„Fluch und Segen“: Wird die WM ein Störfaktor in St. Paulis Klassenkampf?
Die nächste Länderspielpause naht, und es ist auch die letzte vor der Weltmeisterschaft im Sommer, die in den USA, Kanada und Mexiko ausgetragen wird. Drei Spieler des FC St. Pauli dürften so gut wie sicher bei dem Mega-Turnier im Einsatz sein, denn ihre Nationalmannschaften haben sich längst qualifiziert. Vier weitere Kiezkicker kämpfen noch um das Ticket oder einen Platz im Kader. Für alle gilt: sie wollen oder müssen etwas zeigen im letzten internationalen Fenster vom 23. März bis 31. März und einige auch bis Saisonende, um beim Großereignis überhaupt dabei zu sein oder sich teamintern in eine möglichst gute Position zu bringen. Was das mit dem braun-weißen Klassenkampf zu tun hat? Eine ganze Menge.
Eine Fußball-Weltmeisterschaft ist das Größte für jeden Fußballer. Ist das bevorstehende und nur alle vier Jahre stattfindende Großereignis für St. Pauli eine Chance, die bei den braun-weißen WM-Aspiranten ein zusätzlicher Ansporn, der bestenfalls weitere Kräfte freisetzt, oder besteht die Gefahr der Ablenkung von den Zielen des Vereins?
Blessin: WM-Kandidaten „auf jeden Fall“ noch motivierter
„Das kann Fluch und Segen zugleich sein“, sagt Trainer Alexander Blessin. Er sieht „auf jeden Fall“, dass sich die WM-Kandidaten in seiner Mannschaft noch mehr reinhängen, weiß aber auch, dass „natürlich noch ein gewisser Druckpunkt da ist“, bei jenen, deren Nationalteams sich noch qualifizieren müssen oder die ihren Platz im Kader noch längst nicht sicher haben, was auch für Stress sorgen kann. „Aber ich finde es eigentlich gut. Das ist ein großes Ziel, bei einer WM mit dabei zu sein und jede Möglichkeit zu nutzen, auf den Zug aufzuspringen.“
Wie sieht es bei St. Paulis WM-Kandidaten aus? Wie stehen die Chancen.
Kapitän Jackson Irvine und Connor Metcalfe sind seit Jahren feste Größen in der Auswahl Australiens, die im Juni mit einem 2:1-Sieg in Saudi-Arabien die Qualifikation für die WM perfekt gemacht hatte. Metcalfe hatte den zwischenzeitlichen Ausgleich erzielt. Auch wenn sich Irvine derzeit mit Schmerzen im Fuß durchkämpft, aber trotzdem überwiegend gute bis starke Leistungen zeigt, und Metcalfe gerade erst nach langwierigen Kniebeschwerden fit geworden und einsatzfähig ist, dürften beide im WM-Kader der „Socceroos“ gesetzt sein, sofern sie sich nicht erneut verletzen und lange ausfallen.

Irvine und Metcalfe feste Größen – Turnier in Australien
Das australische Team richtet während der Länderspielpause ein offizielles FIFA-Turnier aus, das der WM-Vorbereitung dient. Die Gastgeber spielen am 27. März in Sydney gegen Kamerun und am 31. März in Melbourne gegen Sensations-WM-Teilnehmer Curacao. Viertes Team ist China.
Joel Chima Fujita wird wahrscheinlich für die beiden Testspiele von WM-Teilnehmer Japan in Schottland (28. März) und in England (31. März) nominiert und dürfte auch zum WM-Kader gehören, denn der 24-Jährige gehört seit Mitte 2025 fest zum Kreis der A-Nationalmannschaft, für die er sieben Länderspielen bestritten hat.
Neben Fujita will auch Ando mit Japan zur WM
Spannend ist, ob neben Fujita noch ein zweiter St. Pauli-Japaner für die März-Spiele nominiert wird und sich dann auch WM-Hoffnungen machen darf. Mit bislang bärenstarken Leistung betreibt der im Januar verpflichtete Innenverteidiger Tomoya Ando mächtig Werbung in eigener Sache. Dreimal hat er bislang für Japan gespielt.

