Fußball-WM

MOPO-Redakteure verraten: Das waren unsere Highlights und Flops der XXL-WM

VOZINHA aus Cabo Verde jubelt in Atlanta mit der Flagge beim WM-Spiel gegen Spanien.
Kap Verde mit Torhüter Vozinha (40) wurde zu einer der größten – und begeisterndsten – Überraschungen der WM.

104 Spiele WM, 39 Tage voller Fußball: Zehn MOPO-Redakteure ziehen eine ganz persönliche Bilanz ihrer Tops und Flops – von Kap Verde über Trump bis hin zu Gakpo oder Nagelsmann.

104 Spiele, in 16 Stadien, in drei Ländern, bis zum Finale am Sonntag 39 Tage voller Fußball – die XXL-WM in Nordamerika hält auch die MOPO-Sportredaktion in Atem. Wir mussten das frühe deutsche WM-Scheitern aufarbeiten, haben die eine oder andere Nachtschicht hingelegt – und wir waren begeistert, aber auch mal entsetzt. Zehn Redakteure nennen hier ihr persönliches Turnier-Highlight sowie ihren größten WM-Flop.

„Gut, dass ich das Kap-Verde-Trikot schon hatte“

Mein WM-Highlight: Kurz vor der WM habe ich mir ein Kap-Verde-Trikot zugelegt – nicht, weil ich eine besondere Beziehung zu dem afrikanischen Archipel hätte, sondern, weil mein Herz seit jeher für Underdogs schlägt und ich das Jersey ganz cool fand. Was dann passierte, hätte ich nie für möglich gehalten. Wie Torwart (und jetzt auch Social-Media-Star) Vozinha (40) die späteren Finalisten aus Spanien und Argentinien verzweifeln ließ, wie seine Vorderleute auch eine nicht für möglich gehaltene spielerische Klasse zeigten, ließ mich zum Fan dieses Teams werden. Gut, dass ich das Trikot schon hatte.

Mein WM-Flop: Die erschreckende Normalität des Rassismus. Schon in der Gruppenphase registrierte die FIFA 89.000 beleidigende Beiträge, viele davon rassistisch. Nach seinem verschossenen Elfmeter gegen Paraguay wurde der gebürtige Hamburger Jonathan Tah zur Zielscheibe solcher Hetze. Er hatte Verantwortung übernommen – und wurde dann wegen seiner Hautfarbe entwürdigt.

Frederik Ahrens (46)

„Schade, dass Mexiko nicht alleiniger Ausrichter war“

Mein WM-Highlight: Wie stolz die mexikanischen Fans darauf waren, dass ihr Land zum dritten Mal als WM-Ausrichter fungieren durfte, war vor, während und nach den Spielen zu sehen, zu spüren und zu hören. Die Stimmung, gerade im legendären Aztekenstadion und besonders im hochdramatischen Viertelfinale gegen England (2:3), war mitreißend und hochemotional. Ich hätte mir gewünscht, dass das gesamte WM-Turnier in diesem fußballverrückten und so gastfreundlichen Land stattgefunden hätte.

Jubelnde Fans der mexikanischen Nationalmannschaft feiern nachts auf dem Paseo de la Reforma in Mexiko-Stadt.
Fans feiern auf der Paseo de la Reforma in Mexiko-Stadt den 2:0-Sieg der Nationalmannschaft gegen Ecuador vor einer großen Menschenmenge.

Mein WM-Flop: Dass Donald Trump im Turnierverlauf doch noch im Mittelpunkt stehen würde, war zu befürchten. Er bat seinen Kumpel Gianni Infantino darum, die den Regeln entsprechende Rotsperre für US-Spieler Folarin Balogun noch mal zu überdenken. Dass der FIFA-Boss dieser Bitte offensichtlich nachgekommen ist, bleibt unerträglich! Die klare Pleite der Amerikaner gegen Belgien – trotz Balogun – war dann der verdiente Lohn dafür, den Fußball nachhaltig geschädigt zu haben.

Lars Albrecht (45)

„Nagelsmann hat die Demut gefehlt“

Mein WM-Highlight: Dass sich durch eine Weltmeisterschaft Menschen aus aller Welt im Gastgeberland treffen, macht für mich so ein Turnier aus. Wie die schottischen Fans diesen Geist trotz widriger Umstände auch in die USA getragen haben, war unglaublich. Da mussten auch viele Amerikaner staunen, als die „Tartan Army“ Baseballspiele der US-Liga MLB zu einer Party in Blau gemacht hat.

