Fußball-WM-Serie, Teil 6
48 Hamburger, 48 Geschichten: „Bei uns kämpft einfach jeder füreinander“
WM-Fans aus Hamburg erzählen ihre persönlichen Geschichten aus Niederlande, Tunesien, Schweden und Japan.
48 Länder, 48 Geschichten, 48-mal Fußballfieber in Hamburg: Zur WM stellen Menschen aus unserer Stadt ihre Nationalteams vor – leidenschaftlich und mit klarer Meinung. Wer ist der Star? Was kann die Mannschaft? Wie weit geht die Reise? Studierende der Macromedia Hochschule haben die Fans für die MOPO getroffen. Herausgekommen ist eine Serie voller Heimatgefühl, Hoffnung, Zweifel und großer Fußballträume. In Teil sechs geht es um die vier Teams der Gruppe F: Niederlande, Tunesien, Schweden und Japan.
Niederlande: „Van Dijk ist der zentrale Baustein“
Ich bin: Jurgen van den Aker. Gemeinsam mit meiner Frau Jacqueline betreibe ich seit 2020 das Café und die Pension Waldhuuske vor den Toren Hamburgs. Geboren und aufgewachsen bin ich in den Niederlanden, seit 1997 lebe ich in Deutschland. Fußball hat mich dabei immer begleitet. Den niederländischen Vereinsfußball verfolge ich heute zwar nicht mehr so intensiv wie früher, aber bei großen Turnieren fiebere ich natürlich weiter mit Oranje mit.
Unsere Mannschaft: Die Niederlande haben eine starke und erfahrene Mannschaft, auch wenn sie für mich nicht ganz an die großen Generationen der 90er und frühen 2000er heranreicht. Viele Spieler sind in europäischen Top-Ligen unterwegs. Besonders die Defensive ist sehr gut besetzt. Bei der EM 2024 hat Oranje mit dem Halbfinaleinzug gezeigt, dass sie bei großen Turnieren weit kommen kann. Das größte Problem sehe ich im Angriff: Tore zu erzielen wird für uns entscheidend sein.
Unser Star: Für mich ist Virgil van Dijk der wichtigste Spieler. Als Kapitän führt er die Mannschaft auf dem Platz an und ist der zentrale Baustein unserer starken Defensive. Gerade in engen Spielen wird es darauf ankommen, dass die Abwehr sicher steht. Dabei kommt van Dijk eine Schlüsselrolle zu.
Unser Trainer: Ronald Koeman – oder wie wir in den Niederlanden sagen: der Bondscoach – setzt eher auf einen konservativen, defensiven Ansatz. Das ist nicht immer mein Lieblingsfußball, weil ich mir manchmal mehr Mut nach vorn wünschen würde. Aber bei einem großen Turnier kann ein Fehler schnell das Aus bedeuten.
Meine Prognose: Natürlich hoffe ich, dass die Niederlande Weltmeister werden. Realistisch ist für mich das Viertelfinale. Wenn die Mannschaft einen Lauf bekommt und auch das nötige Glück hat, kann aber mehr drin sein. Fußball bleibt schließlich unberechenbar.
Aufgezeichnet von Liliana Rajski
Tunesien: „Bei Misserfolgen wird es unruhig“
Ich bin: Tarak Ben Saad, 32 Jahre alt, und habe tunesische Wurzeln. Geboren wurde ich in Carthage, kurz danach kam ich mit meinen Eltern nach Deutschland. Bis heute reise ich regelmäßig nach Tunesien, um meine Familie zu besuchen. Das Land ist ein wichtiger Teil meiner Identität. Fußball begleitet mich schon mein ganzes Leben. Früher habe ich selbst gespielt, heute trainiere ich eine U12 beim Eimsbütteler TV.
Unsere Mannschaft: Tunesien war vielleicht nie eine große Fußballmacht, aber diese Mannschaft steht seit Jahren für Mentalität, Leidenschaft und Zusammenhalt. Gerade als Außenseiter wächst das Team oft über sich hinaus. Tunesien lebt weniger von Superstars, sondern davon, als Einheit aufzutreten und füreinander zu kämpfen. Wenn jeder bereit ist, für den anderen zu laufen, kann diese Mannschaft sehr unangenehm werden.
Unser Star: Bei Tunesien geht es nicht nur um einen einzelnen großen Namen. Wichtig sind vor allem Spieler, die Verantwortung übernehmen, die anderen mitziehen und auf dem Platz Haltung zeigen. Die Fans erwarten Leidenschaft, Führungsqualität und den absoluten Willen, für das Land alles zu geben.
