„Fragen Sie mal die Franzosen nach“: DFB-Boss Rettig erklärt Quartiers-Wahl

Hotelanlage des „Graylyn Estate“ als DFB-Quartier in den USA während der WM
Grüne Oase in North Carolina: die Hotelanlage des „Graylyn Estate“

In den USA befindet sich der DFB-Tross schon, am Samstag (20.30 Uhr/RTL) steht der letzte Test gegen den Haupt-Gastgeber in Chicago an. Danach zieht die Mannschaft in ihr WM-Quartier nach Winston-Salem in North Carolina. Mit dem Luxus-Hotel „The Graylyn Estate“ sind die Trainingsanlagen der Wake Forest University verbunden, auf denen Joshua Kimmich und Co. sich für die Spiele fit machen werden. Wie und weshalb die Wahl auf das beschauliche Örtchen fiel, erklärt der DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig, der von 2015 bis 2019 als kaufmännischer Geschäftsleiter beim FC St. Pauli tätig war, im MOPO-Interview.

MOPO: Warum ist Wake Forest eine gute Wahl?

Andreas Rettig: Ein wichtiger Grund ist die kurze Entfernung zwischen Hotel und Trainingsplatz. Wenn man sich bei diesen Temperaturen täglich durch den Verkehr quälen muss, ist das eher nicht leistungsfördernd. Zudem bieten die drei Uniplätze inklusive Tribüne in einem insgesamt grünen Gelände Top-Bedingungen. Eine ausgeprägte Willkommenskultur der Stadt und sehr gute Arbeitsbedingungen für Medienvertreter runden das Gesamtbild ab. Apropos: Dass wir die Hotelanlage exklusiv haben, ist sicherlich kein Nachteil …

DFB suchte schon seit 2024 ein WM-Quartier in den USA

Wie muss man sich die Quartiersuche vorstellen: Wann beginnt die Auswahl?

Begonnen hat die Quartiersuche direkt im Anschluss an die Europameisterschaft 2024. Insgesamt gab es knapp zehn Reisen vor der WM-Gruppenauslosung. Eine ständig aktualisierte Recherche aller Gegebenheiten lief nebenher mit, orientiert an den Bedürfnissen des Bundestrainers. Die verbliebenen Top-Optionen hat sich Julian Nagelsmann vor der WM-Auslosung selbst vor Ort angeschaut, damit wir im Anschluss an die Auslosung im Dezember Nägel mit Köpfen machen konnten.

Wie viele Personen sind beim DFB an der Auswahl beteiligt? Wer ist für welche Aufgaben zuständig?

Die Hauptarbeit und Gesamtkoordination liegt bei unserem Teammanager Markus Löw und seinem Team, zusammen mit dem DFB-Reisebüro. Das Kernteam besteht aus sechs Personen, die dann noch durch unsere Experten aus den Bereichen Sicherheit, Medien, Küche und Performance, also Athletik, ergänzt werden.

Bundestrainer Julian Nagelsmann, Sportdirektor Rudi Völler und DFB-Präsident Bernd Neuendorf besichtigen die Wake Forest University

Was sind die wichtigsten Entscheidungskriterien und was zeichnet ein gutes Quartier aus?

Die Ausstattung und Qualität der Trainingsplätze haben höchste Bedeutung. Die Distanzen spielen eine große Rolle, ebenso die Exklusivität in der Anlage.

Wie unterscheidet sich ein DFB-Quartier bei großen Turnieren vom Sommertrainingslager eines Bundesligisten?

Hoffentlich durch einen deutlich längeren Aufenthalt. (lacht) Wir kommen jetzt ja aus einer Saison, das heißt: Grundlagenarbeit in Sachen Ausdauer wie bei der Vorbereitung eines Profiklubs muss nicht mehr gemacht werden. Der gravierende Unterschied ist ansonsten die Zeitspanne. Mehr als 14 Tage ist man mit dem Verein ja eigentlich nie unterwegs.

North Carolina ist eine strategische Wahl für das Turnier

Schottland und Norwegen schlagen ihre Zelte zur WM ebenfalls in North Carolina auf. Was macht die Region an der Atlantikküste so attraktiv?

Insgesamt verlagert sich das Turnier in seinem Verlauf geografisch nach Osten. Ein Venue-Hopping kann somit verhindert werden.

Anmerkung: Die deutsche Elf bestreitet ihre Vorrunden-Spiele in Houston, Toronto (Kanada) und New Jersey. Bei einem Gruppensieg wären Boston, Philadelphia und Dallas als weitere Stationen möglich.

