Meinung zum Fall Ulmen: Auch Fußball-Profis müssen jetzt laut werden!
„Der aus Jerks? Was? Wie kann…“ Die Fragen brodeln im Kopf, als die Nachricht bekannt wird. Der Fall Ulmen frisst einen auf. Frage nach Frage. Stimme nach Stimme. Man versinkt im „Rabbit hole“. Doch je weiter man liest, scrollt, fragt – eines wird schnell sichtbar. Die große Mehrzahl der öffentlichen Statements, Meinungen und Solidarisierungen stammt von Frauen.
Auf den ersten Blick: Logisch. Jede dritte (!) Frau in Deutschland wird im Laufe ihres Lebens Opfer von häuslicher oder sexualisierter Gewalt. Jeder kennt mindestens eine Frau, die direkt betroffen ist. „Männer können das ja gar nicht verstehen“, so die Ausrede. Sie sehen die Nachricht. Denken: ‚Der aus Jerks? Was? Wie kann…‘, dann geht das Leben weiter. Schließlich müssen sich die wenigsten Männer tagtäglich mit Sexismus und der Angst vor sexualisierter Gewalt auseinandersetzen.
Collien Fernandes hat Vertrauen verdient
Aber, ist es wirklich nur das? Warum äußern sich so wenige Männer öffentlich, solidarisieren sich, werden laut? Ist es die Angst vor Gegenwind? „Aber, es gilt doch die Unschuldsvermutung.“ Auf Nachrichten wie diese trifft man immer wieder, versinkt man im Thema. Doch kann man sich darauf ernsthaft berufen? So wichtig die Vermutung der Unschuld auch sein mag, eines sollte wichtiger sein: der gesunde Menschenverstand. Schaut man sich Videos von Collien Fernandes an, wie sie vom Vorfall berichtet, sieht man ein Gesicht, dass diese Dinge erlebt hat.

Diese mutige, selbst betroffene Frau arbeitet jahrelang an den Themen „Deepfakes“ und der sexualisierten Gewalt an Frauen, recherchiert, äußert sich, geht mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. Und es gibt immer noch Menschen, dessen erster Gedanke dem Schutz des Angeklagten gilt? Was wiegt mehr? Der Schutz eines Mannes, dem grausame Taten vorgeworfen werden, oder dem Opfer Vertrauen zu schenken? Was ist die Message, wenn ersteres als wichtiger empfunden wird? Den Menschen, die ein solches Leid erleben mussten, wird der Mut genommen. Die Hoffnung, etwas verbessern zu können. Gehört zu werden.
Deutliche Worte von René Adler zum Fall Ulmen
Ein großer Teil des Problems: Das Schweigen der Männer. Die Botschaft für Betroffene: Es bringt doch sowieso nichts.
Ein Mann, der sich geäußert hat: René Adler. Ex-HSV-Star, ehemaliger Nationalspieler – aber vor allem: Vater. Vater eines dreijährigen Mädchens. „Ich bin sprachlos, ernüchtert und desillusioniert, in was für eine kranke Welt meine Tochter geboren wurde“, schreibt er. „Mehr mutige, starke Frauen in Machtposition, weniger kranke Arschlöcher.“

Die WochenMOPO – ab Freitag neu und überall, wo es Zeitungen gibt!
Diese Woche u.a. mit diesen Themen:
- Alarm, Dreck, Chaos: Feuerwehrmann über dramatische Zustände in Flüchtlingsunterkunft
- Fahrschein, bitte: An welchen Bahnhöfen am häufigsten kontrolliert wird
- Feuer-Drama: Welche Rolle eine Kloschüssel bei der Rettung einer Familie spielte
- Große Rätselbeilage: Knobelspaß für die ganze Woche
- 16 Seiten Sport: HSV-Juwel Baldé im Fokus & Sky-Kommentator über St. Paulis Abstiegskampf
- 28 Seiten Plan 7: Eine Ausstellung wie „ein Tauchgang“ & ein aufwühlendes Stück an den Kammerspielen
Die Worte von Adler zeigen: Auch Männer solidarisieren sich mit Collien Fernandes. Und dennoch – es sind nach wie vor überwiegend Frauen, die sich äußern. Die laut werden. Die sich an Fernandes wenden – ihr Mut zusprechen. Doch auch, oder sogar gerade für Männer sollten spätestens solche schrecklichen Vorfälle ein Signal sein.
Bundesliga: Aktionsspieltag für Respekt, Fairplay und Solidarität
Am vergangenen Wochenende fand in der Fußball-Bundesliga der Aktionsspieltag für Respekt, Fairplay und Solidarität statt. Unter dem Motto: „Together! Stop hate. Be a team“. Ein Wochenende, an dem im Sport grundlegende gesellschaftliche Säulen im Rampenlicht stehen. Immer wieder braucht es darüber hinaus erst erschreckende Geschehnisse, damit gesellschaftliche Missstände auch im Sport thematisiert werden. Und wenn sie thematisiert werden, meist von einzelnen Personen.
#TOGETHER! Stop Hate. Be a Team.
— DFL Deutsche Fußball Liga (@DFL_Official) March 23, 2026
Wir haben Spieler der #Bundesliga und 2. Bundesliga gefragt, welche Erfahrungen sie mit Hass im Alltag gemacht haben und wie sie damit umgehen ?⬇️
#BundesligaWIRKT | #IWgR2026 | @1FSVMainz05 | @Eintracht | @VfB pic.twitter.com/AaYKRGaRAt
Klar: Der Fall Ulmen hat keinen direkten Bezug zum Fußball. Warum sollten sich die Sportler dann äußern? Längst geht es im Fußball nicht mehr nur noch um Sport. Fußball kann nicht nicht politisch sein. Zu groß die gesellschaftspolitischen Missstände. Zu groß die Tragfläche der Events und Persönlichkeiten. Kinder und Jugendliche sehen Profi-Sportler als Vorbilder, es sind vor allem Jungen, die zu Fußballern aufsehen und ihre Meinung aufnehmen. Es geht um Themen, die alle betreffen. Drum gilt: Ob Frau, Mann oder divers. Ob, Sportler, Bäcker oder Politiker. Damit sich etwas ändert, müssen alle mitmachen – müssen alle laut werden. Es darf nicht nur für ein Wochenende heißen: „Zusammen gegen Hass“.
Für Christian Ulmen gilt die Unschuldsvermutung. Sein Anwalt Christian Schertz kündigte rechtliche Schritte gegen die Berichterstattung des „Spiegel“ an, bei der es sich „in großen Teilen um eine unzulässige Verdachtsberichterstattung” handle. Zudem würden „unwahre Tatsachen aufgrund einer einseitigen Schilderung verbreitet”.
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