Tränen und echte Helden in der Fabrik – auch eine HSV-Legende wird emotional
Feuchte Augen und leuchtende Augen. Der FC St. Pauli und der HSV in einer wichtigen Sache vereint. Die Verleihung des Julius Hirsch Preises im Kulturzentrum „Fabrik“ in Ottensen wurde zu einer tief emotionalen Veranstaltung – mit echten Helden auf der Bühne.
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ist kein Verband, der unter deutschen Fußballfans positive Assoziationen hervorruft. Die Initiative, einen Preis ins Leben zu rufen, mit dem Personen geehrt werden, die sich für Freiheit, Toleranz und Menschlichkeit einsetzen, darf aber als durch und durch gute Idee angesehen werden. Mit dem Julius Hirsch Preis, der seit 2005 jährlich verliehen wird, erinnert der DFB an den früheren deutschen Nationalspieler Julius Hirsch, der 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft aus seinem Verein, dem Karlsruher FV ausgeschlossen wurde und 1943 von den Nazis im Vernichtungslager Auschwitz ermordet wurde.
Bewegende Worte von Neuendorf und Hrubesch
Der DFB habe sich „mit dem NS-Regime und einem menschenverachtenden System, das den Holocaust zu verantworten hat, gemein gemacht“, erinnerte DFB-Präsident Bernd Neuendorf in der Fabrik an die dunkle Vergangenheit des Verbandes. Aus dieser Historie erwachse eine Verantwortung.

Eine Verantwortung, die auch HSV-Legende Horst Hrubesch lebt. In seiner Zeit als Bundestrainer für die DFB-Juniorenmannschaften und die Frauen-Nationalmannschaft besuchte er mit seinen Teams viermal die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. „Das war auch für mich schwierig“, sagte der 74-Jährige. „Die Jungs und Mädels hatten Schwierigkeiten, sich das anzugucken und damit klarzukommen.“

Es sei aber ungemein wichtig, den Charakter von jungen Menschen zu bilden, damit diese einstehen gegen menschenverachtende Entwicklungen, gegen Rassismus. Die harten Bilder in Yad Vashem hätten einige seiner früheren Spielerinnen und Spieler an die Grenzen gebracht. „Einige haben es nicht geschafft, den Rundgang komplett zu machen“, sagte Hrubesch: „Ich hatte auch selbst meine Probleme damit, das zu verarbeiten.“ In der heutigen Zeit gehe es aber eben darum, „dass uns das nie wieder passiert“.
Oke Göttlich und Henrik Köncke betonen Gemeinsamkeiten
Gegen rassistische Tendenzen zu kämpfen, das haben sich auch der HSV und der FC St. Pauli auf die Fahnen geschrieben. Bei diesem Thema betonten die Präsidenten Oke Göttlich (St. Pauli) und Henrik Köncke (HSV) ihre Gemeinsamkeiten. „Jede Form der Diskriminierung hat keinen Platz bei uns, beim HSV, aber auch bei der Stadt Hamburg. Wir treten dem sehr entschieden entgegen“, sagte Köncke.

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Göttlich merkte dazu an: „In den Farben getrennt, aber in der Sache vereint.“ Der Fanladen St. Pauli war 2016 für die Aktionswoche „Kein Fußball den Faschisten“ mit dem 1. Preis des Julius Hirsch Preises ausgezeichnet worden. Auf diesen Slogan hinzuweisen, sei in den aktuellen Zeiten wichtiger denn je, mahnte Göttlich. Es sei abzulehnen, mit Menschen- und Demokratiefeinden in Kontakt zu treten. Die Brandmauern gegen den Rechtsextremismus müssten bestehen bleiben.
Preisträger aus München, Dortmund und Pfinztal
Es war ein emotionaler Abend, an dem auch Rachel Rinast zu Wort kam. Die jüdische Spielerin des FC St. Pauli setzt sich seit Jahren für Vielfalt und Gleichberechtigung ein. „Was es mir bedeutet hier zu sein, kann ich gar nicht beantworten“, sagte die 48-malige Schweizer Nationalspielerin, bevor ihre Stimme brach. „Ich finde es sehr ergreifend, was hier heute gesagt wurde. Ich fühle mich hier sehr sicher und das ist sehr wichtig, weil das in der heutigen Zeit schnell abhandenkommen kann.“ Der Julius Hirsch Preis sei ungemein wichtig, „weil das Thema Antisemitismus in der heutigen Zeit viel, viel größer wird und ich niemals gedacht hätte, dass das noch mal so groß werden kann“.
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Angelika Ribler, Referatsleiterin bei der Sportjugend Hessen und 2010 ausgezeichnet mit dem Ehrenpreis des Julius Hirsch Preises, war ergriffen. „Ich komme aus einer Täterfamilie“, sagte die langjährige Kämpferin gegen rechtsextreme Tendenzen im Sport. „Mein Vater war bei der SS.“ Das gebe ihr die Kraft für ihren Kampf. Dann brach auch ihre Stimme. Unter Tränen verließ sie die Bühne.

Die gehörte im Anschluss weiteren Heldinnen und Helden, die erstmals im großen Licht der Öffentlichkeit standen. Der Münchner FC Mainaustrasse, der mit Menschen aus einer Flüchtlingsunterkunft einen Verein gründete, um am organisierten Sport teilzunehmen, erhielt den 3. Preis. Das Kooperationsprojekt „Nordstadtliga Dortmund“ – eine selbstorganisierte Straßenfußballliga im sozialen Brennpunkt der Dortmunder Nordstadt – bekam den 2. Preis. Der 1. Preis ging an den Seminarkurs der elften Klasse des Ludwig-Marum-Gymnasiums in Pfinztal, der mit der Entwicklung der „Julius-Hirsch-Event-Box“ ein innovatives Beispiel für schulisches Engagement im Bereich der Erinnerungskultur gesetzt hat. Und es zeigte sich an diesem Abend in Hamburg, dass bei allen bedrohlichen Tendenzen, dann vieles doch noch sehr gut läuft in Deutschland, wenn Menschen eines in ihrem Denken und Handeln voranstellen: Menschlichkeit.
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