„Zeitpunkt ist definitiv gekommen“: St. Pauli-Boss Göttlich regt WM-Boykott an

St. Pauli-Präsident Oke Göttlich sitzt auf der Tribüne des Millerntorstadions
Oke Göttlich empfing die MOPO in seinem zweiten Zuhause, dem Millerntor-Stadion.

Als Oke Göttlich 2014 zum Präsidenten des FC St. Pauli gewählt wurde, hieß sein HSV-Gegenpart Carl Jarchow. Es folgten Jens Meier, Bernd Hoffmann, Marcell Jansen und Henrik Köncke. Sieben Kilometer südöstlich des Volksparks blieb Göttlich, der an diesem Freitag vor seinem 14. Stadtderby als Klub-Boss steht. Vor dem Duell traf die MOPO den 50-Jährigen dort, wo der Ball rollt: im Millerntor-Stadion. 75 Minuten lang nahm er sich Zeit, um über Hamburgs Spiel der Spiele zu sprechen und auch über die Frage, ob Deutschland die WM in den USA boykottieren sollte.

MOPO: Wie muss man sich einen Derby-Tag im Hause Göttlich vorstellen?

Oke Göttlich: Ein Derby ist mit allem Drumherum immer hochspannend und alle sind schon Tage vorher im Derby-Modus. Von meiner Familie leben ja inzwischen nicht mehr alle unter einem Dach, sondern es wird auch angereist aus anderen Städten, wie sich das für ein Derby gehört. Das Spiel sorgt für Gesprächsstoff. Da geht es aber auch um organisatorische Fragen: Was machen wir vorher? Wo treffen wir uns? Welche Aufgaben habe ich noch zu erfüllen? Bei uns zu Hause wird eh immer viel gesprochen.

Für Oke Göttlich bedeutet das Derby auch viel Aufwand

Lieben Sie das Derby oder sind Sie froh, wenn es vorbei und gut gelaufen ist?

Das Derby bringt eine Grundspannung mit sich, völlig unabhängig vom Tagesaktuellen, weil ein solches Großereignis enorm viel Aufwand durch Absprachen mit Behörden, Dienstleistern oder Gästen erfordert. Von den unzähligen Ticketanfragen ganz zu schweigen. Ich habe in den vergangenen Tagen irre viele Nachrichten von Leuten bekommen, die unbedingt beim Derby dabei sein müssen, und ich habe Personen absagen müssen, die andere Vereine gerne in ihrem Stadion als Ehrengäste begrüßen würden. Ein Aufeinandertreffen zweier rivalisierender Klubs ist immer spannend, weil man nie weiß, was passiert.

Wie haben Sie die Derbys zu der Zeit erlebt, als Sie einfach Fan waren?

Das war die reine Lust. Jetzt ist natürlich noch ein Haufen Aufgaben zu erledigen. Aber das Fan-sein wird man nicht los. Natürlich möchte man die Energie, die in einem selbst steckt, am liebsten auf irgendeine Weise in die Beine unserer Spieler und aufs Feld transportieren – und das versuchen 27.000 andere Menschen bei uns im Stadion auch. Wenn du als Verantwortlicher für einen Verein tätig bist, dann musst du diese Emotionen – im positiven wie im negativen Fall – herunterregeln. Das ist eine Herausforderung, die nicht immer einfach ist.

Wenn Sie sich entscheiden müssten: Derbysieg und Stadtmeisterschaft oder Klassenerhalt und jubelnde HSVer am Millerntor?

Wir wählen immer den Klassenerhalt, das ist gar keine Frage! Das ist für uns das absolut übergeordnete Ziel. Wir wollen uns sukzessive als Bundesligist etablieren. Wir wollen in dieser Liga möglichst lange und häufig in den kommenden Jahren spielen. Das ist unser klarer Anspruch, und deshalb ist unsere Arbeit auch nicht von einem Tagesergebnis abhängig.

Vielen Fans bedeuten dieses Spiel und der Ausgang alles.

Wir wissen natürlich, dass es ein Derby ist und ein Spiel gegen den HSV für alle St. Paulianerinnen und St. Paulianer etwas ganz Besonderes ist. Das wissen auch alle Spieler, das wissen alle rundherum. Ich glaube, wir tun wahnsinnig gut daran, so wie in den vergangenen Jahren eigentlich auch, uns nicht irgendwelchen Impulsivitäten hinzugeben oder Spitzen zu verteilen. Wir konzentrieren uns auf unser Tagwerk. Wir wissen, was wir können. Wir wissen, woran wir arbeiten müssen. Natürlich ist es in einem emotional aufgeladenen Stadion ganz besonders spannend, wie man die Ratio und die Emotionen ausbalanciert.

