Wer wird der nächste Musiala? Nachwuchs-Boss erklärt neue DFB-Strategie
Wann gibt es den nächsten Musiala? Ende April nahm die MOPO die Talentförderung in Hamburg unter die Lupe. Im Fokus standen die Profi-Vereine HSV und FC St. Pauli. Zum EM-Start geht der Blick auf den gesamten deutschen Nachwuchs, der bekanntermaßen im internationalen Vergleich hinterherhinkt. Wie ist es aktuell um unsere Talente bestellt? Wie will der DFB den Anschluss an die Konkurrenz schaffen? Und wer tritt in die Fußstapfen von Jungstars wie Jamal Musiala und Florian Wirtz?
Die Stimme von Hannes Wolf ist voller Energie, als die MOPO mit dem ehemaligen Trainer des HSV (Oktober 2018 bis Juni 2019) spricht. Wolf ist seit August 2023 als DFB-Direktor für Nachwuchs, Training und Entwicklung maßgeblich für die deutsche Talentförderung mitverantwortlich. Dass der 43-Jährige, der parallel auch die U20-Auswahl des Verbands trainiert, für diese Aufgabe brennt, klingt in jedem Satz durch: „Wir sind von den Inhalten der ,Trainingsphilosophie Deutschland‘ und den neuen Spielformen total überzeugt“, spricht Wolf einen Teil der Veränderungen an, die ab der neuen Saison ihre volle Wucht entfalten sollen.
DFB hat weniger Nachwuchs-Fußballer als andere Länder
Dass Änderungen in der Ausbildung von jungen Fußballern notwendig sind, zeigt ein Blick auf die Zahlen. Laut einer von DFB und DFL finanzierten Studie kommen in Deutschland auf eine Million Einwohner nur 0,95 Profispieler. In anderen Top-Nationen wie Frankreich, Spanien oder England sind es mehr als doppelt, in Portugal oder den Niederlanden sogar fast sechsmal so viele. Jedes Jahr beginnen ungefähr 100.000 Kinder in Deutschland mit dem Fußballspielen, nur 0,07 Prozent von ihnen spielen später in der 1. oder 2. Bundesliga. All das, obwohl die insgesamt 58 Nachwuchsleistungszentren jährlich Millionen in ihre Ausbildung investieren.
Die Gründe dafür sind vielschichtig. Zusammengefasst könnte man es Professionalisierung von Nachwuchsfußball nennen. „Als ich 2010 die U19 des BVB trainiert habe, gab es keine Videoanalyse des Gegners“, erinnert sich auch Wolf und ergänzt: „Wir haben sie, genau wie das Thema Belastungssteuerung, ein Stück weit aus dem Profifußball übernommen.“ Will heißen: Taktik wurde immer wichtiger, genauso der Erfolg der Gruppe. Die Entwicklung des einzelnen Spielers hat darunter gelitten. „Jede Minute des Trainings sollte zur Entwicklung der Qualität jedes einzelnen Spielers genutzt werden. In den vergangenen Jahren haben wir zu viel Zeit mit mannschaftstaktischen Inhalten verbracht“, sagt Wolf.
Hinzu kommt: Talente, die körperlich jünger sind als ihr Alter, werden Spielern, die physisch weiter sind, gegenüber benachteiligt. In der Talentförderung spricht man von retardiert und akzeleriert. Das individuelle Potenzial hat durch den Fokus auf die Physis bei der Bewertung von Talenten dadurch an Bedeutung verloren.
DFB will Bolzplatz-Mentalität der Kinder zurückbringen
Auch der Wandel hin zur Ganztagsbetreuung sei ein Faktor. Zeit auf dem Bolzplatz, das kreative Spielen ohne taktische Zwänge, sei dadurch verloren gegangen. „Wir waren ein Bolzplatzland, mittlerweile hat sich der Alltag der Kinder verändert. Wir müssen Fußball heutzutage hochdosiert im Verein anbieten, aber den Kindern Freiheitsgrade lassen“, erklärt Wolf.
Und wie wollen er und der DFB das schaffen? Ab der Saison 2024/25 greifen größere Veränderungen im Nachwuchsfußball. Etwa fünf Jahre hat der DFB an seiner Reform gearbeitet. Diese beinhaltet Folgendes: Zum einen spielen sechs- bis elfjährige Kinder künftig ohne Tabellen auf kleineren Feldern im Funino-Modus gegeneinander, also je nach Altersstufe im Zwei-gegen-zwei, Drei-gegen-drei oder Fünf-gegen-fünf auf bis zu vier Tore ohne Torwart. Erst in der E-Jugend wird im Sieben-gegen-sieben mit Torwart gespielt. Zum anderen wird es zur neuen Spielzeit in der A- und B-Jugend keine Bundesliga mehr geben, sondern die DFB-Nachwuchsliga, aus der die Nachwuchsleistungszentren nicht mehr absteigen sollen.
Beide Änderungen sollen dazu führen, dass alle Kinder und Jugendlichen sowohl in der Breite als auch in der Spitze ohne den Ergebnisdruck mehr Spielzeit bekommen, sich in diesem Zuge vor allem die Trainer verstärkt auf die individuelle Entwicklung der Spieler und weniger auf den mannschaftlichen Erfolg fokussieren können.
