Wie Hamburgs Handballer den EM-Boom nutzen wollen – und müssen
Die EM-Euphorie hat sich gelegt, das Interesse und die Begeisterung sollen aber bestmöglich konserviert werden. Der deutsche Handball will mit dem Schwung der Silbermedaille seiner Nationalmannschaft die Sportart ganzjährig auf ein neues Level heben. Basis ist die sich selbst als „NBA des Handballs“ feiernde Bundesliga, die gerade in die zweite Saisonhälfte gestartet ist. Die Klubs wollen vom jüngsten EM-Boom profitieren, werden zugleich von den Verbänden in die Pflicht genommen, mehr zu tun, damit es sich nicht schnell ausgeboomt hat. Auch der Handball Sport Verein Hamburg will den Rückenwind nutzen und seine Anstrengungen intensivieren. Er muss. Nur: Wie gelingt das?
Dass es eine immense Aufgabe ist und nichts von allein laufen wird, dürfte auch dem größten Optimisten nach dem ersten Ligaspiel nach der EM klar geworden sein. Beim Re-Start kassierten die Hamburger eine 33:35-Niederlage gegen Leipzig und nur 2512 Zuschauende waren in der Sporthalle Hamburg. Zugegeben: an einem Wochentag gegen den Tabellenletzten – nicht die attraktivste Konstellation. Es kann nur besser werden. Das soll es und das wird es – zumindest was den nächsten Gegner, den Rahmen und die Kulisse angeht.
HSV Hamburg empfängt Flensburg auf großer Bühne
Highlight-Zeit! Am Sonntag (16.30 Uhr) empfängt der HSVH die SG Flensburg-Handewitt in der Barclays Arena. Mit reichlich Medaillenglanz. Der Spitzenklub kommt mit fünf dänischen Europameistern und den deutschen Silber-Gewinnern Johannes Golla und Marko Grgic. Auch die Hamburger haben mit Frederik Bo Andersen einen Gold-Dänen in ihren Reihen.
Dieses Spiel ist der große Aufschlag des HSVH nach der EM. Riesige Bühne und Barometer zugleich. Kommt der EM-Hype in Hamburg an? Rund 9000 Tickets sind verkauft worden. Der Klub hofft, die 10.000 zu knacken. „Wir wollen die Handball-Begeisterung rund um die EM in die Liga transportieren und natürlich auch zu unseren Heimspielen“, sagt HSVH-Sportchef Johannes Bitter, bei der EM ARD-Experte, zur MOPO. „Wir müssen noch mehr nach vorne stellen, dass man die besten Spieler der Welt regelmäßig live bei uns sehen kann, aus nächster Nähe.“
Die erhöhte Aufmerksamkeit und breite Sympathie für die Sportart ist noch frisch und der Verein will mögliche Effekte nicht verpuffen lassen. Zeitfenster und Handlungsspielraum könnten kleiner sein, als mancher denkt. Garantien gibt es nicht. Ist der HSVH vorbereitet?
HSVH-Boss Hüneburg will den EM-Schwung nutzen
„Unsere Nationalmannschaft hat den Handball hervorragend ins Rampenlicht gerückt. Das sollte der Liga einen Push geben, und auch wir wollen den Schwung auf allen Ebenen nutzen“, betont Geschäftsführer Christian Hüneburg im Gespräch mit der MOPO. „Da sind wir gefordert und sehr motiviert. Wir sind bereit.“ Für zwei wegweisende Jahre für den Handball hierzulande: vom EM-Hype über die Heim-WM im Januar 2027 bis Ende des nächsten Jahres.
Klares Ziel der Hamburger: mehr Menschen in die Halle locken. Laut Hüneburg habe es bei den Ticket-Verkäufen schon einen EM-Effekt gegeben. „Wir haben festgestellt, dass es kurz nach den deutschen Spielen, insbesondere Halbfinale und Finale, bei uns einen signifikanten Anstieg der Verkaufszahlen für die Topspiele gegen Flensburg und Kiel gegeben hat.“ Der HSVH muss aber auch die Publikumszahlen bei den „normalen“ Heimspielen in der betagten Sporthalle steigern.
Eine PR-Offensive ist unerlässlich. „Wir intensivieren den Bereich Kommunikation“, sagt Hüneburg. Der HSVH stellt gerade seine Medienabteilung neu auf. „Bei der Außendarstellung ist noch vieles möglich.“ Auch in Sachen Popularität. „Wir haben ein tolles Team mit tollen Typen. Wir wollen die Jungs noch bekannter machen – über verschiedene Formate und Kanäle.“
Hamburg hat keinen Helden der Handball-EM als Zugpferd
Dass der HSVH keinen deutschen EM-Helden als Zugpferd hat, ist in einer Millionenstadt mit zwei Fußball-Bundesligisten ein Nachteil im Sichtbarkeits-Wettbewerb und „schade“, wie Hüneburg einräumt, aber deutsche Nationalspieler sind für den Verein derzeit nicht zu finanzieren und müssten entwickelt werden. Rückraumspieler Moritz Sauter (23) stand im erweiterten EM-Kader, der 35 Spieler umfasste. Ein Hoffnungsträger für die Zukunft.
Auch wirtschaftlich will der Verein, der im Dezember einen notwendigen millionenschweren Schuldenschnitt gemacht hat, die Gunst der Stunde nutzen. „Jetzt ist der Zeitpunkt, um Partner für die Saison 2026/27 anzusprechen“, sagt Hüneburg. Die Rückmeldung sei gut, das Thema Handball „aktuell sehr positiv besetzt“. Er warnt aber auch: „Jetzt schon von steigenden Zahlen zu sprechen, wäre verfrüht. So ein Hype lässt ja auch nach.“
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Ob es einen signifikanten nachhaltigen EM-Effekt oder gar Boom in Deutschland gibt, den sich die Ligaspitze, DHB, die TV-Partner und viele Vereine versprechen oder zumindest erhoffen, bleibt abzuwarten. In Hamburg ist es durchaus eine existenzielle Frage, denn der Verein muss endlich in die schwarzen Zahlen kommen. „Wir haben mit dem Schuldenschnitt die Voraussetzung geschaffen, uns jetzt auf Wachstumskurs zu bewegen. Dafür sind wir selbst zuständig“, betont Hüneburg. „Wir müssen liefern.“