HSV hat für Göttlich gegenüber St. Pauli einen Vorteil

Der Stadtrivale hat als Liga-Neuling fünf Punkte mehr. Was macht der HSV besser?

Ein entscheidender Punkt: Das erste Jahr in einer neuen Liga, auch nach vielen Jahren Abstinenz, bringt eine enorme Energie mit sich, in dem neuen Umfeld beweisen zu wollen und zu zeigen: Wir gehören dazu! Das hat uns in der vergangenen Saison stark gemacht. Das macht aktuell den HSV stark. Und in der zweiten Saison erlebst du tatsächlich auch gewisse Gewöhnungsmomente, gegen die es anzuarbeiten gilt, weil vielleicht einige denken, sie sind schon in der Bundesliga etabliert. Intern wissen wir: Wir sind immer noch in der Bewerbungsphase. Von einem etablierten Bundesligisten kann man eigentlich erst nach fünf, sechs oder acht Jahren sprechen. Der HSV macht es derzeit geschlossen und sehr gut. Ich finde, bei aller Rivalität darf man die Arbeit, die beim HSV geleistet wird, wertschätzen und ich denke auch, dass das gegenseitig so wahrgenommen wird und das ist auch unabhängig davon, ob man jetzt fünf Punkte mehr hat oder derzeit auf Tabellenplatz 18 steht. Ich glaube, dass in Hamburg derzeit insgesamt ganz anständig gearbeitet wird.

Im Hinspiel hat St. Pauli den HSV klar dominiert. Lief das Spiel rückblickend vielleicht sogar zu gut, weil es auch dem einen oder anderen in den eigenen Reihen vortäuschen konnte, dass das Team weiter ist, als es tatsächlich war?

Ich habe viel Freude und viele grinsende Gesichter gesehen intern und um den FC St. Pauli herum. Aber niemand im inneren Kreis hat davon geredet, dass es jetzt in höhere Tabellengefilde geht oder wir das Überraschungsteam der Saison werden. Es war uns früh klar, dass uns die Frage, wie wir mehr offensive Schlagkraft entwickeln können, ohne defensive Stabilität zu verlieren, vor Herausforderungen stellen wird. In der Bundesliga ist es nicht so einfach, an Stellschrauben zu drehen, und wir haben uns dann im Verlauf klar entschieden: Vereine wie der FC St. Pauli müssen über die defensive Stabilität kommen. Das ist auch eine grundsätzliche Ausrichtung, die weit über den 19. oder 34. Spieltag hinausgeht und auch ligaunabhängig unser Weg sein wird. Der Trend der letzten Spiele, zumindest, wenn man die Leistung anschaut, gibt uns recht.

St. Pauli-Präsident Oke Göttlich gestikuliert bei einem Interview
Oke Göttlich machte deutlich, dass St. Pauli weiter auf Kontinuität setzen wird.

Hand aufs braun-weiße Herz: Wie eng war es für Alexander Blessin nach neun Niederlagen in Serie?

Es war wirklich in keiner Sekunde eng für Alex und es gab keinen Moment, in dem wir uns intern die Frage gestellt haben, ob wir mit Alex­ander Blessin weitermachen wollen oder nicht. Er hat hier eine große Rückendeckung. Als Trainer, der schon Schritte in der europäischen Fußballwelt gegangen ist, hat er sich für den FC St. Pauli entschieden, weil er eben erkennt, dass hier kontinuierlich und stabil gearbeitet wird. Es hat sich gezeigt, dass die KMUs der Bundesliga – also die kleinen und mittleren Unternehmen, wie ich sie nenne – die größten Chancen haben, wenn sie möglichst wenig drehen und Kontinuität zeigen. Nicht der Kontinuität wegen, sondern aus Überzeugung für einen Weg, der immer mal für Fortschritt sorgt, mal einen Rückschritt bereithält, aber hoffentlich insgesamt in der Tendenz immer ein Stück weit nach oben geht. Und das wird unser gemeinsamer Weg sein, wenn alle diese Ambition teilen und an dieser arbeiten.

