Taichi Hara auf dem Weg zur St. Pauli-Ersatzbank

Taichi Hara kam in den letzten neun Spielen nur gegen die Bayern zum Einsatz – für zwei Minuten. Foto: picture alliance/dpa/Revierfoto | Revierfoto

„Wir haben, was wir haben…“: St. Pauli in der Sturm-Klemme – aber was ist mit Hara?

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Es gibt Fakten und Statistiken im Fußball, die sind entwaffnend, ernüchternd und manchmal sogar fast peinlich. Der FC St. Pauli hätte aus vielerlei Gründen sehr gerne darauf verzichtet, die erste Mannschaft in dieser Saison zu sein, gegen die Schlusslicht Heidenheim zu Null spielt. Für die Gastgeber eine Premiere, die neben den drei Punkten für Freude sorgte, für die Kiezkicker dagegen für Frust und auf die bislang wohl eindrücklichste Art und Weise das große Problem offenbarte: die mangelnde offensive Durchschlagskraft. Die Stürmer als stumpfe Spitzen. Joker, die nicht stechen. Angreifer, die verletzt sind. St. Pauli in der Sturm-Klemme. Warum bekommt Winterzugang Taichi Hara keine echte Chance?

Torlos gegen die schwächste Defensive der Liga, die (wie der Tabellenvorletzte Wolfsburg) 66 Gegentreffer kassiert hat, was nach 31 Spieltagen im Schnitt 2,1 pro Partie bedeutet. Das ist neben der 0:2-Niederlage an sich ein bitterer Fakt, an dem es nichts herumzudeuteln gibt und der einen Interpretationsspielraum von der Größe einer Nussschale lässt. Die Braun-Weißen haben ihren Ruf als schwächste Offensive der Liga (26 Tore, 0,8 pro Spiel) unwillentlich, aber überdeutlich untermauert.

St. Pauli fehlen im Angriff Durchschlagskraft und Präzision

11:12 Torschüsse aus Sicht von St. Pauli in den gut 90 Minuten deuten zwar auf ein ausgeglichenes Chancenverhältnis hin, aber die Anzahl der klaren Chancen war weitaus geringer (was für beide Teams galt) und die Gastgeber nutzten ihre besser. Das späte und entscheidende 2:0 von Dinkci nach einem Konter war ein Musterbeispiel für Konzentration, Konsequenz und Abschlussqualität. Eiskalt und effizient. Auch das 1:0 durch Budu Zivzivadze war ein Stürmer-Tor.


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St. Pauli-Angreifer Andreas Hountondji hatte zwar zwei der drei besten Gelegenheiten der Kiezkicker gehabt, es allerdings an der für ein Tor notwendigen Präzision missen lassen. Der Nationalspieler des Benin hatte in vielen Szenen auch nicht das nötige Durchsetzungsvermögen und in den Zweikämpfen nicht die geforderte Robustheit an den Tag gelegt. In Kopfballduellen zieht er regelmäßig den Kopf ein und macht sich so kleiner, anstatt seinen eigentlich wuchtigen Körper voll einzubringen. Auch am Boden könnte und müsste er vehementer seinen Mann stehen, sich selbst und den Ball behaupten.

Martijn Kaars und Abdoulie Ceesay als Joker wirkungslos

Das Problem: die Alternativen. Weder Martijn Kaars, der zur zweiten Halbzeit für den indisponierten Joel Chima Fujita ins Spiel gekommen war, noch Abdoulie Ceesay, der nach 64 Minuten den müde gelaufenen Hountondji ersetzt hatte, konnten entscheidend Druck oder gar Gefahr entwickeln. Beiden ist zwar der Wille und der Einsatz nicht abzusprechen, ganz im Gegenteil sogar, aber sie hatten schon Schwierigkeiten, überhaupt Zweikämpfe zu gewinnen und den Ball zu behaupten oder zu kontrollieren.

Im Hinspiel noch der Held mit zwei Toren beim 2:1-Sieg, gelang Kaars im Rückspiel so gut wie gar nichts. 6,1 gelaufene Kilometer und zehn Sprints dokumentieren zwar, wie fleißig der Niederländer wieder einmal war, aber dem gegenüber stehen kein einziger gewonnener Zweikampf (von fünf), kein Torschuss, keine Torschussvorlage, kein erfolgreiches Dribbling (bei drei Versuchen). Immerhin kamen bei insgesamt 18 Ballkontakten alle seine neun gespielten Pässe an.

Jackson Irvine verteidigt die eingewechselten Stürmer

Ceesay brachte immerhin einen Torschuss zustande, aber bei 17 Ballkontakten nur zwei von sechs Pässen an den Mann und konnte zwei von fünf Zweikämpfen für sich entscheiden. Acht Sprints und 3,4 gelaufene Kilometer des Gambiers in 30 Minuten sind wie im Fall von Kaars ein Arbeitsnachweis, aber es ist eben auch bezeichnend, wenn dies der einzige Bereich bleibt, der positiv zu bewerten ist. Anders als Kaars (drei Saisontore, dazu zwei im DFB-Pokal) ist Ceesay in der laufenden Spielzeit noch kein Treffer gelungen.

