Abschied von Hamburgs Top-Schiri: Ittrich erzählt kuriose Guardiola-Story
Nur noch dieses eine Mal. Ein Anpfiff um 15.30 Uhr und ein letzter Abpfiff gegen 17.20 Uhr, das war es dann für ihn. Was Patrick Ittrich am Samstag bevorsteht, klingt erst mal verdammt traurig. Doch Hamburgs aktuell einziger Bundesliga-Schiedsrichter hat eine ganz andere Sichtweise. „Ich freue mich riesig auf alles, was nach diesem letzten Pfiff kommen wird“, sagt der 47-Jährige, ehe er am Samstag mit der Partie von Union Berlin gegen den FC Augsburg seine Profi-Laufbahn beenden wird. Vorab blickt er in der MOPO auf seine Jahre in der Bundesliga zurück.
Wenn Zahlen sprechen könnten, würden sie im Falle von Ittrich ganz allein Bände füllen. 287 Partien leitete der Polizist im Profibereich. 1216-mal zückte er Gelb, 79 Spieler verwies er des Feldes und er verhängte 88 Strafstöße. Was aber steckt hinter diesen Daten? Vor seinem letzten Auftritt öffnet Ittrich seine persönliche Schatztruhe und erinnert sich an besondere Ereignisse.
Patrick Ittrich ist mit seiner Saisonleistung zufrieden
Das erste Spiel: „Ingolstadt gegen Wolfsburg, am 13. Februar 2016: Ich habe alles, was mit diesem Spiel zusammenhängt, noch genau abgespeichert. Das erste Bundesligaspiel bleibt ja ohnehin besonders in Erinnerung, ich hatte aber auch das Glück, dass es für mich sensationell gut lief. Ich musste keine einzige Gelbe Karte geben. Ich weiß noch, wie ich an Sky-Reporter Jens Westen, den ich schon länger kannte, vorbeilief, und der mir zurief: ,Na, Paddie – geil, oder?‘ Und so war es auch: einfach geil. Genauso wie dritte Halbzeit im Clubhaus von HT 16.“
Das beste Spiel: „Ich würde mir kein einzelnes rauspicken, sondern sage: Ich pfeife gerade die mit Abstand beste Saison meiner Karriere. In meinen zehn Saisonspielen in der Bundesliga ist mir kein einziger gravierender Fehler unterlaufen. Diskussionen gab es nur, als ich Anfang Februar nach einem Foul am Mainzer Philip Tietz gegen Augsburg auf Strafstoß entschieden habe – das war’s. Ich kann wirklich sehr zufrieden mit dieser Saison sein.“
Das emotionalste Spiel: „Anfang Mai 2025 konnte ich nach einjähriger Verletzungspause wieder ein Profispiel leiten, das war die Partie Bielefeld gegen Dresden in der dritten Liga. Das war für mich sehr emotional, weil ich zwischenzeitlich nicht dachte, dass ich nach der Verletzungsmisere noch mal würde zurückkommen können. Zu sehen, dass es noch geht, war brutal erleichternd.“
Das heftigste Spiel: „Keine Frage: Wolfsburg gegen Schalke im August 2018 war mein schlechtestes Spiel – und das gleich am ersten Spieltag der Saison. Ich habe acht Gelbe und eine Rote Karte verteilt, dazu einen Platzverweis für Wolfsburgs Wout Weghorst zurückgenommen. Der Druck nach dem Spiel war unfassbar groß. Da ging es tatsächlich auch um meinen Verbleib in der Bundesliga. Aber es ist ja alles gut gegangen.“
Der beste Spieler: „Dafür verlasse ich die Bundesliga und gehe in den Junioren-Bereich. 2005 habe ich ein Spiel der Schalker U19 in der A-Jugend-Bundesliga gepfiffen, da war ein Spieler auf dem Feld, der von niemandem aufzuhalten war. Der hat die Gegner umkurvt wie Fahnenstangen, es war unglaublich. Sowas hatte ich vorher noch nie gesehen. Der Name des Spielers? Mesut Özil.“
Özil und Lewandowski zählen zu den Highlights
Das denkwürdigste Spiel: „Ich war Assistent von Tobias Stieler, als Robert Lewandowski im September 2015 Geschichte schrieb. Innerhalb von neun Minuten schoss er fünf Tore für Bayern gegen Wolfsburg und stellte damit gleich vier Weltrekorde auf. Ich weiß noch, dass ich draußen dicht neben Pep Guardiola stand. Wir haben uns beide angeguckt und nur mit dem Kopf geschüttelt, weil wir beide nicht kapiert haben, was da gerade abging.“
Der Lieblingskollege: „Da gibt es mehrere. Etwa Guido Winkmann, der noch als Video-Assistent arbeitet. Deniz Aytekin, Frank Willenborg und Tobias Welz, die nun zusammen mit mir aufhören, sind mir zu richtig tollen Freunden geworden. Das ist ein großes Glück, das ich sehr zu schätzen weiß.“
Gelb fürs Trikotausziehen nervt Referee Ittrich
Die nervigste Regel: „Ganz klar: Gelb fürs Trikotausziehen! Da schießt jemand ein Tor, freut sich total, zieht sich das Trikot über den Kopf – und du musst ihm Gelb geben. Das nervt total, ist aber regeltechnisch nicht anders möglich.“
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Die wertvollste Regeländerung: „Dass der Ball beim Abstoß nicht mehr aus dem Strafraum herausgespielt werden muss. Seit 2019 ist das so. Ich muss viel aufmerksamer sein, weil Bälle nicht mehr nur lang herausgespielt, sondern auch kurz gepasst werden können und es dann schnell auch zu elfmeterreifen Szenen kommen kann. Das ist eine eher unscheinbare Regel, aber sie hat den Fußball verändert – sowohl in Bezug auf die Taktik als auch für mich als Schiedsrichter.“
Karriereende beim Spiel Union gegen Augsburg
Das letzte Spiel: „Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich am Samstag noch mal zum Einsatz komme und an der Alten Försterei pfeifen darf. Ein tolles Stadion mit großartiger Atmosphäre. Das wird sicher sehr speziell, ich freue mich darauf – und auf alles, was danach kommt. In den vergangenen Wochen, nachdem ich das Ende meiner Laufbahn bekannt gegeben habe, war es doch ziemlich stressig. Nun fühle ich keine Trauer oder Wehmut, sondern sogar eine gewisse Art der Befreiung. Und pure Dankbarkeit.“