Ist der aktuelle Kader stark genug für einen erfolgreichen Kampf um den Klassenerhalt oder muss er noch mal verstärkt werden?

Wir sehen, wie eng die Mannschaften und Teams zusammenstehen und wir sind nicht abgeschlagen. Wenn wir mal die Niederlagen in der Liga gegen Gladbach und Hoffenheim außen vor lassen: Es ist in keinem Spiel bisher erkennbar, dass wir nicht in diese Liga gehören würden. Es ist in keinem Spiel erkennbar, dass wir uns irgendwo aufgeben würden. Es ist in keinem Spiel erkennbar, dass wir nicht die Qualität besitzen, hier mitzuspielen. Haben wir uns gegenüber der Vorsaison qualitativ verschlechtert? Ich sage nein, unter dem Strich nullkommanull.

FC St. Pauli geht „permanent in ein finanzielles Risiko“

Muss St. Pauli nicht mindestens erwägen, für hochwertige Neuverpflichtungen ein finanzielles Risiko einzugehen?

Der FC St. Pauli geht permanent in ein finanzielles Risiko im Profifußball, weil es durch den Marktdruck im Profifußball unumgänglich ist, nah an einer schwarzen Null zu arbeiten. Sind wir bereit, unseren Etat für einen Spieler außerordentlich zu sprengen, der eine vermeintliche Soforthilfe ist auf Basis der Tarife, die aufgerufen werden und die unserem intakten Gehalts- und Mannschaftsgefüge schaden? Nein. Finden wir einen solchen Spieler, der uns innerhalb unseres Gefüges weiterbringt und sich ambitioniert mit dem FC St. Pauli weiterentwickelt? Dann ja. Und das wird der Weg des FC St. Pauli über Jahre und auch über die nächsten Jahre sein. Deshalb ist auch der Satz, dass ein Abstieg teurer ist als ein Invest in einen Spieler, viel zu simpel gedacht. Man muss das ins Verhältnis setzen. Natürlich ist ein Abstieg vom Verlust des TV-Geldes und den Vermarktungserlösen teuer. Aber die Kostenstruktur passt sich ja ebenfalls nach unten an.

Der FC St. Pauli hat im Vergleich zu fast allen Konkurrenten die geringsten finanziellen Mittel zur Verfügung, aber macht sich der Klub nicht dennoch ein bisschen zu klein?

Erst mal gilt der Fakt, dass es wirtschaftlich so ist. Aber wir machen uns eben gerade nicht klein, weil wir sagen, wir gehen dagegen vor. Wir entwickeln neue Finanzmodelle, die andere nicht haben, wie die Genossenschaft, die ein Vehikel ist, um unsere Rahmenbedingungen zu verbessern. Da geht es eher in erster Linie um Steine statt Beine. Trotz unserer Limitierungen haben wir uns als mitgliedergeführter Verein hervorragend entwickelt – besser, als es die Rahmenbedingungen eigentlich erlauben, weil wir beständig arbeiten und satzungsgemäß die Führungsverantwortung aus dem geschäftsführenden Präsidium heraus stärken. Über die Jahre konnten wir neue Gesichter für den FC St. Pauli gewinnen, die unseren Verein intrinsisch motiviert wirtschaftlich, juristisch und finanziell hervorragend aufstellen und ihn weiterentwickeln, damit Andreas Bornemann seine Arbeit für den Profisport auf einem guten Fundament fortführen kann.

Jahrelang war die Rollenverteilung im Derby klar: David gegen Goliath, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sportlich. Sehen Sie St. Pauli mittlerweile auf Augenhöhe?

Wir haben – und das ist kein Kleinmachen – unsere gläserne Decke: ein kleineres Stadion, was die wirtschaftlichen Möglichkeiten begrenzt. Wir haben andererseits einen hervorragenden Stadionstandort, um den uns mit Sicherheit der HSV beneidet. Aber mit der schönen Lage des Millerntors gehen auch Limitierungen bei kulturellen Aktivitäten hier im Stadion in der Sommerpause, wie beispielsweise Konzerte, einher und damit auch wieder finanzielle Einschränkungen. Durch diese Limitierungen sind wir nicht auf Augenhöhe mit dem HSV. Ich glaube aber, dass wir den FC St. Pauli auf jeden Fall in den letzten Jahren verstärkt in die Stadtgesellschaft hinein entwickelt und deutlich gemacht haben, dass wir ein sehr ernstzunehmender und ambitionierter Herausforderer auch für den HSV sein können.