WM-Mitfavorit Frankreich gastiert in der Metropole Boston. Gab es beim DFB auch Überlegungen, in einer Großstadt zu residieren?

Nein, für uns war das Credo „kurze Wege“ von zentraler Bedeutung. Fragen Sie mal bei den Franzosen nach deren Reise im März nach …

Anmerkung: Nationaltrainer Didier Deschamps beklagte damals „Probleme mit den Anfahrtswegen“ durch den dichten Verkehr – und verschärfte Flughafenkontrollen. Das veränderte politische Klima in den USA dürfte während der WM immer wieder Thema sein, der DFB hat sich bei der Quartiersuche aber auf sportliche Aspekte konzentriert.

Klub-WM 2025 hatte einen Einfluss auf die Auswahl

Bei der letzten WM in den USA 1994 zog die DFB-Auswahl in die Nähe von Chicago. Spielten die damaligen Erfahrungen eine Rolle bei der aktuellen Entscheidung – und wenn ja, welche?

Turniere sind kaum miteinander vergleichbar, Chicago ist bei der WM kein Spielort mehr. Damals fanden auch viele Spiele in einer Stadt statt. Die Erfahrungen der Spieler und Verantwortlichen der Klub-WM 2025 in den USA sind jedoch in unsere Überlegungen eingeflossen.

Inwiefern?

Es hat uns darin bestätigt, dass Reisewege ein entscheidender Faktor sind. In der Regel sitzen die Spieler bei so einem Turnier 45 bis 60 Minuten pro Trainingseinheit im Bus. Diese zusätzliche Belastung kann entscheidend sein, denn am Ende wird die WM ein Turnier der Physis sein.

Trainingsplätze der Wake Forest University im DFB-Camp in den USA
Auf dem Uni-Gelände stehen dem DFB-Team drei Trainingsplätze zur Verfügung.

Das deutsche „WM-Dorf“ Campo Bahia von 2014 genießt dank des Titelgewinns einen nahezu legendären Ruf. Versucht man, die dortigen Bedingungen „nachzubauen“ – oder ist jede neue Quartierwahl ein Thema für sich?

Na ja, ein wenig ist das eine verklärte Wahrnehmung, denn das Quartier wurde erst kurz nach dem Start der WM fertiggestellt. Damals war ich DFL-Geschäftsführer und habe die tollen Bilder aus Brasilien aus der Ferne genossen. Am Ende erscheint aber alles positiv, wenn man erfolgreich gespielt hat. Erst recht, wenn man Weltmeister wird …

DFB plant verschiedene soziale Projekte in der Region

1986 reisten die deutschen Kicker nach dem verlorenen WM-Finale aus Querétaro ab, aber etwas blieb doch da: DFB-Präsident Egidius Braun rief nach dem Besuch eines Waisenhauses die „Mexikohilfe“ ins Leben. Gibt es Ansätze, sich auch in Wake Forest beziehungsweise der Stadt Winston-Salem zu „verewigen“?

Querétaro wirkt bis heute nach. Es wird emotional, wenn Sportdirektor Rudi Völler dort erscheint, er war ja auch schon als Spieler 1986 dabei. Er wird zusammen mit unserem Präsidenten Bernd Neuendorf auch im Rahmen des Eröffnungsspiels am 11. Juni in Mexiko-Stadt vor Ort sein. Es sind verschiedene Projekte in der Region angedacht, auch die Stiftung der Nationalmannschaft hilft uns dabei.

DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig im Wind
„Für uns war das Credo ,kurze Wege’ von zentraler Bedeutung“, erklärt DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig mit Blick auf die Quartiers-Wahl.

Wie wichtig ist ein gutes Quartier aus sportlicher Sicht? Bei der Heim-WM 1974 stritten die bundesdeutschen Kicker in Malente mit dem DFB so lange um Prämien, dass Bundestrainer Helmut Schön sogar mit seiner Abreise drohte. Wochen später wurden Franz Beckenbauer und Co. Weltmeister – trotz oder wegen Malente?

Ich denke nicht, dass unsere Spieler wie damals nachts über Zäune klettern und ausbüchsen werden. Aber warten wir es ab. (lacht)

Für den ersten deutschen WM-Gewinn 1954 in der Schweiz wird immer wieder der „Geist von Spiez“ verantwortlich gemacht. Wie zuversichtlich sind Sie, dass wir ab Mitte Juli vom „Spirit of Wake Forest“ sprechen werden?

Auch da warten wir mal ab. Das Wichtigste für einen guten Spirit sind in der Regel Siege.