„Schnauze voll von der Schule“: Nordlicht will jetzt bei der EM glänzen

Selina Cerci bei einem EM-Spiel am Ball
Selina Cerci setzte als Kind alles auf Fußball – und trägt nun das Trikot der deutschen Nationalmannschaft.

Schule? Nein, danke. Lernen? Bitte nicht. Für Selina Cerci standen die Prioritäten schon sehr früh fest. Die gebürtige Kielerin, die aktuell mit der deutschen Frauen-Nationalmannschaft in der Schweiz um den EM-Titel kämpft, setzte bereits im Kindesalter alles auf eine Karte. Mit gerade mal 15 Jahren zog sie von zu Hause aus, schmiss die Schule und verließ ihre Heimat – für einen Traum vom Profifußball, der für Mädchen damals noch viel unrealistischer war. Mit der MOPO sprach die heute 25-Jährige über Stress in der Schule, riskante Entscheidungen und heimliche Bolzplatz-Treffen mit Jungs.

Wenn sie einen Ball sah, war für Selina Cerci alles andere egal. „Fußball war schon von klein auf meine Leidenschaft“, erzählt die Nationalspielerin der MOPO und strahlt, wenn sie daran zurückdenkt: „Ich habe jeden Nachmittag meinen Rucksack genommen, war dann bis 19 oder 20 Uhr auf dem Schotterplatz und habe dort mit den Jungs gezockt. Ich war damals Abwehrspielerin und habe die Jungs immer abgeräumt. Davon profitiere ich bis heute.“

DFB-Stürmerin Selina Cerci: Lieber Fußball als Schule

Dass die kleine Selina eigentlich nach der Schule hätte lernen sollen, war ihr damals „ziemlich egal“ gewesen, sagt sie rückblickend. „Das Thema Lernen fiel da irgendwie ein bisschen unter den Tisch – und dementsprechend auch meine Noten“, sagt Cerci heute und lacht. „Da musste meine Mutter natürlich schon ein bisschen eingreifen. Klar, wollte ich sie nicht enttäuschen, dass ich scheiße in der Schule war. Aber ich wollte andererseits genauso wenig das Talent aufgeben, das in mir steckte. Ich hätte mir nie vorstellen können, wegen meiner schlechten Noten mit dem Fußballspielen aufzuhören.“

Selina Cerci bei einem EM-Spiel gegen Polen
Bei der laufenden EM wurde Cerci im ersten Spiel gegen Polen (2:0) eingewechselt.

Also fasste Cerci einen mutigen Entschluss: Im Alter von 15 Jahren schmiss sie die Schule und verließ ihre Heimat im Norden. „In Kiel gab es kein Sportinternat, wo ich Schule und Fußball hätte kombinieren können“, berichtet sie. „Ich war nun mal nebenher nicht so gut in der Schule. Also hat mich meine Mutter vor die Wahl gestellt: entweder Schule oder Fußball. Und bei mir gab es eben nur Fußball. Also musste ich Kiel verlassen.“

Vom SV Friedrichsort und dem Nachwuchs von Holstein Kiel ging es für die junge Cerci dann ins 350 Kilometer entfernte Magdeburg – und zwar ganz allein. „Das war definitiv eine sehr mutige Entscheidung“, weiß die Stürmerin heute. „Ich bin schon immer nach meinem Bauchgefühl gegangen und bin froh, dass ich es damals so durchgezogen habe. Vielleicht habe ich jetzt nur ein Fachabitur, weil man als Fußballerin irgendwann die Schnauze voll hat von der Schule. Aber letztendlich bin ich stolz auf den Weg, den ich gegangen bin, und bereue nichts davon.“

Selina Cerci will mit dem DFB-Team den EM-Titel holen

Über den FC Bayern II und Werder Bremen fand Cerci schließlich 2020 den Weg zu Turbine Potsdam in die Bundesliga – und wurde dort zur Nationalspielerin. „Es fühlt sich bis heute unbeschreiblich an, dieses Trikot zu tragen“, sagt die Torschützenkönigin der abgelaufenen Bundesliga-Saison (16 Tore), die im ersten EM-Spiel gegen Polen als Joker zum Einsatz kam. „Ich sage immer: Wenn du etwas für eine Sache tust, wirst du am Ende auch dafür belohnt. Und das war bei mir auch so.“

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Wegen eines Kreuzbandrisses verpasste die Offensivspielerin zwar die Europameisterschaft 2022 („Da war ich wirklich voll am Ende“), kämpfte sich aber zurück – und darf nun drei Jahre später vom EM-Titel träumen. „Mein Ziel ist es natürlich, dass wir den Titel holen“, stellt Cerci klar. „Und dann können wir noch mal was auslösen im Frauenfußball. Darauf kann sich Deutschland freuen.“ Und spätestens dann hätte sich jede ihrer Entscheidungen als Kind gelohnt.