„Wir wollen die Spieler nerven“: Was Trainer Rapp mit St. Pauli vorhat – und wie

Der neue St. Pauli-Trainer Marcel Rapp bei seiner Vorstellung am Millerntor
Der neue St. Pauli-Trainer Marcel Rapp bei seiner Vorstellung am Millerntor

Ein guter erster Eindruck ist wichtig. Diesbezüglich kann sich der neue Trainer des FC St. Pauli nichts vorwerfen. Marcel Rapp machte bei seiner offiziellen Vorstellung in seinem neuen sportlichen Wohnzimmer, dem Millerntor-Stadion, eine gute Figur, und das lag nicht an dem schwarzen Totenkopf-Shirt, das er bei der Präsentation an sich trug, sondern an dem, was er von sich gab. Der neue Chefcoach sprüht vor Tatendrang beim braun-weißen Neuanfang nach dem Bundesliga-Abstieg, ohne platte Parolen rauszuhauen. Rapp will nicht alles anders machen als sein Vorgänger, aber vieles neu und einiges besser. Nur bei einem Thema hält er sich auffallend zurück.

Es sei schon sehr viel besser geworden bei ihm in den vergangenen Jahren, sagt Blessin-Nachfolger Rapp, als der offizielle Teil des Medientermins schon vorbei ist. Er meint keine schlechten Angewohnheiten, sondern seinen badischen Dialekt. Den habe er sich in den fünf Jahren in Norddeutschland, davon viereinhalb Jahre und bis Februar als Trainer von Holstein Kiel, nach und nach abtrainiert. Aber längst noch nicht ganz, wie schon seine ersten Worte des offiziellen Termins („erschtmal hallo in die Runde!“) oder seine Einschätzung zur Zweiten Liga („extreme Leischtungsdichte“) zeigten. Aber warum kaschieren, woher er kommt (in Pforzheim kommt und in Baden-Württemberg groß geworden). Entscheidend ist, wohin er St. Pauli führt.

FC St. Pauli: Trainer Marcel Rapp spricht von „Toplösung“

Der neue Job beim Kiezklub ist „für mich die Toplösung“, sagt der 47-Jährige und begründet das mit seinen einprägsamen Erlebnissen bei Gastspielen am Millerntor, der besonderen Atmosphäre sowie den Gesprächen mit den St. Pauli-Verantwortlichen in den vergangenen zwei Wochen. Eine naheliegende Lösung. Auch geografisch. Rapp, seine Ehefrau und seine zwei Töchter wohnen noch immer in der Nähe von Kiel und werden dort bleiben, er selbst eine Wohnung in Hamburg beziehen. Er fühlt sich im Norden wohl.

Begeisterung und Energie sind zu spüren, wenn Rapp schwärmt: „Ich liebe Fußball“. Als Beruf einerseits, „aber ich liebe Fußballspiele auch aus Fansicht.“

Andreas Bornemann nennt ihn den „passenden Mann“

Für St. Pauli-Sportchef Andreas Bornemann ist Rapp ein „absoluter Fachmann“ und auch der „absolut passende Mann für die Situation und die Aufgabe hier bei uns“. Die ersten und weiteren Gespräche mit dem Fußballlehrer seien „vom ersten Moment an von Energie, von profunden Kenntnissen der Liga und auch unserer Mannschaft gekennzeichnet“ gewesen, berichtet Bornemann. Anders gesagt: Was St. Pauli angeht, war der Coach im Thema.

Der neue St. Pauli-Trainer Marcel Rapp mit Sportchef Andreas Bornemann im Millerntor-Stadion
St. Paulis neuer Trainer Marcel Rapp mit Sportchef Andreas Bornemann im Millerntor-Stadion

„Meine Aufgabe ist, der beschte Trainer zu sein“, sagt Rapp zu seinen Prioritäten beim Kiezklub. Der beste Trainer für St. Pauli, versteht sich. Sein „Kerngeschäft“ sei es, die Mannschaft zu trainieren und zu führen. Dabei wolle er die Spieler mitnehmen. Rapp ist bekannt dafür, seine Teams taktisch flexibel spielen zu lassen. Er erwartet viel von seinen Spielern, eine hohe Bereitschaft, körperlich und auch im Kopf. „Wir wollen die Spieler nerven“, formuliert er es griffig. „Die sollen besser werden – und sie sollen auch besser werden wollen.“

So will der Neue die Kiezkicker in Liga zwei spielen lassen

Rapps bevorzugter Spielstil ist aktiver Ballbesitzfußball auf einer stabilen defensiven Basis mit vielen Balleroberungen in direkten Duellen. Die künftige Ausrichtung fasst er knapp zusammen. „Laufen, kämpfen, leidenschaftlich sein und dazu ordentlich Fußball spielen.“ Grundsätzlich gelte es, „so einfach wie möglich nach vorne zu kommen, um so einfach wie möglich Tore zu schießen“, sagt der neue Frontmann. „Es liegt an uns Trainern und den Spielern, die Fans zu überzeugen.“

Dafür braucht es sicher auch neue Spieler. Aktuell sei er noch dabei, sich „einen Überblick über den Kader zu verschaffen, zu analysieren: wer kommt, wer geht noch weg.“ Und er werde „und peu à peu Gespräche mit Spielern führen“, kündigt Rapp an.

