Fußball-WM
„Ein Beispiel für das ganze Land“: Spanier nach WM-Triumph im Rausch
Spanien entthront in einem einseitigen WM-Finale Argentinien und krönt ein überragendes Turnier mit dem zweiten Titel nach 2010. Der Europameister degradierte auch Lionel Messi zum Statisten.
Die neuen Weltmeister reihten sich auf, und Lionel Messi trat den schweren Gang durch das Spalier der Spanier an. Schwer geschlagen schritt der Superstar des Weltfußballs in Richtung Podium, doch diesmal wartete nur der Trostpreis auf ihn. Donald Trump hängte Messi die Silbermedaille um den Hals, dann liefen die Tränen, es wirkte wie ein Abschied von Argentiniens Nationalmannschaft. Den Goldpokal drückte der US-Präsident wenig später Spaniens Kapitän Rodri in die Hand. Der Europameister hat auch den WM-Thron erobert – und das in einem einseitigen Finale völlig verdient.
Joker Ferran Torres hatte mit seinem Tor in der 106. Minute die Spanier gegen Titelverteidiger Argentinien zum zweiten Mal nach 2010 zum Weltmeistertitel geschossen. „Wieder die Könige der Welt!“, titelte die „Marca“. Messi war abgemeldet. Zunächst trug er sein Schicksal mit Fassung, dann brachen die Emotionen aus ihm heraus.
Torschütze Torres und Trainer de la Fuente überglücklich
Die überglücklichen Spanier mit ihrem Anführer Rodri, dem Spieler des XXL-Turniers, feierten derweil ausgelassen – Trump blieb im goldenen Konfettiregen auf dem Podium stehen und landete so ebenfalls auf dem Siegerfoto. „Du bist immer nervös, wenn du gegen Messi spielst, aber wir haben immer an uns geglaubt“, sagte Siegtorschütze Torres. Weltmeister-Trainer Luis de la Fuente meinte: „Wir haben alles gewonnen, was man gewinnen kann, wir sind ein Beispiel für Spaniens Fußball, für Spaniens Jugend, für das ganze Land.“
Argentinien hatte nach der Gelb-Roten Karte für Enzo Fernández (90.+3) in Unterzahl gespielt, auf Augenhöhe waren sie dem Favoriten aber auch zuvor nicht begegnet. Nur zwei Schüsse in der verzweifelten Schlussoffensive verzeichneten die Statistiker, keiner davon ging aufs Tor. „Das Ende eines Traums“, titelte „La Nación“. Spanien (20 Abschlüsse) belohnte sich dank zwei Jokern für die Geduld – und schwebt im siebten Fußball-Himmel. Nico Williams legte per Kopf ab, Torres traf ins Glück.
Argentiniens Trainer Scaloni: „Eine verdiente Niederlage“
Argentiniens Trainer Lionel Scaloni trug die Niederlage mit Größe. „Spanien war heute überlegen“, sagte er. „Es war ein enges Spiel, aber eine gerechte Niederlage.“ Auf der Ehrentribüne jubelten das Königspaar Felipe VI. und Letizia. In der Loge feierten die 2010er Weltmeister Andrés Iniesta, Xavi, Iker Casillas und Carles Puyol, die ihren Titel ebenfalls mit 1:0 in der Verlängerung (gegen die Niederlande) gewonnen hatten, ihre erfolgreichen Erben.
Für Argentinien und Messi wiederholte sich Geschichte: Wie schon Volksheld Diego Armando Maradona, der im WM-Finale 1990 von Rom gegen Deutschland scheiterte, verpasste auch dessen legitimer Nachfolger die Chance, den Titel erfolgreich zu verteidigen. Auch im Kampf um den Goldenen Schuh des besten WM-Torschützen hatte Argentiniens Kapitän (acht Tore) gegenüber dem Franzosen Kylian Mbappé (10) das Nachsehen.
War es das letzte WM-Spiel von Lionel Messi?
Gut möglich, dass Messis 34. WM-Spiel am Sonntag im MetLife Stadium in East Rutherford zugleich sein letztes war. Bei der nächsten Endrunde, die 2030 unter anderem in Argentinien ausgetragen wird, ist er 43 Jahre alt. „Ganz egal, was im Finale passiert“, schrieb Messi bei Instagram: „Dieses Team hat bereits Geschichte geschrieben, die wir niemals vergessen werden und die niemand auslöschen kann.“
In Spanien fand das Mammutturnier nach 104 Spielen einen würdigen Weltmeister. Die Mannschaft von Trainer Luis de la Fuente spielte ein herausragendes Turnier und stellte mit nun 38 ungeschlagenen Spielen in Serie einen Rekord auf. In seinen acht Partien in Nordamerika kassierte das Team lediglich einen Gegentreffer. Als „einzigartig“ würdigte Ministerpräsident Pedro Sánchez das Team. „Es spiegelt jenes Spanien wider, das auf das Kollektiv setzt, um zu gewinnen und sich der Welt als das geliebte und respektierte Land zu präsentieren, das es ist.“
Spanien kommt zu wenigen Chancen, Messi kaum am Ball
Die 80.663 Zuschauer im Stadion, die teils absurd hohe Preise für ihre Tickets bezahlt hatten, und rund 1,5 Milliarden an den Fernsehern bekamen am Schlusstag ein Unterhaltungsprogramm geboten wie niemals zuvor. Als endlich die Stars den Rasen betraten, blieb das erhoffte Spektakel aber aus. Das Spiel lebte von der Spannung. Während Spanien wie gewohnt mit Ballbesitz und Ballsicherheit glänzte, setzte Argentinien vor allem auf Körperlichkeit. Nach vorn ging kaum etwas. Schon gar nicht bei Messi. Sein einziger Ballkontakt in der Anfangsviertelstunde? Der Anstoß.
Ausgerechnet im Finale wurde die Abhängigkeit von Messi zum großen Problem der Südamerikaner. Weil der Zehner, der sein Team fast im Alleingang ins Endspiel geführt hatte, bei Spaniens Defensive um den erst 19-jährigen Pau Cubarsí bestens aufgehoben war, entwickelte die Albiceleste keine Torgefahr. Spanien kam mit Jungstar Lamine Yamal (5.), Mikel Oyarzabal (39.) und Marc Cucurella (43.) zumindest zu drei Abschlüssen.
Große Halbzeitshow mit Madonna, Shakira und Justin Bieber
Die Fans durften sich dann immerhin in der Pause über ein großes Spektakel freuen. In bester Super-Bowl-Manier sorgten Madonna, Shakira, Justin Bieber und die Band BTS für eine riesige Halbzeitparty. Zwölf Minuten lang heizten die Stars bei der ersten Show dieser Art in der WM-Geschichte zusätzlich ein, Trump lächelte in seiner Loge neben FIFA-Präsident Gianni Infantino.
Nach der gut 27-minütigen Pause übernahmen die Spanier dann komplett das Kommando – und kamen zu einigen Chancen: Dann flog Fernández vom Platz, Messi beschwerte sich, Yamal verpasste die Entscheidung mit einem Freistoß (90.+8). Es ging in die Verlängerung, und der Ball landete im Tor. Doch der Treffer von Williams zählte wegen eines Fouls nicht. Minuten später brach er gemeinsam mit Torres den Bann. Messi blickte entsetzt ins Leere. (sid/mp)
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