon, sich nach Lehre und ein paar Jahren Berufserfahrung selbstständig zu machen. Adrian hatte eine Freundin, es war eine noch junge, noch zarte Beziehung, gerade im Aufbau begriffen.“

Bruder Roland Maleika 2019 im Buch „Die Angehörigen“ von Ibrahim Arslan und Jasper Kettner

Erst einige Stunden nach dem Angriff finden Zeugen den bewusstlosen Maleika. Er erleidet einen Schädelbasisbruch und schwere Gehirnblutungen und wird im Allgemeinen Krankenhaus Altona behandelt. Sie sind jedoch zu schwer, sodass sich der junge Fan davon nicht wieder erholen kann. Am 17. Oktober 1982, am Tag nach der Attacke, stirbt er im Alter von nur 16 Jahren an den Folgen der Verletzungen.

Bei der Beerdigung im Oktober 1982 bewachen Bremer Fans den Sarg von Maleika. imago/Sven Simon
Fans von Werder Bremen bei der Beerdigung von Adrian Maleika
Bei der Beerdigung im Oktober 1982 bewachen Bremer Fans den Sarg von Maleika.

Bis heute ist nicht geklärt, wer den tödlichen Stein auf Maleika geworfen hat. Das Hamburger Landgericht macht am 19. Dezember 1983 – rund ein Jahr später – drei Mitglieder des HSV-Fanclubs „Die Löwen“ für die Tat verantwortlich. Es handelt sich dabei um eine Gruppierung, die damals von Rechtsradikalen unterwandert ist und nationalsozialistische Werte verherrlicht. „Die Löwen“ sorgen auch viele Jahre später noch für Ärger auf der Nordtribüne des Volksparkstadions, ein offizieller Fanclub sind sie heute aber nicht mehr. Angeklagt werden die mutmaßlichen Täter wegen Gefährlicher Körperverletzung, Landfriedensbruch und Beteiligung an einer Schlägerei.

HSV-Fanclub „Die Löwen“ vom Gericht verurteilt

Der Hauptangeklagte Peter L. erhält eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten, weil es das Gericht als erwiesen ansieht, dass er „aktiv an der Schlägerei beteiligt war“ und „einen Stein in Richtung des Opfers geworfen“ habe. Ob er Maleika auch wirklich getötet hat, bleibt unklar. Darüber hinaus verhängt das Gericht weitere Strafen gegen Bernhard B. (zwölf Monate auf Bewährung) und Caren G. (zehn Arbeitsmaßnahmen). B. legt als Einziger ein Teilgeständnis ab. Wegen des Todes von Maleika kann keiner verurteilt werden – es bleibt ungeklärt, wer diesen einen Stein geworfen hat. Von den acht Angeklagten werden fünf freigesprochen. Reue zeigt keiner von ihnen.

„Leider lassen die Reaktionen der Angeklagten und auch die ihrer Freunde im Zuhörersaal befürchten, dass der tragische Tod Adrians nur als Betriebsunfall angesehen wird.“

Richter Dr. Günther Olters laut „Abendblatt“ bei der Urteilsverkündung am 19. Dezember 1983

Der Tod sorgt für Bestürzung, Entsetzen und Aufruhr im deutschen Fußball. Bei der Beerdigung am 22. Oktober 1982 auf dem Friedhof Huckelriede in Bremen sind mit Willi Lemke und Günter Netzer auch die Manager des HSV und des SV Werder anwesend. Sie treffen sich im Dezember zudem mit Fan-Vertretern beider Vereine zur Aussprache, um Rache und Vergeltung zu verhindern. Im niedersächsischen Scheeßel (Landkreis Rotenburg/Wümme) vereinbaren sie eine Art Waffenstillstand, den „Frieden von Scheeßel“.

Die Vereinsbosse um Günter Netzer (HSV) und Willi Lemke (Werder) treffen sich im niedersächsischen Scheeßel mit Fans beider Klubs. WITTERS
Günter Netzer vom HSV und Willi Lemke von Werder Bremen beim Friedel von Scheeßel
Die Vereinsbosse um Günter Netzer (HSV) und Willi Lemke (Werder) treffen sich im niedersächsischen Scheeßel mit Fans beider Klubs.

Wenig später gründet sich das bis heute bestehende HSV-Fanprojekt. Auch in zahlreichen anderen Städten und Vereinen initiieren Fan-Vertreter vergleichbare Aktionen, um ihre Anhänger zu schützen. Zwischenzeitlich organisieren Werder-Fans sogar ein Gedächtnisturnier für Maleika. Die Erinnerung an seinen Tod ist bis heute präsent.

HSV und Bremen weihen Gedenktafeln für Maleika ein

Seit 2012, als sich der Tod zum 30. Mal jährt, gibt es im Bremer Weserstadion eine Gedenktafel. Auch der HSV weiht im Jahr 2022 zum 40. Todestag eine Gedenkstätte vor dem Volksparkstadion ein. Bei Spielen zwischen den beiden Klubs sind nach wie vor immer wieder Plakate, Banner und Transparente zu Ehren von Maleika zu sehen.

2022 wird vor dem Volksparkstadion eine Gedenkstätte für Maleika eingeweiht. WITTERS
Gedenkstätte für Adrian Maleika vor dem Volksparkstadion des HSV
2022 wird vor dem Volksparkstadion eine Gedenkstätte für Maleika eingeweiht.

Jedes Jahr und bei jedem Aufeinandertreffen erinnern Fans und Vereine an den Vorfall von damals. „Sein Tod bleibt Mahnung und Auftrag zugleich: Fußball darf Leidenschaft entfachen – aber niemals Leid hervorrufen“, schreibt der HSV. Das war 1982 so und das hat sich bis heute nicht geändert.

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