Mein WM-Flop: Schon vor der WM hat Bundestrainer Julian Nagelsmann so viele kommunikative Fehler gemacht, dass eine wirkliche Euphorie nie wirklich aufkam. Er wirkte zu keiner Zeit so, als hätte er Spaß an der Aufgabe, sondern eher verbissen und dünnhäutig. Inhaltlich hätte er das Zeug gehabt, eine Ära zu prägen, sein Ego hat ihn dabei ausgebremst. Ein Bundestrainer sollte in der Öffentlichkeit demütiger auftreten.

Jan-Hendrik Schmidt (38)

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„Nebengeräusche nervten extrem“

Mein WM-Highlight: Sportlich war es eines der hochklassigsten Turniere der Geschichte. Die Befürchtung, die Qualität würde unter der XXL-WM leiden, ist nicht eingetroffen. Stattdessen waren die meisten Partien taktisch und spielerisch auf höchstem Niveau. Ein Beleg dessen: das beste Halbfinal-Feld, das es je gab. Erstmals waren die letzten Vier nämlich die vier besten Teams der Weltrangliste.

Mein WM-Flop: So sportlich begeisternd die WM war, so sehr nervten die Nebengeräusche. Denn es war zugleich auch die politischste WM der Geschichte, und zwar im unschönsten Sinne. Die willkürliche Abweisung des somalischen Schiris Omar Artan, die Ein- und Ausreise-Schikane der iranischen Mannschaft – all das hat bei einem der größten Sport-Events der Welt überhaupt nichts verloren.

Robin Meyer (27)

„Das spanische Wort für Treter? Galarza!“

Mein WM-Highlight: „Take on me“ – das war in meiner Jugendzeit kein Lied, sondern eine Hymne. Aber niemand sang den 1985 erschienenen Song der norwegischen Gruppe a-ha so inbrünstig und herrlich wie Erling Haalands Papa Alf-Inge 41 Sommer später. Er tanzte nach Siegen des Teams zu den Klängen auf der Tribüne, prostete nebenbei mit einem Sektglas zu und war außer sich vor Freude. Schöner geht es nicht.

Mbappé und Galarza ringen im WM-Spiel in Philadelphia um den Ball vor voller Tribüne.
Paraguays Matías Galarza teilte ordentlich aus.

Mein WM-Flop: Kennen Sie den spanischen Begriff für einen Spieler, der ständig foult und um sich tritt? Man nennt ihn einen „Galarza“. Benannt nach dem Paraguayer Matías Galarza, der bei dieser WM sein Unheil trieb. Gegen Deutschland und die Franzosen schlug und trat er im Minutentakt, wie ich es seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Rot? Natürlich nicht. Aber Tränen. Bei Galarza, nach dem Ausscheiden. Da musste auch ich fast weinen. Vor Freude.

Simon Braasch (53)

„Das letzte Klassentreffen der Superstars“

Mein WM-Highlight: Bei dieser WM war nicht nur die Erfolgsquote der Superstars außergewöhnlich, sondern vor allem auch ihre Anzahl. Es war ein großes Klassentreffen ehemaliger und aktueller Giganten des Fußballs. Dass einige ihre besten Jahre schon hinter sich haben, war zu sehen. Doch ich empfinde es als Segen, sie alle noch einmal gemeinsam auf der ganz großen Fußballbühne erleben zu dürfen. In dieser Zusammensetzung wird es das nie wieder geben. Für viele wie Cristiano Ronaldo, Luka Modric, Manuel Neuer oder Neymar war es das letzte große Fest dieser Art.

Mein WM-Flop: Live verfolgen konnte ich nur einen Bruchteil der Spiele dieser XXL-WM. Das lag nicht an fehlendem Interesse, sondern an den zu vielen (16!) unterschiedlichen Anstoßzeiten, die mich genervt und irritiert haben. Für mich ein klarer Negativrekord!

Florian Rebien (49)

 „Der Undav-Hype war leider zu kurz"

Mein WM-Highlight: Deniz Undavs spätes Siegtor gegen die Elfenbeinküste bewies, wie nur ein Moment Fußball-Deutschland in Ekstase versetzen kann. Es blieb leider bei diesem Augenblick. Es fühlte sich aber auch als Fan wie Genugtuung an, dass der Stürmer mit Scorerpunkten auf Julian Nagelsmanns Frühjahrs-Kritik reagierte. An ihm lag’s nicht.