„Wir alle müssen besser spielen“, sagte Kapitän Jackson Irvine, auf die Leistungen der Einwechsel-Stürmer in Heidenheim angesprochen. „Ich vertraue jedem unserer Spieler. Ich erlebe sie jeden Tag im Training. Ich glaube an jeden Einzelnen und wir brauchen auch jeden Spieler bis zum Ende.“

Die ganze Mannschaft spielte schlecht nach vorn

Zur ganzen Wahrheit gehört auch, dass es die Stürmer in Heidenheim schwer hatten, in gute Szenen oder gar Abschlusssituationen zu kommen, weil die ganze Mannschaft schlecht gespielt und nach vorn wenig Druck und Gefahr kreiert hatte. Die Stürmer zu Sündenböcken zu stempeln, wäre zu simpel (auch Mittelfeld- oder Abwehrspielern ist es ja nicht verboten, Tore zu schießen).

Hountondji (vier Saisontore) war in Heidenheim viel zu oft mit hohen Bällen „bedient“ und in nicht sonderlich aussichtsreiche Laufduelle geschickt worden und entsprechend früh platt. Weil der schnelle Angreifer aber der derzeit mit Abstand gefährlichste aller St. Pauli-Stürmer ist, müsste es gelingen, dass er länger auf dem Rasen bleiben kann als immer nur eine Stunde – noch viel mehr, wenn das Angriffsspiel durch die Einwechslung der anderen Stürmer wie in Heidenheim noch ungefährlicher wird.

Ricky-Jade Jones und Mathias Pereira Lage fehlen St. Pauli

Eine verflixte Situation. Einmal mehr machte sich der Langzeitausfall des blitzschnellen Ricky-Jade Jones schmerzhaft bemerkbar und das jüngste Saison-Aus von Mathias Pereira Lage, der als Stürmer vor allem für das braun-weiße Angriffspressing enorm wichtig ist und dessen Fehlen sich in Heidenheim deutlich bemerkbar gemacht hatte, trifft St. Pauli hart.

Es dürfte keine zwei Meinungen darüber geben, dass das, was Kaars und Ceesay gegen Heidenheim zustande gebracht hatten, zu wenig war. Das weiß auch St. Pauli-Trainer Alexander Blessin und deshalb unternahm er auch gar nicht erst den Versuch einer positiven Bewertung ihrer Leistungen. „Ceesay hat versucht, Gas zu geben, Martijn auch“, meinte er knapp. Kritik sparte er sich ebenso, denn dann hätte er fast alle Spieler, die zum Einsatz gekommen waren, kritisieren müssen.

Alexander Blessin will nicht „auf Spielern herumhacken“

„Ich werde jetzt nicht auf einzelnen Spielern herumhacken“, stellte der Coach klar und machte mit wenigen Worten die personelle Situation deutlich, was wiederum Bände sprach: „Wir haben das, was wir haben, und mit dem müssen wir versuchen, alles zu geben.“ Blessin meint die zur Verfügung stehenden Spieler.

Angesichts der Sturm-Sorgen drängt sich die Frage auf, warum Winterzugang Taichi Hara überhaupt keine Rolle spielt – und zwar noch weniger als kurz nach seiner Verpflichtung. Gegen Heidenheim hatte der 1,91 Meter große Angreifer zwar wie schon in den vergangenen elf Spielen auf der Bank gesessen, war aber zum achten Mal nicht zum Einsatz gekommen.

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Drei Kurzeinsätze hat Hara verbucht, seit er im Januar aus der japanischen J-League zum Kiezklub gewechselt ist, zuletzt durfte er noch in den letzten Minuten der 0:5-Heimniederlage gegen Bayern mitspielen. Keine echte Bewährungschance. Sein längster Einsatz dauerte gut 20 Minuten, bei der 0:4-Niederlage in Leverkusen, als das Spiel beim Stand von 0:3 schon gelaufen war.

Taichi Hara spielt gar keine Rolle, Blessin erklärt warum

Auf die Frage, was Kaars und Ceesay besser machen, oder was Hara falsch macht, gibt sich Blessin wortkarg. Er wolle nicht „zu sehr“ auf einen einzelnen Spieler eingehen, meinte der Coach. „Wir haben Gründe“, sagte er zur aktuellen Stürmer-Rangfolge und sprach von „Trainingseindrücken“ sowie taktischen Überlegungen. „In einem Spiel, in dem es viel um Robustheit geht, ist Ceesay zwar etwas wild, aber er haut sich in jeden Ball rein“, sagte Blessin. Deshalb sei die Entscheidung gefallen, „ihn in so einem Spiel zu bringen und Taichi vorzuziehen“.

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Daran, dass Robustheit gefragt ist, wird sich im immer härter werdenden Klassenkampf nichts ändern, was nicht gerade dafür spricht, dass sich Hara Hoffnungen auf einen Einsatz machen darf. Er scheint nach wie vor Probleme zu haben, sich an das Bundesliga-Niveau und das körperbetonte Spiel zu gewöhnen. Andererseits haben weder Kaars noch Ceesay Argumente geliefert, warum sie abermals den Vorzug erhalten sollten. Besser wäre es für St. Pauli, wenn die Fragen nach Hara in den verbleibenden drei bis bestenfalls fünf Spielen verstummen, denn sie sind ein Symptom.

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