Fußballerisch hat St. Pauli den HSV zwischenzeitlich überflügelt.

Wir freuen uns, dass wir zwei Jahre vor dem HSV gestanden haben und wollen das natürlich auch fortsetzen. Das ist wieder unser Ziel, weil das sehr wahrscheinlich gleichbedeutend mit einem Klassenerhalt wäre.

Abstieg würde St. Paulis Stadion-Ausbau nicht bremsen

Worum beneiden Sie den HSV?

Ich beneide den HSV darum, dass er in dieser Stadt einen sehr großen Support erhält bei gewissen infrastrukturellen Themen, den der FC St. Pauli lange Zeit nicht in diesem Maße hatte, nach dem Motto: „Die machen da so Zweite Liga, die sind irgendwie ganz cool und das ist ja ganz nett, dass wir die als Hamburg auch im Programm haben.“ Das hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Wir erhalten Unterstützung beim Projekt Trainingszentrum an der Kollaustraße oder beim Ausbau des Stadions, den wir brauchen, denn uns täten hier schon mindestens 10.000 Plätze mehr sehr, sehr gut.

Würde ein Abstieg die Ausbaupläne bremsen?

Rein gar nicht! Der Stadionausbau ist essenziell, um überhaupt auf lange Sicht wirtschaftlich die Möglichkeiten zu erhalten, dauerhaft ein oberer Zweitligist oder ein etablierterer Erstligist zu sein. Unabhängig von Präsidien, Politikern und anderen Personen muss ein größeres Stadion das Ziel sein, um diesen Verein weiterzuentwickeln. Wir befinden uns vielleicht gerade in der zweiterfolgreichsten Zeit der Vereinsgeschichte, aber es wäre gefährlich zu sagen, wir haben es ja auch mit unseren aktuellen Möglichkeiten geschafft und müssen nichts verändern. Das ist genau die Gemütlichkeit, die uns überhaupt nicht gut zu Gesicht steht. Wir sollten uns lieber fragen: Wie können wir aus einer zweiterfolgreichsten eine erfolgreichste Zeit des FC St. Pauli schaffen? Dabei werden wir weiterhin unserem Prinzip der partizipativen Mitnahme treu bleiben. Oberste Priorität hat der Sport: Wir wollen in der höchsten Liga spielen, das ist unsere Ambition. In der ersten Liga hast du als Verein eine andere Wahrnehmung, die natürlich hilfreich ist – auch für einen Stadionumbau.

St. Pauli-Präsident Oke Göttlich gestikuliert bei einem Interview
Oke Göttlich beneidet den Stadtrivalen HSV vor allem auch um die infrastrukturelle Unterstützung in der Stadt.

Wie erleben Sie die Rivalität zwischen den Vereinen, den Verantwortlichen, aber auch zwischen den Fans? Was ist noch gesunde Abneigung und was ist zu viel?

Es ist ein Derby und da sprühen dann auch mal die Emotionen. Ich mag es, wenn Fangruppierungen Dinge ansprechen, die bei der anderen Seite vielleicht nicht goutiert werden. Das gehört dazu. Noch viel besonderer finde ich – und ich glaube, da sind sich die Fans sehr einig –, dass sich die beiden Szenen politisch nicht mehr so fremd sind wie in den Jahrzehnten zuvor und man auch gemeinsam gewisse Themen anspricht, beispielsweise, dass alle Seiten weniger Polizeipräsenz wünschen. Rivalität wird immer dann richtig unangenehm, wenn sie in Hass umschlägt. Wir haben in diesen schwierigen und menschenfeindlichen Zeiten auf der Welt hoffentlich andere Themen als die Vereinsfarben. Man kann jemanden aufgrund seiner Vereinsfarbe aufziehen, aber er ist deshalb kein ablehnungswürdiger Mensch.

Für manche Fans gehört Gewalt zu einem Derby dazu.

Wenn es Menschen gibt, die sich treffen und mal hauen wollen, dann bitte nicht im Stadion, sondern irgendwo anders, ganz weit weg vom Millerntor. Ich muss das nicht gut finden, aber für einige ist das vielleicht Folklore.

Göttlich versteht sich auch mit den HSV-Bossen sehr gut

Haben Sie HSV-Fans in Ihrem Freundeskreis?

Selbstverständlich!

Und wie läuft die Kommunikation in diesen Tagen?

