Fußball-WM

„Da fehlen mir die Worte“: Schwaches DFB-Team fliegt raus – und schimpft auf den Schiri

Paraguay-Spieler jubeln nach dem ersten Tor gegen die Türkei im Stadion in Santa Clara.
Die Paraguayer bejubeln das 1:0 gegen die deutsche Nationalmannschaft.

Nach einem wenig überzeugenden Auftritt verliert Deutschland im Elfmeterschießen gegen Paraguay. Für Ärger sorgte ein aberkanntes Tor in der Verlängerung.

Deutschland hat das Achtelfinale der Fußball-WM verpasst. Gegen ein abwehrstarkes Paraguay fehlten der Auswahl von Bundestrainer Julian Nagelsmann lange Zeit die Ideen, man enttäuschte, lag zur Pause sogar zurück – und musste in die Verlängerung und sogar ins Elfmeterschießen. Dort verschossen Kai Havertz, Nick Woltemade und Jonathan Tah für das DFB-Team, das mit 4:5 (1:1, 1:1, 0:1) nach Elfmeterschießen verlor und damit völlig überraschend aus dieser WM ausscheidet. Gesprochen wurde nach dem Spiel aber vor allem über das vermeintliche Siegtor des Hamburgers Tah, das in der Verlängerung höchst umstritten vom VAR zurückgenommen wurde.

Es war 1.28 Uhr nachts deutscher Zeit, als José Canale den letzten Elfmeter am anderen Ende der Welt verwandelte – und seine Fans Freudentränen weinen ließ. Im WM-Sechzehntelfinale hatte die deutsche Nationalmannschaft große Mühe gegen Paraguay, ihr Auftritt erinnerte fast ein wenig an das WM-Achtelfinale 2014 gegen Algerien (2:1 n.V.). Diesmal aber schaffte es Deutschland nicht, sich in der Verlängerung durchzusetzen – und musste ins Elfmeterschießen. Und dort versagten ihnen gleich dreimal die Nerven.

DFB-Star Undav spielt erstmals von Beginn an

Für eine erste Überraschung hatte der Bundestrainer bereits vor dem Anpfiff gesorgt. Zum ersten Mal bot Nagelsmann den Stuttgarter Fan-Liebling Deniz Undav von Beginn an auf, für den Jamal Musiala auf die Bank musste. Nagelsmann setzte erstmals auf eine Doppelspitze aus Undav und Kai Havertz – weil er ahnte, dass das deutsche Team viel Offensivkraft brauchen könnte, dass es ein Spiel in eine Richtung werden würde. Und er sollte Recht behalten.

Felix Nmecha und Joshua Kimmich im Strafraum gegen Paraguay.
DFB-Kapitän Joshua Kimmich muss sich strecken, um noch an den Ball zu kommen.

Lange Zeit sahen die Fans im Stadion in Foxborough und im TV das erwartet einseitige Fußballspiel, in dem die DFB-Elf gegen eine tiefstehende und leidenschaftlich verteidigende Abwehr aus Paraguay anrannte. Die Südamerikaner verteidigten phasenweise mit zwei engen Viererketten im und um den eigenen Strafraum – also mit bis zu acht Defensivakteuren. Da gab es kaum ein Durchkommen für den deutschen Angriff, dem bei aller Überlegenheit das Tempo und die Ideen fehlte.

Paraguay geht aus dem Nichts in Führung

Und so kam es, wie es im Fußball meistens kommt: ganz anders, als es der Spielverlauf eigentlich hergab. Nach einem eigentlich geklärten Eckball für Paraguay kurz vor der Halbzeit machte Matías Galarza die Situation noch einmal scharf, flankte in die Mitte – und dort ließ die deutsche Abwehr den nur 1,70 Meter großen Julio Enciso so alleine, dass dieser in aller Ruhe zur Führung für den klaren Außenseiter einköpfen durfte (42.). „Das ist einfach nur schlecht verteidigt“, monierte Star-Trainer Jürgen Klopp in seiner Funktion als Experte bei Magenta TV, der das Nagelsmann-Team als „viel zu statisch“ bezeichnete.

Julio Enciso schießt für Paraguay gegen Deutschland im Stadion von Foxborough ins Tor.
Julio Enciso erzielte das überraschende 1:0 für Paraguay gegen Deutschland.

