Fußball-WM
Endlich steht er bereit: Kann Klopp den deutschen Fußball retten?
Nach dem WM-Debakel steht Bundestrainer Julian Nagelsmann vor dem Aus. Nach Jahren des Wartens steht nun endlich Hoffnungsträger Jürgen Klopp bereit.
Mit dem WM-Pokal im Gepäck wollte Julian Nagelsmann am 20. Juli nach Deutschland zurückkehren, so hatte er es vor zwei Jahren angekündigt. Was schon damals wie ein allzu tollkühnes Vorhaben klang, endete nun mit einem dumpfen Knall. Geschichte schreiben erneut andere, Fußball-Deutschland hingegen liegt ein weiteres Mal in Trümmern. Jetzt soll es der Mann richten, den sich der Großteil der Deutschen bereits seit Jahren als Bundestrainer wünscht: Die Zeit scheint reif zu sein für Jürgen Klopp. Aber kann der 59-Jährige auch eine Zeitenwende einleiten?
Es ist eine Sache von Tagen, nicht von Wochen. Diesbezüglich herrscht Einigkeit. Nach dem krachenden WM-Aus im Sechzehntelfinale gegen Paraguay (3:4 im Elfmeterschießen) steht Nagelsmann vor der Ablösung. Als der 38-Jährige am Mittwochmorgen um kurz nach 9.30 Uhr wieder in München landete, war er de facto noch im Amt. Doch auch wenn er von der DFB-Spitze die Chance erhalten wird, ausführlich zu erklären, was genau beim Turnier in den USA schieflief, dürfe klar sein: Als Bundestrainer ist Nagelsmann gescheitert.
Nagelsmann hatte drei Turniere lang Zeit – vergeblich
Drei Turniere hatte er seit seinem Amtsantritt im September 2023 Zeit, um die Nationalmannschaft wieder in die Spur zu bringen. Zugegeben, das ging recht gut los, mit der Heim-EM 2024 und dem mehr als unglücklichen Viertelfinal-Aus gegen Spanien (Cucurellas Hand lässt grüßen). Doch statt den Schwung mitzunehmen, kehrte zügig Ernüchterung ein. Zwei Pleiten trotz des Heimvorteils beim Nations-League-Endturnier vor einem Jahr – und nun die missratene WM. Der einhellige Tenor: Das DFB-Team ruft sein Potenzial nicht ab. Einen schlimmeren Vorwurf kann es für einen Trainer kaum geben.
Alles deutet darauf hin, dass die Verbandsspitze nun die historische Chance nutzen wird, denjenigen zu verpflichten, den schon seit Jahren alle haben wollten. Klopp wäre verfügbar und – viel wichtiger – ist nun auch bereit für den Job. Anders als bei mehreren Anläufen zuvor.
Klopp war schon häufiger ein Thema beim DFB
Immer wieder Klopp, so geht es seit 2018. Bereits nach der schlimmen WM in Russland mit dem historisch ersten deutschen Vorrunden-Aus war er Thema, verwies damals aber auf seinen Vierjahresvertrag in Liverpool und stellte fest: „Ich stehe nicht zur Verfügung.“ So war es auch 2021, als Joachim Löw abdankte und Hansi Flick übernahm. Und auch im Herbst 2023, nach Flicks Ende, fühlte sich Klopp Liverpool in seiner letzten Saison dort verpflichtet. Jedes Mal betonte er, dass der Job des Bundestrainers „eine große Ehre“ sei. Aber nicht jetzt. Schlechtes Timing, so war es stets.
Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass ich irgendwann mal Bundestrainer werde. Aber es muss passen.“
Das ist nun anders. Einen Job hat Klopp zwar auch jetzt. Doch nach eineinhalb Jahren als „Global Sports Director“ von RB soll er die Freude an der Aufgabe bereits verloren haben. Klopp, so berichten es die, die ihn besser kennen, wolle in Stadien wieder den Rasen riechen – und nicht auf den Tribünen der Arenen nach seinem Sitzplatz suchen.
Dass er insgeheim schon seit Längerem auf das Amt des Bundestrainers schielt, verdeutlicht die Tatsache, dass Klopp offenbar trotz seines langfristigen Kontrakts recht unkompliziert aus seinem RB-Vertrag herauskommen würde. Laut Sky ließ er sich eine Exit-Option für den Fall einer DFB-Anfrage ins Vertragswerk einbauen. Gut für den Verband, denn allein schon die Entlassung von Nagelsmann wird teuer. „Bild“ taxiert dessen Gehalt für die ausstehenden beiden Vertragsjahre auf insgesamt 14 Millionen Euro. Die Hälfte soll er als Abfindung einstreichen.