Mein WM-Flop: Wo kommt man hin, wenn man sich über ein eigenes Tor ärgert? Algerien traf im letzten Gruppenspiel spät zur 2:1-Führung, doch so drohte plötzlich Spanien als Gegner im Sechzehntelfinale. Österreich glich in der Nachspielzeit noch zum 2:2 aus, „zum Glück“. Der Modus mit acht Vorrunden-Dritten, die weiterkommen, ist abstrus. Algerien verlor danach übrigens trotzdem – gegen die vermeintlich schwächeren Schweizer.

Tim Meinke (26)

„Der VAR mindert das Vertrauen“

Mein WM-Highlight: Internationalität, (Fußball-)Geschichte und Musik in einem: Auf einem Konzert in Gent bat der Sänger Bruno Berle das belgische Publikum, am Abend seinen Brasilianern gegen Norwegen die Daumen zu drücken, weil Belgien die Brasilianer ja 2018 rausgeworfen hatte. Auf dem Rückweg vom Festival trauerten vor einer Bar verzweifelte, gelb gekleidete Fans, weil auch Daumendrücken gegen Haaland nicht immer hilft.

Mein WM-Flop: Der „Videobeweis“ zementiert die Verhältnisse im Weltfußball eher, statt für bessere Entscheidungen zu sorgen. Wer wann wie eingreift, war weniger schlüssig denn je – das mindert Vertrauen in die Regelanwendung und schadet den Schiris. Von der zweifelhaften VAR-Praxis haben Weltmeister und Superstars profitiert, kleinere Fußballländer eher nicht. Die DFB-Elf gegen Paraguay auch nicht – aber das ist ein anderes Thema.

Folke Havekost (53)

„Trinkpausen mit Bon Jovi – übel!“

Mein WM-Highlight: Die neue Regel, dass man nach einer Behandlungspause 60 Sekunden lang nicht zurück aufs Spielfeld darf, hat was. Es war teils sehr unterhaltsam zu beobachten, wie bei Schauspielern, die sich nach einer hauchzarten Oberschenkel-Berührung schreiend das Sprunggelenk hielten, der Groschen pfennigweise fiel. Als sie geschnallt hatten, dass Unterzahl droht, wenn der Schiri die Mediziner aufs Feld lässt, waren sie blitzartig genesen. Vielleicht ein Anfang, diese unsportliche Unart einzudämmen.

Trinkpause im Stadion, Sprinkler bewässern den Rasen vor dicht besetzten Tribünen beim WM-Spiel Paraguay gegen Frankreich.
Unter Infantino macht die FIFA alles zu Geld – auch die zur WM neu eingeführten Trinkpausen.

Mein WM-Flop: Ich hatte noch nie was für Bon Jovi übrig. Für Liebhaber deftiger Stromgitarrenmusik taugte die Band einst als perfektes Feindbild mit ihren Fönfrisen und dem Radio-Rock. Von daher passte „Livin’ on a prayer“ zwar perfekt in das Party-Lala-Gedudel der unsäglichen als „Hydration break“ getarnten Werbepausen. Im Fußball hat dieser Ballermann-Anflug so gar nichts verloren!

Stefan Krause (58)

„Wenn es um mehr geht als um Fußball“

Mein WM-Highlight: Wenige Tage nach dem Verlust seines ungeborenen Sohnes stand Cody Gakpo wieder auf dem Platz. Im Sechzehntelfinale erzielte er im Fallen das Führungstor für die Niederlande – und blieb liegen. Es war der größte Gänsehaut-Moment der WM. Als die gesamte Bank zu ihm stürmte, blickte Gakpo nur in den Himmel. In diesem Moment war der Fußball plötzlich Nebensache. Dieses Tor gehörte nicht den Niederlanden, nicht ihm selbst. Es gehörte Elijah – seinem Sohn, den er nie kennenlernen durfte.

Mein WM-Flop: Die WM sollte alle Menschen zusammenbringen. Jeder sollte die Möglichkeit haben, dieses Spektakel erleben zu dürfen. Doch es wurde zum Privileg der Reichen. Horrende Ticket- und Parkpreise führten nicht nur dazu, dass vielen Fußball-Verrückten der Eintritt verwehrt wurde, sondern auch dazu, dass Event-Fans die sonst so besondere WM-Stimmung oftmals erstickten.

Lasse Müller (20)

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