Auch nach dem ersten paraguayischen WM-Tor in einem K.o.-Spiel überhaupt fand Deutschland nicht so richtig Zugriff aufs Spiel und erarbeitete sich trotz zeitweise deutlich über 80 Prozent Ballbesitz keinerlei klare Torchancen heraus. Die Paraguayer hingegen setzten auf Kampf und Leidenschaft, gewannen mehr als zwei Drittel aller Zweikämpfe – und sahen sich in ihrem Matchplan zur Pause voll und ganz bestätigt. „Da gibt es jetzt einiges zu tun“, forderte Ex-Nationalspieler Per Mertesacker im ZDF von der deutschen Mannschaft.

Havertz gleicht mit seinem dritten WM-Tor aus 

Und sein Wunsch wurde erhört. Mit der Hereinnahme von Leon Goretzka (für Felix Nmecha) wurde der DFB-Angriff zwar nicht kreativer, spielte jetzt aber auch vermehrt über die Flügel statt nur durchs eng zugestellte Zentrum. Und das wurde prompt belohnt: Eine Wirtz-Flanke von der linken Außenbahn verlängerte Kai Havertz mit dem Hinterkopf zum erlösenden 1:1 (54.) – schon sein drittes Tor bei dieser WM.

Kai Havertz jubelt mit Mitspielern vor der Tribüne nach dem 1:1 für Deutschland gegen Paraguay.
Das DFB-Team feiert den Torschützen Kai Havertz, der kurz nach der Halbzeit das 1:1 erzielte.

Plötzlich wachte auch das bisher eher zurückhaltende Publikum in Foxborough auf und gab wieder mehr Gas. Genau wie die deutsche Auswahl: Ein Schuss von Goretzka wurde geblockt (56.), ein Freistoß von Leroy Sané landete in der Mauer (66.), eine Sané-Flanke wurde beinahe ins eigene Tor abgefälscht (74.) und Havertz scheiterte erneut per Kopf an Paraguay-Keeper Orlando Gill (78.). Auf einmal strahlte Deutschland Torgefahr aus.

VAR-Ärger nach Tor von Tah in der Verlängerung

Belohnt wurden die Bemühungen aber nicht. Paraguay zwang das deutsche Team in die Verlängerung, in der ein Hamburger letztlich seinen goldenen Moment hatte. Jonathan Tah, geboren und aufgewachsen in Altona, erzielte in der 102. Minute nach einer Ecke das vermeintliche Siegtor für Deutschland – wurde aber vom VAR korrigiert. Das Schiedsrichter-Gespann nahm den Treffer wegen eines vorangegangenen Foulspiels von Waldemar Anton an Torhüter Gill zurück. Eine zumindest fragwürdige Entscheidung.

Zu früh gefreut: Jonathan Tah bejubelt sein vermeintliches Tor zum 2:1, wird aber jäh vom VAR ausgebremst.

„Das ist für mich zu kleinlich“, sagte der Hamburger Schiri Patrick Ittrich bei Magenta TV zu der Szene. „Das ist aus meiner Sicht keine klare Fehlentscheidung vom Schiedsrichter. Daher ist der Eingriff für mich nicht gerechtfertigt.“ Ex-Referee Thorsten Kinhöfer fand im ZDF sogar noch deutlichere Worte: „Da fehlen mir die Worte.“

Deutschland fliegt nach Elfmeterschießen aus der WM

Der Ärger aber nützte nichts – denn das Tor zählte nicht. Und so brauchte es das Elfmeterschießen, um eine Entscheidung herbeizuführen. Nachdem Kai Havertz direkt den ersten deutschen Strafstoß schwach verschossen hatte (Gill parierte), trafen zwar Joshua Kimmich und Jamal Musiala. Doch auch Nick Woltemade versagten die Nerven – und so hatte Paraguay gleich zwei Matchbälle. Doch Antonio Sanabria (daneben) und Fabian Balbuena (Neuer hält) erlaubten sich ebenfalls Fehlschüsse und es ging ins Sudden Death. Dort knallte ausgerechnet Tah weit drüber. José Canale traf. Deutschland ist raus.

Paraguay feierte die Sensation im Sechzehntelfinale und den Einzug ins WM-Achtelfinale, in dem es am Samstag (23 Uhr deutscher Zeit, Liveticker bei MOPO.de) nun möglicherweise gegen WM-Mitfavorit Frankreich gehen wird. Dieser spielt diesen Dienstag (ebenfalls 23 Uhr) gegen Schweden den paraguayischen Gegner aus.

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