Fußball-WM
Kommentar zum Nagelsmann-Aus: Die Qualität der Spieler ist nicht das Problem des DFB
Julian Nagelsmann ist nicht mehr Bundestrainer. Jürgen Klopp soll übernehmen. Ein Versuch der Spurensuche, warum der deutsche Fußball da steht, wo er steht.
Dieser Schritt war unabdingbar. Nach dem frühen Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in den USA, Kanada und Mexiko konnte es kein Weiter-so geben. Der DFB hatte das schnell erkannt und dem beim Turnier kein gutes Bild abgebenden Julian Nagelsmann einen Rücktritt aus eigenen Stücken nahegelegt. Dieser Empfehlung konnte der so ambitionierte Fußballlehrer nicht mehr entkommen, auch um das eigene Gesicht zu wahren. Nagelsmann wird keine Mühe haben, eine neue Aufgabe zu finden. Dafür genießt er in der Branche weiterhin einen zu guten Ruf, auch wenn ihm das Scheitern als Bundestrainer eine kleine Delle geben wird.
Doch der Rücktritt von Nagelsmann wird nicht auf einen Schlag die Probleme der deutschen Nationalmannschaft lösen. Die gehen erheblich viel tiefer als ein sportlich schwaches Abschneiden bei einer WM. Denn bereits seit 2018 performt die DFB-Elite nicht mehr. Darüber täuschen weder mehr oder minder souveräne Qualifikationen für die Turniere hinweg, noch das Erreichen des Final Fours der Nations League oder ein bitteres EM-Aus im Viertelfinale gegen den späteren Europameister Spanien.
Nagelsmann-Aus: Das Scheitern der Nationalmannschaft wurde zur Regel
Die Nicht-Leistungen sind mehr Regel als Ausnahme und dürfen nicht, wie in der Vergangenheit zu oft geschehen, jeweils nur im Einzelfall analysiert werden. Zwischen 2010, spätestens 2012, und 2016, gegebenenfalls noch mit der folgenden WM-Quali, war die DFB-Auswahl Weltklasse. Doch das lag keineswegs an höherer fußballerischer Qualität der Spieler im Vergleich zu heute. Diese Qualitätsdebatte führt zu nichts. Ein Kevin Großkreutz 2014 war nicht besser als ein Jamie Leweling oder ein Assan Ouédraogo heute, ein Shkodran Mustafi hatte nicht mehr Qualität als ein Waldemar Anton. Und auch in der Spitze müssen auch Florian Wirtz und Jamal Musiala sich nicht hinter Thomas Müller und Lukas Podolski verstecken.
Natürlich gibt es positionsspezifische Defizite in der Talententwicklung. Die schnellen Tempodribbler, wie sie die Topnationen haben, die Spiele alleine entscheiden können, gibt es in Deutschland mit ganz wenigen Ausnahmen in der qualitativen Breite nicht. Daran arbeitet der Verband aber seit einigen Jahren mit Nachdruck. Die Wirkung der Nachwuchsreformen werden aber erst weit im nächsten Jahrzehnt sichtbar werden.
Deutschland ist nicht schlechter als Paraguay und Co.
Apropos Topnationen: Spanien, Frankreich, England und vermutlich auch andere sind Deutschland enteilt. Aber gegen diese ist die DFB-Elf bei den vergangenen Weltmeisterschaften nicht unterlegen gewesen, sondern Paraguay, Japan und Südkorea. Auch wenn diese Fußballländer in den vergangenen Jahren aufgeholt haben, steht dem DFB ein erheblich hochwertigerer Pool an guten Fußballern zur Verfügung. Auch hier hinkt als die Qualitätsfrage gewaltig.
Also was ist das große Problem der deutschen Nationalmannschaft, das die besten Spieler des Landes so regelmäßig scheitern lässt? Bei der Suche nach einer Antwort lohnt ein Blick auf die unterschiedlichen Spielergenerationen. Nach den schlimmen Jahren 1998 bis 2004 war der deutsche Fußball am Tiefpunkt, stand nur noch für Rumpel-Fußball. Schon nach der EM 2000, als die DFB-Auswahl mit alternden Größen wie Lothar Matthäus in der Vorrunde ausschied, krempelte der Verband seinen Nachwuchs um. Leistungszentren wurden für die Profiklubs verpflichtend, Stützpunkte in den Landesverbänden entstanden, die Trainerausbildung wurde verbessert. Die Früchte erntete Fußballdeutschland dann Mitte der 2010er Jahre, als sich Bayern München und Borussia Dortmund 2013 mit vielen deutschen Stars im Champions-League-Finale gegenüberstanden und Deutschland ein Jahr später in Brasilien Weltmeister wurde.