Hannes Wolf wirbt für neue Nachwuchs-Strategie des DFB
Gerade im Kinderfußball geht es dem DFB aber vor allem auch um das Wiederholen von fußballspezifischen Aktionen. „Die Kinder spielen viel mehr Fußball, haben viel mehr Ballaktionen, mehr Schüsse, mehr Eins-gegen-eins, mehr Dribblings – und zwar alle“, erklärt Wolf die neuen Spielformen. Schließlich hätten in den alten Spielmodi schon zu viele Kinder zu wenig Spielzeit bekommen.
Dieselbe Idee steckt auch hinter Wolfs Herzensprojekt, der „Trainingsphilosophie Deutschland“. Seit Monaten werben Wolf und seine Mitstreiter wie Sandro Wagner, Assistent von Bundestrainer Julian Nagelsmann, und Hermann Gerland, Co-Trainer der deutschen U21, für das Implementieren von Kleinfeld-Spielformen im Training, unabhängig von der Altersstufe. In kurzen Videos in den sozialen Medien und längeren auf YouTube erklären Wolf und Co. Übungen für kleine Spielformen im Training.
Auch hier soll die Anzahl an fußballspezifischen Aktionen signifikant erhöht werden. „Ich wäre früher für das Wissen von Hermann Gerland nach München gelaufen“, sagt Wolf und spielt auf Gerlands langjährige Bayern-Vergangenheit an. Jetzt gibt es das in vielen Videos für jeden. Für die Initiative bekämen sie deutschlandweit „eine unfassbare Unterstützung“. Aber, und das gibt Wolf auch zu: „Es gibt noch Herausforderungen.“ Und zwar vermehrt dort, wo die laute Kritik an der DFB-Reform von Fußballprominenten wie Hans-Joachim Watzke auf Resonanz gestoßen ist. Diese sei zwar „sehr lange her“, wie Wolf meint, die Herausforderungen aber blieben bestehen.
HSV und St. Pauli sind Vorreiter im Fußball-Nachwuchs
„Wir wollen zeigen, wie bestmögliche Förderung funktioniert“, sagt Wolf und erwähnt auch lobend die Hamburger Klubs. Der FC St. Pauli entwickelt schon seit Längerem bestehende Strukturen weiter. „Auch beim HSV gibt es eine hohe Zustimmung zu unseren Ideen.“
Damit das auch flächendeckender der Fall ist, will Wolf „weiter in die Bildungsoffensive gehen, die Vorzüge deutlich machen, Abläufe festigen“. Schließlich verfolgt er ein großes Ziel: „Wir wollen von einem Scoutingland zu einem Entwicklungsland werden.“ Besser ausbilden sei das Credo.
Dass die U-Nationalmannschaften des DFB zuletzt häufig enttäuschten, beunruhigt Wolf dabei nicht: „Ob sich eine U17 für eine Endrunde qualifiziert, ist nicht alles entscheidend, sondern ob die Jungs mit 20, 21 Jahren samstags um 13 oder 15.30 Uhr in der Bundesliga und 2. Bundesliga spielen.“
Wolf weist Kritik am DFB-Nachwuchs-System zurück
Auch die Kritik am Übergangsbereich von Jugend- in den Erwachsenenfußball will Wolf nicht mitgehen. Viele Experten fordern mehr Einsatzzeit für Talente bei den Profis. Seit 2017 gibt es mehr ausländische U23-Spieler in Deutschlands höchsten beiden Spielklassen als deutsche. Wolf entgegnet: „Wir müssen und werden die Spieler besser ausbilden. Wir haben genug talentierte Fußballer. Wenn jeder über die ganze Jugendzeit sechs bis acht Prozent besser wird, dann haben wir eine gute Zukunft vor uns und auch wieder mehr eigene Talente in der Bundesliga.“ Mehr 20- bis 25- jährige Spieler auf allen Positionen sollen künftig in die A-Nationalmannschaft drücken.
Also in das Team, das jetzt um den EM-Titel spielt. Zwei Toptalente sollen dabei ein großer Faktor werden: Wirtz und Musiala. Neben den künftigen Weltstars wären aus dem EM-Kader auch Maximilian Beier und der abgereiste Aleksandar Pavlovic noch für die U21 spielberechtigt. Wer das nächste Juwel dieser Kategorie sein könnte, wollte Wolf nicht verraten. Mit dem Mainzer Brajan Gruda (20) hinterließ ein Kandidat aber schon mal erste Eindrücke während der Vorbereitung auf das Heim-Turnier, bei dem eine „wunderbare deutsche Mannschaft ganz viel schaffen kann“, wie Wolf glaubt.
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Damit das auch künftig bei Turnieren so bleibt, ackert Wolf den Sommer durch, wirbt weiter für seine Trainingsphilosophie und die DFB-Reform. Die „Talsohle“ sei durchschritten, sagt er. Erste Erfolge werde man bald sehen – im „Fußballland“ Deutschland.