Ich habe das Gefühl, dass sich manche zurückhalten, weil sie wissen, dass ich viel zu tun habe. Aber ich bekomme vermehrt Nachrichten und viele schreiben, dass sie sich wünschen, dass beide Vereine am Ende in der Liga bleiben – vielleicht sind es auch deshalb meine Freunde! (lacht) Aber wir können uns auch sagen, warum unser jeweiliger Verein gewinnen muss.

Wie kommen Sie mit den Funktionsträgern beim Stadtrivalen klar?

Mit HSV-Vorstand Eric Huwer verstehe ich mich wirklich sehr gut und wir können deshalb auch sehr kollegial und herzlich über Themen streiten, bei denen wir gänzlich anderer Meinung sind. AG statt eG, Anteilseigner statt e.V., Investoren im Frauenfußball. Eric ist beispielsweise ein absoluter Befürworter der Erhöhung der Attraktivitätssäule bei der TV-Geldverteilung der Bundesliga. Ich finde, er hat dafür Argumente, die aber selbstverständlich auch einem gewissen Eigennutz unterliegen. Wir würden davon auch profitieren, ich bin nur sportpolitisch völlig dagegen, weil ich, auch in meiner Rolle im DFL-Präsidiums, ein Vertreter der kleinen und mittelständischen Vereine bin und sage, die Verteilung darf sich nicht nur darauf ausrichten, wer der größte Verein mit der größten Anhängerschaft, der größten Mitgliedsanzahl und vielleicht auch den höchsten TV-Quoten ist, weil es die Verhältnisse zementiert und den sportlichen Wettbewerb zwar planbarer für Geld von außen durch Investoren macht, aber eben auch unfairer und langweiliger. Da haben wir einen klaren Dissens und ich halte das sogar für eine gefährliche Entwicklung. Diesbezüglich ist in den vergangenen Jahrzehnten vieles völlig falsch gelaufen und da wünsche ich mir vom HSV – wie auch beim Thema Regulierungen – deutlich klarere Positionen.

St. Pauli-Präsident Göttlich wünscht keinem den Abstieg

Viele St. Pauli-Fans wünschen sich, dass ihre Mannschaft die Liga hält und der HSV absteigt. Sie auch?

Ich wünsche keinem Verein einen Abstieg, wirklich keinem, weil ich weiß, wie viel Druck dann auf dem Kessel der handelnden Personen ist. Das ist ein krasses Brett und ich gönne es niemandem, auch wenn ich damit meinem sportpolitischen Wunsch widerspreche, dass es immer gerne auch viele wechselnde Absteiger geben sollte, damit die Parität und der Wettbewerb in der Liga möglichst besser funktioniert.

Was wäre Ihr Wunsch-Szenario? St. Pauli am Ende auf Rang 15, der HSV 16. und in der Relegation?

Das würde ich so nehmen (schmunzelt). Ernsthaft: Uns interessiert im Wesentlichen, wo wir am Saisonende stehen. Darum geht es. Und ich habe es vor der Saison schon einmal gesagt: Für den FC St. Pauli ist das Erreichen des Relegationsplatzes ein Erfolg, wenn man sich die Tabelle der wirtschaftlichen Möglichkeiten anschaut.

St. Pauli-Präsident Oke Göttlich schlägt die Hände vor dem Gesicht zusammen
Die Politik von Donald Trump lässt Oke Göttlich die Hände vors Gesicht schlagen.

Sie haben vor wenigen Tagen in einem Internet-Kommentar geschrieben, dass die Frage gestellt werden müsse, ob europäische Nationalmannschaften an einem Weltbewerb in einem Land teilnehmen sollten, welches Europa indirekt und gegebenenfalls demnächst direkt angreift, nämlich die USA Grönland. Direkt gefragt: Fordern Sie einen Boykott der WM?

Ich frage mich wirklich, wann der Zeitpunkt ist, darüber konkret nachzudenken und zu reden. Und für mich ist dieser Zeitpunkt definitiv gekommen. Was waren denn die Begründungen für die Olympia-Boykotts in den 1980er-Jahren? Meiner Einschätzung nach ist das Bedrohungspotenzial aktuell größer als damals. Wir müssen diese Diskussion führen.

Im Leben eines Profifußballers gibt es nichts Größeres als eine WM, auch für St. Pauli-Spieler wie Jackson Irvine, Connor Metcalfe oder Joel Chima Fujita ist das Turnier in den USA ein großes Ziel.