Welche Ziele verfolgt Rapp mit St. Pauli nach dem Abstieg?

Dass St. Pauli als seine erst zweite Profitrainer-Station eine Nummer größer ist als Holstein Kiel und die mediale Aufmerksamkeit weitaus höher ist als an der Förde, ist Rapp bewusst. Aber er habe die „abosolute Überzeugung“, dass er den Herausforderungen beim Kiezklub gewachsen ist. Mit einem verschmitzten Lächeln sagt er: „Was das erhöhte Medienaufkommen angeht, lasse ich das einfach auf mich zukommen. Man wächst ja mit seinen Aufgaben und so sehe ich das auch: als neue Aufgabe.“

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Diese Woche u.a. mit diesen Themen:

  • Nach Olympia-Aus: Was Hamburger jetzt vom Bürgermeister erwarten

  • Block-Sündenbock: Warum der Familienanwalt Costard in den Fokus rückt

  • Public Viewing: In welchen Bars, Biergärten und Kneipen Sie die Fußball-WM gucken können

  • Große Rätselbeilage: Knobelspaß für die ganze Woche

  • 16 Seiten Sport: Aus für Blessin bei St. Pauli & Jattas emotionale HSV-Reise

  • 28 Seiten Plan7: Konzerte und mehr im Schanzenzelt, Gastro-Comeback & Tipps für jeden Tag

So auskunftsfreudig Rapp bei den meisten Themen ist, so zugeknöpft gibt er sich beim Thema Saisonziel und auch den mittelfristigen Ambitionen. Projekt Wiederaufstieg? Bundesliga? Da verweist Rapp dann auf Bornemann, der zuvor die Ziele formuliert hat. „Für uns wird es wichtig sein, in der herausfordernden Zweiten Liga zu bestehen und unsere grundsätzliche Zielsetzung, uns in den Top 25 in Deutschland zu etablieren, zu erreichen. Das kann mal Platz sechs sein in der Zweiten Liga und vielleicht auch mal wieder Bundesliga.“

Rapp sagt, was nach dem Abstieg „der größte Fehler“ ist

Rapp hatte dem nichts hinzuzufügen. Aber weil der ehrgeizige Coach in Kiel eine Aufstiegs-Mannschaft geformt und ein Jahr Bundesliga-Luft geschnuppert hat, kann als gesichert angenommen werden, dass es der neue St. Pauli-Trainer nicht bei dieser einen Spielzeit im Oberhaus belassen möchte und auch nicht auf den Kiez gekommen wäre, wenn er hier nicht die Chance sehe, es mit den „Boys in Brown“ erneut schaffen zu können.

Mit Respekt geht Rapp die neue Aufgabe an – in jeder Hinsicht. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer die Saison nach einem Abstieg ist. Auf die Frage, welches der größte Fehler sei, denn man in einer Ausgangslage wie der jetzigen bei St. Pauli machen könne, sagt Rapp: „Der größte Fehler ist, zu denken, dass man noch in der Bundesliga ist und auch so spielt. Dann hat man gar keine Chance.“ Es wird seine erste Aufgabe sein, das in den Köpfen seiner neuen Spieler zu verankern.

Co-Trainer: Peter Nemeth bleibt, Jens Schuster kommt

Das Trainerteam bei St. Pauli bleibt bestehen, wird aber erweitert. Nicht nur Co-Trainer Peter Nemeth wird weiterhin an Bord sein (MOPO berichtete), sondern auch Torwarttrainer Sven van der Jeugt. Rapp bringt Jens Schuster als zusätzlichen Co-Trainer mit, den er aus gemeinsamen Zeiten im Nachwuchsbereich der TSG Hoffenheim kennt und der bei Holstein Kiel als Scout mit Rapp zusammengearbeitet hat.

Rapp ist frisch und erholt. Die drei Monate nach der Freistellung in Kiel haben sich wie eine lange „verlängerte Sommerpause angefühlt“, in der er sich seiner Familie gewidmet, aber auch weitergebildet hat. „Jetzt geht es schon wieder an die Arbeit.“ Er will beweisen, dass nicht nur St. Pauli eine Toplösung für ihn ist, sondern auch umgekehrt – und er die „beschte“ Lösung für St. Pauli.