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In die WM-Playoffs (26. März und 31. März) muss Nikola Vasilj, nicht nur Nummer eins im Tor von St. Pauli, sondern auch dem Nationalteam von Bosnien-Herzegowina. Zunächst treten Vasilj & Co. in Wales an. Der Sieger spielt vier Tage später gegen den Gewinner des Duells zwischen Italien und Nordirland um das WM-Ticket.
Vasilj kämpft in die Playoffs um das Ticket – Pyrka auch?
St. Pauli-Durchstarter Arkadiusz Pyrka kann sich nicht sicher sein, für die Playoff-Spiele der polnischen Auswahl nominiert zu werden, dürfte aber nach starken Leistungen in der Bundesliga gute Chancen haben, eingeladen zu werden. Sollten sich die Polen im ersten Spiel gegen Albanien durchsetzen, träfen sie auf den Sieger der Partie zwischen Schweden und der Ukraine.
Und dann ist da ja noch James Sands, der sich weiterhin leise Hoffnungen auf einen Teilnahme an der WM macht, die für ihn ein Heimspiel wäre. „Jimmy hat auch noch die Chance“, sagt Blessin, aber die Frage ist, wie groß diese Chance ist. Bei St. Pauli ist der US-amerikanische Mittelfeldmann Stammkraft und Leistungsträger, im Nationalteam weit davon entfernt, fest zum Kader zu gehören. Zwar hat der 25-Jährige schon 14 Länderspiele auf dem Konto, doch in den vergangenen zwei Jahren ist er nur dreimal eingeladen worden, zuletzt nach längerer Pause im Oktober 2025 für zwei Freundschaftsspiele (ein Einsatz). In der folgenden Länderspielpause im November hatte Sands dann aber etwas überraschend keine weitere Einladung erhalten.
Blessin hat „nicht das Gefühl, dass das jemanden hemmt“
„Ich habe gerade nicht das Gefühl, dass das jemanden hemmt“, berichtet Blessin, „sondern dass jeder noch eine Schippe drauflegt. Also ist das positiv zu bewerten.“ Der Coach weiß aber auch, dass das kippen kann und man „auch aufpassen muss, je näher der Termin rückt und wenn die Nominierungen kommen, in welche Richtung das dann geht.“ Sprich: wie reagieren die Profis, die für die März-Länderspiele nicht nominiert werden und enttäuscht sind? Wie würde Vasilj es verkraften, sollte in den Playoffs der WM-Traum platzen? Und wie sieht das ganze dann nochmal einige Wochen später aus, wenn rund um den Liga-Endspurt im Mai die WM-Kader bekannt gegeben werden?
„Momentan“, betont Blessin, sei die WM für die betroffenen Kiezkicker aber „eher ein Verstärker der Leistung.“ Und Fujita hatte jüngst im großen MOPO-Interview gesagt, dass die „Weltmeisterschaft eine große Sache“ sei, aber bei ihm derzeit eine untergeordnete Rolle spiele, weil der Klassenkampf mit St. Pauli Priorität habe und das Ziel sei, die Liga zu halten, weil alles andere eine „Scheiß-Situation“ direkt vor der WM wäre, wie er es formulierte.
Länderspiele im März: Verletzungsrisiko vor dem Endspurt
Last but not least ist da die körperliche Komponente. Die Länderspiele und Reisen im März sind (auch für die Nationalspieler, die keine WM-Chance mehr haben) eine zusätzliche Belastung und stellen automatisch auch ein Risiko dar. Der Kiezklub muss hoffen, dass die Nationalspieler, speziell die WM-Kandidaten, unverletzt und möglichst nicht überspielt zurückkehren, um mit allen Kräften und voller Kraft das wichtige Auswärtsspiel am ersten April-Wochenende bei Union Berlin anzugehen.
St. Pauli kann sich nach einer bislang von (zu) vielen Verletzungen geprägten und auch beeinträchtigten Saison in der entscheidenden Phase des Klassenkampfes keine weiteren Ausfälle von Stammkräften und Leistungsträgern leisten – und das sind alle der genannten Kiezkicker mit WM-Ambitionen. Auch deshalb wird die letzte Länderspielphase zwischen dem Heimspiel gegen Freiburg (23. März) und dem Auswärtsspiel in Berlin (3.-5.4., noch nicht terminiert) nochmal zur großen Zitterpartie.
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