Fußball-WM-Serie, Teil 3
48 Hamburger, 48 Geschichten: „Solche Turniere leben von Überraschungen“
WM-Fans aus Hamburg erzählen ihre persönlichen Geschichten aus Brasilien, Schottland, Marokko und Haiti.
48 Länder, 48 Geschichten, 48-mal Fußballfieber in Hamburg: Zur WM stellen Menschen aus unserer Stadt ihre Nationalteams vor – leidenschaftlich und mit klarer Meinung. Wer ist der Star? Was kann die Mannschaft? Wie weit geht die Reise? Studierende der Macromedia Hochschule haben die Fans für die MOPO getroffen. Herausgekommen ist eine Serie voller Heimatgefühl, Hoffnung, Zweifel und großer Fußballträume. In Teil drei geht es um die vier Teams der Gruppe C: Brasilien, Schottland, Marokko und Haiti.
Brasilien: „Für das Finale wird es nicht reichen“
Ich bin: Olá, ich bin Yuri Lessa Alves dos Santos – kurz Yuri – und 35 Jahre alt. Vor rund eineinhalb Jahren kam ich gemeinsam mit meiner Frau aus Curitiba, der Hauptstadt des Bundesstaates Paraná im Süden Brasiliens, nach Deutschland. Erst lebten wir in Göttingen, dann zog es uns nach Hamburg. Seit unserer Ankunft arbeiten wir im Irish Pub „The Fleetenkieker“ nahe des Rathauses. Dort verfolge ich auch gern die Spiele meines Vereins Flamengo.
Unsere Mannschaft: Die Seleção ist nicht mehr ganz das, was sie einmal war. Vor allem im Mittelfeld und in der Defensive sehe ich Probleme, besonders auf den Außenbahnen. Unsere große Stärke bleibt aber wie immer die Offensive. Da haben wir viel Qualität. Schade ist, dass Rodrygo wegen seines Kreuzbandrisses fehlt.
Unser Star: Obwohl Neymar dabei ist, sehe ich Raphinha als den wichtigsten Spieler. Er macht nicht so viel Show, bringt aber zuverlässig seine Leistung. Genau solche Spieler braucht man bei einem großen Turnier.
Unser Trainer: Carlo Ancelotti ist ein großer Trainer, vor dem die Spieler Respekt haben. Er hat oft genug bewiesen, dass er Titel gewinnen kann. Trotzdem verstehe ich manche Entscheidungen nicht, gerade bei der Nominierung. Jetzt muss man sehen, wie die Mannschaft unter ihm funktioniert.
Meine Prognose: Die Gruppenphase sollten wir problemlos überstehen, die Gegner sind machbar. Für das Finale wird es meiner Meinung nach aber nicht reichen. Ich glaube, Spanien wird Weltmeister. Japan könnte viele überraschen. Und Deutschland drücke ich auch die Daumen – ich mag ihren Fußball.
Aufgezeichnet von Moritz Barg
Schottland: „Unser Torhüter ist 43 und war lange verletzt“
Ich bin: Conor Stewart, 31 Jahre alt, aus Inverness im Norden Schottlands. Seit acht Jahren lebe ich in Hamburg. Eigentlich wollte ich nur vorübergehend für einen neuen Job herkommen – geblieben bin ich, weil ich diese Stadt liebe. Vieles erinnert mich hier an Schottland, vor allem die Trinkkultur. Wobei: Das Bier ist in Hamburg besser.
Unsere Mannschaft: Dieses Team hat gelernt, sich in wichtigen Momenten durchzusetzen. Wir haben heute mehr Spieler auf Top-Niveau als früher. Sorgen macht mir die Torhüterposition: Keiner unserer Keeper ist im Verein klare Nummer eins. Stammkeeper Craig Gordon ist 43 Jahre alt und hat seit Januar verletzt gefehlt. Aber er ist eine schottische Legende – wenn es zählt, wird er bereit sein.
Unser Star: Scott McTominay ist unser größter Star. Er spielt für Napoli in der Serie A und wurde dort Spieler des Jahres 2024/25. Auch John McGinn, der mit Aston Villa die Europa League gewonnen hat, kann den Unterschied machen.
Unser Trainer: Steve Clarke mag ich sehr. Er hat geschafft, woran viele Trainer 28 Jahre lang gescheitert sind: Schottland wieder zur WM zu bringen. Vielleicht ist er sogar unser erfolgreichster Nationaltrainer. Viele kritisieren seinen defensiven Stil. Ich glaube: Genau den brauchen wir gegen große Gegner.