Das Leben eines Profifußballers ist nicht größer als das Leben von sehr vielen Menschen in verschiedenen Regionen, die derzeit von dem WM-Gastgeber direkt oder indirekt angegriffen oder bedroht werden.

Göttlich regt einen Boykott der WM in den USA an

Würden Sie einem Spieler aus den eigenen Reihen dazu raten, einem Jackson Irvine beispielsweise, sich bei diesem Thema zu positionieren oder eine Diskussion anzustoßen?

Nein, das ist Jacksons ganz alleinige Entscheidung und auch jedes Spielers eigene Entscheidung. Und deshalb wird er auch bei mir im Ansehen nicht höher oder niedriger eingestuft werden. Aber ich für meine Person sage, dass der Zeitpunkt gekommen ist, es in der gesamten UEFA ernsthaft zu diskutieren.

Sie sind seit November DFB-Vizepräsident. Enttäuscht es Sie, dass der Fußball insgesamt, die Verbände und auch der DFB beim Thema USA und Trump so leise, fast sprachlos sind? Das war vor der WM in Katar ja ganz anders.

Mich stört das Schwarz-Weiß-Gehabe. Katar war allen zu politisch und deshalb sind wir jetzt völlig unpolitisch?! Das ist etwas, was mich sehr, sehr, sehr anstrengt, wo ich sage: Leute, wir haben es einfach verlernt, Tabus zu setzen. Jede Form von Organisation, jede Gesellschaft, hat Do’s and Dont’s und Leitlinien, die man immer als doppelmoralisch, Gecancel oder zu woke angreifen könnte, wie es die Autoritären und die Rechten derzeit machen. Wir verlernen es als Organisationen und Gesellschaft gerade, Tabus und Grenzen zu setzen und Werte zu verteidigen. Tabus sind ein wesentlicher Bestandteil von Haltung. Ist das Tabu erreicht, wenn jemand droht? Ist das Tabu erreicht, wenn jemand angreift? Wenn Menschen sterben? Ich wüsste gern von Donald Trump, wo sein Tabu erreicht ist, und ich wüsste es gern von Bernd Neuendorf und von Gianni Infantino (DFB-Präsident und FIFA-Präsident; d. Red.).

Donald Trump und Gianni Infantino bei der Übergabe des FIFA-Friedenspreises
Donald Trump wurde von FIFA-Boss Infantino mit einem Friedenspreis ausgezeichnet.

Aber was würde ein Boykott bewirken? Es müsste nach Ihren Maßstäben dann auch gleich noch die WM 2034 in Saudi-Arabien boykottiert werden.

Ich finde, dass wir es uns zu einfach machen mit Ausflüchten, dass es für die Spieler zu Nachteilen führt. Ja, es würde auch für den DFB und andere Verbände gegebenenfalls finanziell einen großen Rückschritt geben. Gegenfrage: Warum macht die UEFA nicht zur Zeit der WM einen Wettbewerb der Teams, die vielleicht nicht in den USA antreten? Ein Boykott würde Aufmerksamkeit auf ein Thema lenken, das alle betrifft. Wie wollen wir eigentlich in Zukunft zusammenleben? Wie wollen wir zusammenspielen als Welt? Wollen wir dort spielen, wo wirtschaftlich und geopolitisch der größte Opportunismus herrscht? Oder wollen wir es in einem Zusammenhang machen, in dem dieses schöne Spiel miteinander kulturell verständigend und integrativ stattfindet? Ich akzeptiere dann auch demokratisch, wenn gesagt wird, wir sehen da keinen Tabubruch. Und zum Vergleich mit Katar und Saudi-Arabien: Es herrschen in diesen Regionen aus unserer westlichen Sicht inhumane Zustände. Es ist aber die Region auf der Welt, die sich im vergangenen Jahrzehnt rasant progressiv weiterentwickelt hat und zumindest keine offenen Drohungen und Angriffe gegenüber Europa ausspricht und plant.

Von der Weltpolitik zurück zum Derby und der thematischen Schwere zu einer spielerischen Frage: Welche Headline würden Sie am Freitagabend nach dem Derby um 22.30 Uhr gerne (bei MOPO.de) lesen?

Da muss ich nachdenken, puh … Ich kann keine kurzen Schlagzeilen, ich kann nur lange Antworten.

Lassen Sie sich Zeit.

Der FC St. Pauli zeigt, warum er in die Bundesliga gehört.