Fußball
„Es kocht alles mit einem hoch“: Deutscher Schiri verrät spannende WM-Details
Zuletzt 1970 war ein deutscher Referee Teil des Schiedsrichtergespanns im WM-Finale. 2026 schaffte es jetzt Bastian Dankert zu einer Endspiel-Rolle als VAR und spricht über sein Erlebnis.
1970 leitete Rudi Glöckner aus Markranstädt das WM-Finale zwischen Brasilien und Italien (4:1). Danach dauerte es 56 Jahre, bis wieder ein deutscher Schiedsrichter bei einem Endspiel um die Fußball-Weltmeisterschaft eingesetzt wurde.
Der Rostocker Bastian Dankert war am vergangenen Sonntag beim WM-Triumph der Spanier gegen Argentinien (1:0 n.V.) der „Video Assistant Referee“ (VAR). Mit der Deutschen Presse-Agentur spricht der 46-Jährige über diese sportliche Auszeichnung und über seine Erfahrungen bei der WM.
Bastian Dankert ist zurück aus Amerika
„So richtig verarbeitet habe ich das noch gar nicht. Die Taschen stehen noch im Flur. Meine Frau hat mich hier mit einer Überraschungsparty empfangen. Und obwohl ich sehr müde war, ist das Adrenalin dann plötzlich noch mal in die Höhe geschossen. So habe ich mit der Familie, vielen Freunden und gemeinsamen Wegbegleitern meine WM-Medaille gefeiert“, erzählt Dankert.
Und weiter: „Wenn ich diese Medaille dann sehe und auf ihr steht Spanien gegen Argentinien im WM‑Finale, dann denke ich langsam mal darüber nach: Was habe ich da in den letzten Tagen wirklich erreicht? Ich bin direkt nach dem Champions-League-Finale in Budapest in die USA geflogen und war dann vom 1. Juni bis zum 21. Juli insgesamt 50 Tage dort. Das ist schon Wahnsinn. Das versuche ich in den nächsten Tagen einfach mal, zu ordnen.“
Die Nominierung für das WM-Finale
Dankert verrät auch, wie er von seiner Nominierung fürs Finale erfahren hatte: „Am Donnerstag vor dem Finale haben wir eine Videokonferenz zusammen gehabt: die Schiedsrichter in Miami und wir Videoassistenten in Dallas. Damit waren wir natürlich auch bei der Verkündung des Final-Schiedsrichters dabei. Und nachdem Slavko Vincic und sein Team benannt worden waren, waren wir Videoschiedsrichter dran. Das ist ein wunderschönes Gefühl. Es kocht in diesem Moment alles mit einem hoch und man denkt: ‚Das war doch eben gerade dein Name.’ Und du bist beim WM-Finale dabei!“
Wie Dankert darauf reagiert hat? „Mein erster Gedanke war: Das ist das, wofür du so lange gearbeitet hast! Vielleicht nicht unbedingt, seit ich im Amateurbereich angefangen habe. Aber spätestens seit ich 2018 meine erste Weltmeisterschaft erlebt habe und gleich beim Spiel um Platz 3 eingesetzt wurde – und beim Finale 2022 als Backup eingeteilt war. Irgendwann möchte man dann selbst mal in dieser Position sein“, erzählt er. „Und dass das diesmal geklappt hat, ist auch so etwas wie die Entschädigung für alles, was man auf dem Weg dorthin wirklich aufopferungsvoll liegen gelassen hat. Man wird darin bestätigt, dass der Weg der letzten Jahre der richtige war.“
Der Alltag der Schiedsrichter bei der WM
In dem Interview geht es auch um Dankerts Alltag in Nordamerika. „Wir hatten unser Quartier in Irving in der Nähe von Dallas. Und die Schiedsrichter waren in Miami stationiert. Dorthin sind sie nach jedem Einsatz bei einem Spiel auch immer zurückgekehrt“, beschreibt er. „Die Vorrunde ist wahnsinnig schnell vorbeigegangen, weil es einfach so viele Spiele waren. Wir hatten also alle zwei oder spätestens drei Tage ein Spiel.“
Doch es gab weitere Aufgaben: „Selbst wenn wir persönlich nicht im Einsatz waren, mussten wir alle anderen Spiele analysieren. Deshalb gab es jeden Morgen ein Meeting um 10.00 oder 10.30 Uhr. Dazu haben wir trainiert. Wir hatten eine sehr große Anlage mit eigenem Trainingsplatz, Tennisplätzen und einem klimatisierten Fitnessraum. Teilweise war es in Dallas 40 bis 45 Grad heiß. Aber wir haben jeden Tag viel Sport machen können.“
Dankert führt aus: „Wenn die K.o.-Phase beginnt und die Spiele weniger werden, kann es schon ein bisschen zäh werden. Aber wir hatten eine coole Community, die viel zusammen gemacht hat. Tennis spielen, Pickleball spielen, Tischtennis-Turniere. Wir waren dort sehr gut aufgehoben. Unser Vorteil war: Es gab im vergangenen Jahr bereits die Klub-WM. Und 80 bis 85 Prozent des Schiedsrichter-Teams setzten sich aus denjenigen zusammen, die sich schon von 2025 gut kannten.“
Die Vorbereitung auf ein WM-Finale
Dankert und sein Team wurden bestens auf das Endspiel vorbereitet. „Auch für Schiedsrichter gibt es Spielanalysten, die uns vor und auch während einer Weltmeisterschaft umfangreiche Daten zur Verfügung stellen. Da geht es um taktische Besonderheiten, um Schlüsselspieler, um Spielsysteme“, erläutert er und zählt auf: „Was passiert, wenn jemand vom Platz gestellt wird? Wie verhalten sich Spieler bei Eckstößen oder Freistößen? All das wird besprochen, weshalb man sich auf so ein Finale auch sehr gut vorbereitet fühlt.“
Der deutsche Referee ergänzt: „Die Herausforderung ist eher, nach einer Ansetzung nicht jeden Morgen, jede Stunde und jede Minute darüber nachzudenken: Das ist ein WM-Finale! Dort spielt Messi gegen Rodri. Und da gucken weltweit 200 Millionen Menschen am Fernseher zu. Unser Chef hat uns einfach gesagt: Da spielt ein rotes Team gegen ein blau-weißes. Und das macht vieles einfacher. Du kannst deine eigene Emotionalität und Anspannung besser koordinieren. Und das hat, glaube ich, auch dazu beigetragen, dass wir das bei diesem Finale gut umgesetzt haben.“
Es habe viele „Silent Checks“ gegeben, berichtet Dankert. Das ist dann der Fall, wenn Szenen im Hintergrund geprüft werden, „ohne dass das Spiel unterbrochen wurde“. Beispiele hierfür seien „Zweikämpfe, die wir noch mal auf eine mögliche Tätlichkeit gecheckt haben – oder das Tor für Spanien, das zu Recht aberkannt wurde“. Dankert erklärt: „So konnten wir zum Beispiel auch den Schiedsrichter darin unterstützen, dass er richtig lag und er weiter so mutig und stringent bleiben soll. Denn unter welcher Anspannung ein Schiedsrichter bei so einem Spiel steht, kann man sich als Außenstehender gar nicht vorstellen. Es geht ja um den WM-Titel und ist kein Dorfturnier.“ (dpa/mkw)
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