Meine Prognose: Das entscheidende Quali-Spiel gegen Dänemark war einer der emotionalsten Momente meines Lebens. Trotzdem bleibe ich vorsichtig. Schottland hat noch nie eine Gruppenphase überstanden. Das Achtelfinale wäre historisch – aber mit Brasilien und Marokko wird es schwer.
Aufgezeichnet von Mette Bech
Marokko: „Wir können Weltmeister werden“
Ich bin: Nasr Eddine Sayeh, 23 Jahre alt, in Marokko geboren und seit 2022 in Deutschland. Zurzeit studiere ich Vermessung, also Geodäsie, in Hamburg und versuche, mir hier Schritt für Schritt eine Zukunft aufzubauen. Mein Weg war nicht immer einfach. Deshalb bin ich sehr dankbar, hier studieren zu können und diese Chance zu haben. Mein Lieblingsverein in Marokko ist Difaa El Jadida.
Unsere Mannschaft: Marokko hat sehr viel Qualität – technisch, mental und taktisch. Viele Spieler sind inzwischen auf höchstem europäischen Niveau unterwegs, zum Beispiel Achraf Hakimi, Brahim Díaz, Bilal El Khannouss oder Neil El Aynaoui. Bei der letzten WM haben wir das Halbfinale erreicht. Heute wirkt die Mannschaft noch reifer und geschlossener.
Unser Star: Für mich ist Achraf Hakimi ganz klar unser Star. Er ist enorm wichtig für das Team, auf und neben dem Platz. Schade ist, dass Hakim Ziyech und Sofiane Boufal nicht nominiert wurden. Bei der WM in Katar waren sie prägende Spieler, ich hätte sie gern wieder dabei gesehen.
Unser Trainer: Ein Trainerwechsel kurz vor einer WM ist immer ein Risiko. Aber manchmal braucht ein Team neue Energie. Der neue Trainer wirkt ruhig und nah an der Mannschaft. Außerdem hat er mit Marokkos U20 die Weltmeisterschaft gewonnen. Das gibt Vertrauen.
Meine Prognose: Im Fußball ist alles möglich. Es gibt stärkere Mannschaften mit mehr Erfahrung, aber Marokko kann jeden Gegner überraschen. Wenn Mentalität, Teamgeist und Disziplin stimmen, haben wir keine Grenzen. Ich glaube sogar: Wir können Weltmeister werden.
Aufgezeichnet von Fatou Jarju
Haiti: „Unser Trainer war noch nie im Land“
Ich bin: Francois Bos, 24 Jahre alt, geboren in Haiti. Mit zwei Jahren wurde ich in die Niederlande adoptiert und bin dort aufgewachsen. Dort begann auch meine Laufbahn als Fußballtorwart. Über mehrere Stationen führte mich mein Weg schließlich nach Hamburg zum FC Süderelbe. 2021 war ich bei einem Lehrgang schon einmal Teil der haitianischen Nationalmannschaft.
Unsere Mannschaft: In den vergangenen Jahren haben sich immer mehr gute Spieler mit haitianischen Wurzeln für unsere Nationalmannschaft entschieden. Dadurch ist die Qualität deutlich gestiegen. Heute haben wir mehr Spieler in starken Ligen als noch vor einigen Jahren. Das gibt dem Team ein anderes Selbstbewusstsein.
Unser Star: Stammkeeper Johnny Placide ist aktuell zwar verletzt, war aber auch mit 39 Jahren noch ein unfassbar wichtiger Rückhalt in der Qualifikation. Seine Erfahrung, Ruhe und Ausstrahlung sind für Haiti enorm wichtig.
Unser Trainer: Das Kuriose: Unser Trainer Sébastien Migné war selbst noch nie in Haiti. Die Lage im Land ist derzeit zu gefährlich. Trotzdem hat er es geschafft, die Mannschaft zur zweiten WM-Teilnahme zu führen. Das ist bemerkenswert.
Meine Prognose: Haiti ist klarer Underdog. Aber ich glaube, viele Spiele werden enger, als manche denken. Gegen Brasilien und Marokko sind unsere Chancen klein. Doch genau solche Turniere leben von Überraschungen. Vielleicht gelingt uns ja eine.
Aufgezeichnet von Hanna Füller
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