Unser Trainer: Sabri Lamouchi steht ständig unter Beobachtung. Fußball wird in Tunesien sehr emotional verfolgt. Wenn die Mannschaft mutig spielt und Ergebnisse liefert, wächst das Vertrauen schnell. Wenn nicht, wird es sofort unruhig.
Meine Prognose: Das Erreichen der K.o.-Phase wäre schon ein großer Erfolg. Trotzdem traue ich Tunesien zu, bei dieser WM für Überraschungen zu sorgen. Gerade gegen größere Nationen können wir gefährlich werden.
Aufgezeichnet von Paul Bultmann
Schweden: „Es ist wieder Energie drin“
Ich bin: Reyk Scherrfenberg, 20 Jahre alt, aus Elmshorn. Mein Opa stammt aus Göteborg, deshalb hatte Schweden in meiner Familie schon immer eine besondere Bedeutung. Als Kind haben wir oft Mittsommer gefeiert, Kanelbullar gegessen und natürlich gemeinsam Fußball geschaut. Dadurch habe ich mich schon früh mit der schwedischen Kultur verbunden gefühlt.
Unsere Mannschaft: Schweden hat wieder richtig Energie im Team. Vor allem offensiv wirkt die Mannschaft stärker als noch vor einigen Jahren. Spieler wie Alexander Isak oder Viktor Gyökeres können Spiele fast allein entscheiden. Gleichzeitig hat Schweden diesen typischen Zusammenhalt behalten, der die Mannschaft schon immer ausgezeichnet hat. Es ist kein Team, das auseinanderfällt, wenn es schwierig wird. Schweden bleibt ruhig, arbeitet viel und ist körperlich stark.
Unser Star: Für mich ist das ganz schwer zwischen Isak und Gyökeres. Isak spielt unglaublich elegant, ruhig und technisch fein. Gyökeres bringt dagegen enorme Wucht, Tempo und Dynamik mit. Seine Tore in den Playoffs waren extrem wichtig für die WM-Qualifikation. Genau solche Spieler braucht man bei einem großen Turnier.
Unser Trainer: Nach einer chaotischen Qualifikation gab es einen Trainerwechsel. Graham Potter hat übernommen, und ich glaube, dass er sehr gut zu Schweden passt. Er wirkt ruhig, modern und taktisch flexibel. Unter ihm scheint die Mannschaft stabiler und organisierter.
Meine Prognose: Weltmeister wird Schweden wahrscheinlich nicht. Aber eine Überraschung traue ich dem Team zu. Wenn die Offensive ins Rollen kommt und die Balance stimmt, ist das Viertelfinale definitiv möglich. Gegen Schweden spielt bei einer WM niemand gern.
Aufgezeichnet von Lina Mertins
Japan: „Das Team hat sich enorm entwickelt“
Ich bin: Ryusei Abe, 21 Jahre alt, und komme ursprünglich aus Iwate in Japan, einer eher ländlichen Region weit weg von Tokio. Fußball spielt seit meiner Kindheit eine große Rolle in meinem Leben. Heute lebe ich in Hamburg und spiele bei Teutonia Ottensen. Dort habe ich mich inzwischen sehr gut eingelebt.
Unsere Mannschaft: Japan hat sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt. Die Mannschaft spielt technisch stark, sehr diszipliniert und taktisch klug. Viele Spieler sammeln inzwischen Erfahrung in Europa, auch in der Bundesliga. Das hat Japan noch einmal deutlich stärker gemacht. Früher war Japan für viele große Nationen ein unangenehmer Gegner – heute kann Japan diese Teams auch schlagen. Die Mannschaft ist schnell, sauber am Ball und arbeitet extrem geschlossen.
Unser Star: Spieler wie Daichi Kamada stehen natürlich besonders im Fokus. Aber generell hat Japan inzwischen viele starke Spieler in Europa, die internationale Erfahrung mitbringen. Genau das hilft bei großen Turnieren enorm. Es geht nicht mehr nur um einen Star, sondern um eine Generation, die auf hohem Niveau spielt.
Unser Trainer: Hajime Moriyasu macht für mich einen guten Job. Er will modernen, mutigen Fußball spielen lassen und arbeitet schon seit mehreren Jahren mit der Mannschaft. Dadurch kennt er die Spieler sehr gut und hat dem Team Stabilität gegeben.
Meine Prognose: Ich glaube, dass Japan bei der WM weit kommen kann. Die Konkurrenz ist stark, aber die Qualität ist inzwischen hoch genug, um große Teams zu schlagen. Ein Halbfinale halte ich für möglich.
Aufgezeichnet von Lina Mertins
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