Spielgeneration der Rio-Weltmeister war eine andere
Der Unterschied zu heute? Die Generation um Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski, Per Mertesacker und Philipp Lahm und wenig später Sami Khedira, Mats Hummels, Thomas Müller und Toni Kroos musste sich alles selber erarbeiten. Deutschland zählte nicht mehr zur Elite, lange Turniere waren nicht mehr die Regel. Die DFB-Auswahl war Herausforderer. So entstand innerhalb der Nationalmannschaft eine neue DNA. Angefangen mit Umschaltfußball der frühen Löw-Ära zwischen 2006 und 2010 hinzu spanischem Ballbesitzfußball zwischen 2012 und 2016.
Der Stamm der Mannschaft war über Jahre unangefochten, der Weg war klar. Er war vor allem ein gemeinsamer. Nach der EM 2016, als Deutschland im Halbfinale gegen das aufstrebende Frankreich verlor und dem erfolgreichen Confederations Cup 2017 in Russland, als erstmals die noch heute prägende Spielergeneration der Jahrgänge 1995/96 auf sich aufmerksam machte, gelang es Jogi Löw nicht, beide Strömungen miteinander zu vereinen. Spieler wie Leon Goretzka, Joshua Kimmich, Leroy Sané und Serge Gnabry wurden fußballerisch in die Elite geboren. Sie waren schon Stars, ohne mit dem DFB erfolgreich gewesen zu sein. Ohne Frage lieferten sie schon da in ihren Klubs Topleistungen ab, im DFB-Trikot war es aber häufig ein zähes Unterfangen. Der DFB muss auch da bei der Ausbildung gegensteuern.
Nagelsmann hat die Mentalitätsprobleme der Spieler gefüttert
Das Wort Mentalität wird im modernen Fußball gerne benutzt. Diese dieser Generation und der folgenden abzusprechen, wäre auf der einen Seite zwar zu eindimensional, weil alle in ihrer Karriere Erfolg haben oder hatten, aber um eben ganz oben anzukommen, benötigt es eben diese letzten paar Prozent an absoluter Gier, um das eigene Ego zurückzustecken, um sich alles auch wieder erarbeiten zu wollen. Und ja, am Ende ist das eben auch eine Form von Qualität, die den heutigen Nationalspielern in der Breite anscheinend abhanden gekommen ist, obwohl sie alle außerordentlich gut Fußball spielen können. Sich als der Beste zu fühlen, ist etwas anderes, als immer der Beste bleiben zu wollen.
Julian Nagelsmann hat nach mutiger Heim-EM 2024 genau diese Attitüde selbst etwas zu sehr bedient. Natürlich sollte Deutschland grundsätzlich den Anspruch haben, um Titel spielen zu wollen, aber vielleicht hilft ein kompletter Shift zu mehr Demut und zurück in eine Herausfordererrolle zum jetzigen Zeitpunkt mehr.
Klopp könnte dem DFB das geben, was er braucht
Weil, und das ist ein weiterer Teil einer möglichen Erklärung für das Abrutschen des deutschen Fußballs, es keinem Trainer mehr gelungen ist, innerhalb des Teams wirklich Begeisterung zu entfachen, das gemeinsame Brennen für irgendetwas Höheres zu fördern. Sich als Herausforderer zu sehen, sich personell mutiger aufzustellen, eine klare Idee einzubringen und umsetzen zu lassen und die dafür besten Spieler einzusetzen, das könnte irgendwie alles verändern. Und wer ist dafür besser geeignet als Jürgen Klopp? Mr. Begeisterung persönlich. Hohes Anlaufen, Gegenpressing, gerade Weg zum Tor, kommunikatives Aushängeschild, Demut.
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