Kapitän Jackson Irvine und Abwehrchef Hauke Wahl sind nach der Niederlage in Heidenheim sichtlich enttäuscht

Frust pur: Kapitän Jackson Irvine (r.), Hauke Wahl und Co. waren in Heidenheim als Mannschaft nicht gut genug Foto: WITTERS

Zu wenig Vertrauen? Irvine über Defizite bei St. Pauli und seine Message ans Team

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Es brodelte in ihm, das war zu spüren. Eine Mischung aus Enttäuschung und Frust über die 0:2-Niederlage bei Schlusslicht Heidenheim und eine verpasste Chance, aber auch Unverständnis und Ärger über die rätselhaft schlechte Leistung der Kiezkicker in einer Partie, die eine entscheidende Wende hätte bringen können. Der Kapitän versuchte, möglichst sachlich zu analysieren, ohne irgendetwas zu beschönigen. Aber eigentlich wollte er gar nicht über den miesen Auftritt der Kiezkicker reden, nach dem er den Rasen und Schauplatz der Pleite hinter sich gelassen hatte. Er hatte eine klare Message für seine Mitspieler. Zu allem Überfluss hatte die Niederlage für ihn noch ein ganz anderes Nachspiel.

Auf dem Weg zwischen Spielertunnel und Kabine erfuhr er, dass er zur Doping-Kontrolle musste. Pinkeln auf Kommando. Schnell viel trinken, warten, pullern. Nach einem Sieg ist das lästige Pflicht, nach einer Niederlage wie der in Heidenheim aber, wenn man einfach nur in die Kabine und dann schnellstmöglich nach Hause will, ist es doppelt und dreifach nervig. Zuvor stellte sich der Anführer der Braun-Weißen aber noch den Hamburger Medienvertretern in der Interviewzone in den Katakomben der Voith-Arena.

Jackson Irvine über Pleite in Heidenheim: „Es ist brutal“

Ob er eine Erklärung oder überhaupt Worte für die Darbietung der Mannschaft habe, wurde Irvine gefragt. „Nein, um ehrlich zu sein“, meinte der australische Nationalspieler. „Wir müssen jetzt auf die nächsten drei Spiele schauen. Wir spielen um neun Punkte. In dieser Phase zurückzuschauen, bringt uns gar nichts. Über dieses Spiel nochmal ins Detail zu gehen, wäre zu viel.“

Abhaken. Raus aus den Köpfen. Irvines Erklärung ist einleuchtend. „Es ist gar nicht genug Zeit, das übermäßig zu analysieren und da in die Tiefe zu gehen.“ Es könnte dem Selbstvertrauen auch zusätzlich schaden.

Aber dann sprach der Käpt’n doch noch über die Wirkung des Rückschlags und der irritierenden Vorstellung der Mannschaft. „Es ist brutal. Das war eine große Gelegenheit für uns heute und wir waren nicht annähernd bereit. Es ist hart.“

St. Pauli hat es Heidenheim zu einfach gemacht

Er ratterte die Defizite herunter: das schnelle und „billige erste Gegentor“, „mal wieder“ nach einer Standardsituation, zu viele einfache Ballverluste und mit der defizitären Mann-gegen-Mann-Verteidigung über das ganze Feld „dem Gegner in die Hände gespielt“, den Heidenheimern zu oft zu große Räume gegeben und damit „genau die Art von Spiel, wie sie es wollten.“ Das Spiel seiner Mannschaft habe „unzusammenhängend“ ausgesehen.

Tatsächlich hatte es in manchen (und definitiv zu vielen) Phasen des Spiels gewirkt, als wenn jeder mehr für sich selbst spielte und kämpfte, aber nicht alle immer füreinander und zusammen.  

Fast beschwörend forderte Irvine für den Drei-Spiele-Endspurt der regulären Saison angesichts von nur noch einem Pünktchen Vorsprung auf den ersten direkten Abstiegsplatz und den VfL Wolfsburg: „Wir müssen nächste Woche gemeinsam Leistung bringen. Wir müssen an uns glauben und einander vertrauen.“ So etwas sagt man nicht, wenn in diesem Bereich alles zum Besten bestellt wäre.

Kapitän Irvine schwört im Kreis seine Mitspieler ein

Auch etwas Fatalismus klang durch, als Irvine gleichwohl kämpferisch anfügte: „Wir haben keine Wahl. Was sollen wir machen? Und selbst bemitleiden? Uns runtermachen? Rhetorische Fragen, klar. „Wir müssen einfach nach vorne schauen und im nächsten Heimspiel alles geben, unser Maximum!“

Worte wie diese habe er auch noch im obligatorischen Kreis der Mannschaft nach dem Spiel auf dem Rasen an seine Mitstreiter gerichtet. „Ich habe zu den Jungs gesagt, dass es sich schrecklich anfühlt, aber wir einfach keine Zeit haben. Und das wird auch meine Message an das Team in den kommenden Tagen sein: es ist nichts damit zu gewinnen, uns auf das Negative zu fokussieren und zu hart mit uns selbst ins Gericht zu gehen.“ Das bringe gar nichts. Stattdessen: „Blick nach vorne! Wir haben immer noch alle Chancen und liegen immer noch vor den beiden anderen Mannschaften. Wir können sogar noch die Teams davor kriegen. Im Fußball kann sich vieles so schnell ändern. Es ist unglaublich, was passieren kann.“

Kiezkicker müssen jetzt dreimal an ihre Grenzen gehen

Bedingung: Jeder Einzelne und alle zusammen gehen ans Limit. „Dann sind wir ein anderes Team“, betont Irvine. „Das haben wir so oft im Laufe dieser Saison gesehen. Wir müssen jedes noch so kleine Prozentpünktchen in unsere Richtung drehen.“

Das ist allerdings keine neue Erkenntnis und auch Appelle wie dieser hat man in dieser Spielzeit schon mehrfach aus seinem Mund oder dem anderer Führungsspieler wie Vize-Kapitän Eric Smith oder Hauke Wahl gehört, was eine große und vielleicht die entscheidende Problematik offenbart: der Lerneffekt war nicht nachhaltig genug und schon gar nicht von Dauer.

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Dies ist die letzte Chance. St. Pauli braucht drei Spiele am Anschlag, vielleicht auch fünf, um den Klassenkampf abermals zu gewinnen. Gelingt das nicht, dann dürften die Kiezkicker auch die Chance auf die Relegation verspielen und hätten sich im Falle des Abstiegs einiges vorzuwerfen. Aber noch ist es nicht soweit.

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