Klopp glänzte viele Jahre lang in Liverpool
Was aber ist von Klopp zu erwarten? Welcher Hebel könnte sich der Erfolgstrainer bedienen, der einst Borussia Dortmund zweimal zum deutschen Meister machte und mit Liverpool die Champions League und den Meistertitel gewann?
Ein ungefähres Bild davon kann sich jeder machen, der den Ausführungen des WM-Experten bei Magenta TV folgt. Nahezu täglich ist dort zu spüren, was Klopp sehen möchte und welchen Fußball er propagiert: Tempo ohne Ende, Leidenschaft, brutales Gegenpressing, völlige Hingabe. Er kann sich daran ergötzen, wenn sechs Spanier beim Stande von 3:0 einen Spieler Saudi-Arabiens so lange jagen, bis sie den Ball erobern. „Ein Traum“, entfährt es ihm dann. Genau diesen Fußball hätte er sich auch vom DFB-Team gewünscht. Fußball total, „und über die Flügel“, wie er anmerkte. Nichts davon bekam Klopp zu sehen. Stattdessen stellte er fest: „Wir wurden aufgefressen.“
Wenn nicht sämtliche Vorzeichen trügen, wird er alsbald die Gelegenheit bekommen, seine Vorstellungen umzusetzen. Gut für ihn: Einige der Prozesse, die Klopp anstrebt, sind bereits im Gang. „Wir müssen hundertprozentig ein paar Dinge verändern“, ließ er nach dem WM-Aus wissen. „Da können wir bei der U10 anfangen und ein paar Jahre warten, was oben rauskommt.“ Reformen, die schon seit 2023 von DFB-Nachwuchsboss Hannes Wolf vorangetrieben werden. Es dauert halt alles noch ein wenig.
Sein Bild erhielt zuletzt auch Risse bei den Fans
Dem Rückhalt der Nation dürfte sich Klopp sicher sein, wenngleich sein makelloses Bild zuletzt dezente Risse erhielt. Dass der eigentlich als Fußball-Traditionalist geltende Über-Trainer 2025 ausgerechnet zum von vielen Fans verhassten RB-Imperium stieß, nahmen ihm nicht wenige Anhänger krumm. Auch seine unmittelbar vor dem WM-Start getätigten fragwürdigen Aussagen in Richtung Nagelsmann sorgten bei Teilen der Beobachter für ein Stirnrunzeln. „Zum Glück stellt Julian Nagelsmann die Mannschaft auf – noch“, sagte Klopp und wiederholte dann bedeutungsschwer: „noch“. Eine Betonung, die dem neben ihm platzierten Thomas Müller sichtlich amüsierte. „Kloppo“, sagte der Weltmeister von 2014 lachend, „es ist erst Juni. Du bist schon im September!“
Was im TV als kleine, flapsige Unterhaltung rüberkam, dürfte sehr schnell Realität werden. Klopp entschuldigte sich später bei Nagelsmann für seine Aussage. In Kürze aber schnappt er sich nun wohl seinen Job. Im Herbst stehen die ersten Partien des DFB-Teams nach der WM an. Ein kraftvoller Viererpack in den Niederlanden (24. September), dazu zweimal gegen Griechenland (27. September und 4. Oktober), dazwischen wartet Serbien (1. Oktober). Gleich in die Vollen, so wie Klopp es liebt.
Die deutsche Mannschaft ist auf Identitätssuche
Tritt er wirklich an, wird in Fußball-Deutschland mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr schnell wieder Hoffnung aufkeimen. Fans und Experten sehnen sich nach frischem Wind und einer auch personell veränderten Mannschaft, die wieder für etwas steht. Und die nicht den Eindruck einer permanenten Überforderung vermittelt, sobald es um die Wurst geht.
Sollte Klopp seine Ideen auch nur im Ansatz auf sein designiertes neues Team übertragen können, kann es was werden. Vielleicht nicht bereits im September. Aber in zwei Jahren bei der EM oder in vier Jahren, wenn der nächste WM-Pokal vergeben wird. Man muss ja nicht immer gleich vom Titel träumen. Fürs Erste würde es reichen, wenn die DFB-Auswahl einen Fußball anbietet, der die Fans glücklich macht und überzeugt. Wem, wenn nicht Klopp, wäre es zuzutrauen, das hinzubekommen?
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