„Wünsche mir, dass er wieder lacht“: St. Pauli-Drama um Jones
Mit dem Schlusspfiff sackte Ricky-Jade Jones zu Boden, saß auf dem Rasen und vergrub das Gesicht in beiden Händen, während im größten Stadion Deutschlands ein Jubelorkan losbrach. Was für ein Drama! Der Stürmer des FC St. Pauli hätte zum Helden werden können, war auf dem besten Wege, wurde dann aber zur tragischen Figur. Einmal überragend und fantastisch, einmal unglücklich und fatal. Vom Himmel in die Hölle.
Es gab keinen Trost in diesem Moment. Alle waren bemüht, den Stürmer der Kiezkicker aufzurichten, aber kein Wort war stark genug. Mitspieler waren nach Spielende zu ihm geeilt, allen voran Reservespieler Oladapo Afolayan sogar im Laufschritt. Mathias Pereira Lage zog Jones vom Rasen hoch, sie redeten auf ihn ein, aber die Schultern und der Kopf des Engländers hingen und das blieb auch beim Weg vom Rasen in Richtung Kabine so.
St. Pauli-Profis leiden mit Jones
„Das tut mir leid für den Jungen“, sagte Abwehrchef Hauke Wahl mitfühlend. „Das hat er nicht verdient, weil es ein echt guter Junge ist. Er ist echt am Boden zerstört.“ Trainer Alexander Blessin berichtete im Anschluss an die offizielle Pressekonferenz in kleinerer Runde, dass der 23-Jährige „in der Kabine wie ein Häufchen Elend“ saß. „Fehler passieren. Dieser Fehler wird ihm in seiner ganzen Karriere nicht mehr passieren.“
Der fatale Moment, von dem Blessin sprach und der Jones sicher noch einige Tage verfolgen wird, hatte sich in der vierten Minute der Nachspielzeit beim Stand von 2:2 ereignet. Der Brite hatte im Kampf um den Ball an der Strafraumgrenze den Dortmunder Maximilian Beier zu Fall gebracht. Nachdem Schiedsrichter Harm Osmers zunächst auf Freistoß entschieden hatte, schaltete sich VAR Johann Pfeifer ein und verortete das Foul auf die Linie des Sechzehners, die laut Regelwerk zum Strafraum dazugehört. Den fälligen Ellfmeter verwandelte Emre Can zum 3:2 für den BVB.
Wahl will Jones keinen Vorwurf machen
„Der Elfmeter ist einfach bitter“, meinte Wahl zu der Szene und nahm Jones in Schutz. „Man kann ihm keinen Vorwurf machen, das ist eine 50:50-Aktion. Wenn er zuerst an den Ball kommt, dann kriegen wir das Foul. Wenn er nicht hingeht, ist das auch nicht gut. Das ist halt schwer zu sagen. Da kann man nichts besser machen, das ist einfach extrem unglücklich.“ Dennoch: das Foul wirkte unglücklich, ungestüm und damit auch unnötig, denn Beier war nicht aufs Tor zugelaufen, sondern hatte sich eher von der Gefahrenzone wegbewegt. Deshalb sprach Blessin, der allerdings anzweifelte, ob das Foul wirklich genau und gesichert auf der Linie passiert war, auch von einem „Fehler“, den Jones am liebsten ungeschehen machen würde.
„Ricky ist so traurig“, sagte Mittelfeldspieler Joel Chima Fujita, „aber so etwas kann jedem passieren. Ich wünsche mir, dass er wieder lacht. Wir müssen ihm im nächsten Spiel wieder helfen. Aber er hat ja auch ein Tor gemacht.“
Jones-Tor sorgte für St. Paulis Ausgleich
Und was für ein Tor! Nachdem er in der 64. Spielminute für seinen Stürmerkollegen Martijn Kaars beim Stand von 1:2 in die Partie gekommen war, hatte Jones acht Minuten später mit einem technischen anspruchsvollen Volleyschuss nach einem feinen Freistoß von Eric Smith das 2:2 erzielt und die Mitspieler sowie die rund 8000 St. Pauli-Fans im mit 81.000 Menschen ausverkauften Signal-Iduna-Park in Ekstase versetzt.
Das könnte Sie auch interessieren: St. Pauli-Noten nach Drama in Dortmund: Ein Kiezkicker sticht positiv heraus
„Den Abschluss macht er unfassbar gut“, lobte Wahl den Torschützen, der seinen zweiten Saisontreffer im fünften Einsatz für den Kiezklub erzielt hatte. Auch Blessin hob das Tor hervor und war auch sonst mit dem Auftritt des Jokers zufrieden. „Man hat gesehen, was in ihm steckt. Wie er gearbeitet hat, gibt mir Hoffnung. Auf diesem Level muss er weiter performen.“ Aber erst einmal muss sich Ricky-Jade Jones berappeln, die Enttäuschung und den Ärger über sich selbst abschütteln und aus dem tollen Tor Selbstvertrauen ziehen für das Spiel der Spiele am Freitagabend am Millerntor.
Anmerkungen oder Fehler gefunden? Schreiben Sie uns gern.