Was man im TV nicht sah: So liefen die Minuten nach dem St. Pauli-Abstieg

St. Pauli-Profi Hauke Wahl musste nach Abpfiff getröstet werden.
St. Pauli-Profi Hauke Wahl musste nach Abpfiff getröstet werden.

Es waren hochemotionale und herzzerreißende Szenen auf dem Rasen und in den Katakomben des Millerntorstadions. Abstiegs-Schmerz. Spieler und auch Verantwortliche weinten bittere Tränen oder mussten sehr kämpfen, andere waren wie versteinert. Manch einer erklärte in der Stunde der schweren und doppelten Niederlage seinen Abschied. Auch der FC St. Pauli kehrt der Bundesliga den Rücken. Nach zwei Spielzeiten ist der Tanz in der Belétage vorbei. In Hamburg sagt man tschüss...

Aus den Boxen ertönte „Das hier ist Fußball“ von Thees Uhlmann und spätestens beim Refrain stand den meisten Fans auf den Tribünen – mit Ausnahme des feiernden Gästeblocks – das Wasser in den Augen, während sich die Spieler aus dem obligatorischen Kreis lösten und dann langsam für eine allerletzte, sehr langsame Ehrenrunde in der Erstklassigkeit auf den Weg machten, einer traurigen Prozession gleich. Auf Uhlmann folgte „Those were the Days“ von Mary Hopkins, nicht weniger sentimental.

Hauke Wahl kamen bei Thees Uhlmann die Tränen

„Es tut unfassbar weh“, sagte Hauke Wahl mit erstickter Stimme in der Interviewzone des Stadions, die zwischen Spielfeld und Kabine liegt. Der Abwehrchef kämpfte sichtlich mit seinen Emotionen. Direkt dem Schlusspfiff und dem besiegelten Gang in die Zweitklassigkeit war er in die Knie gegangen, hatte sein Gesicht im Trikot vergraben und seinen Gefühlen freien Lauf gelassen.

Es waren Szenen, die niemand so schnell vergessen wird und die Eindruck hinterließen. Laute St. Pauli-Sprechchöre des Publikums bei der Abschiedsrunde der Mannschaft, tausende empor gereckte Fan-Schals. „So etwas zu sehen und auch noch die Lieder…“, sagte Wahl stockend und schluckte. „Ich muss ehrlich sagen: als ich dann noch Thees Uhlmann gehört habe, da hat es mich auch gepackt. Weil wir dasselbe Lied vor zwei Jahren gesungen haben, vorne auf der Reeperbahn.“ Bei der großen Aufstiegssause. „Und jetzt ist es einfach ein ganz anderer Moment.“ Das Support des braun-weißen Anhangs in der bitteretn Stunde sei „sehr, sehr schön und zeigt die Liebe. Aber es macht es auch noch schlimmer für uns.“

Jackson Irvine war die Leere ins Gesicht geschrieben.
St. Pauli-Kapitän Jackson Irvine war die Leere ins Gesicht geschrieben.

Irvine spricht im TV und geht dann wortlos in die Kabine

Kapitän Jackson Irvine eilte mit gerötetem Gesicht durch die Mixed Zone und gab keine weiteren Interviews. Anfragen quittierte er mit einem Kopfschütteln. Im Fernsehen hatte er gesprochen, den Abstieg mit allen Begleiterscheinungen „herzzerreißend“ genannt und die Unterstützung der Fans gelobt. Auch Joel Chima Fujita ging wortlos in die Kabine. Präsident Oke Göttlich nahm einige Schritte entfernt seine Kinder in den Arm. Halt geben, Kraft spenden.

Stürmer Martijn Kaars war relativ gefasst und einfach nur „enttäuscht“. Der Niederländer sprach auch von einer insgesamt „enttäuschenden Saison“ und vom bittersten Moment seiner Karriere. „Ich bin noch nie abgestiegen.“ Kaars dürfte ein wichtiger Spieler für das Projekt Wiederaufstieg sein. Keeper Nikola Vasilj dagegen erklärte nach dem Spiel dagegen seinen Abschied. Sein Vertrag hätte sich nur im Fall des Klassenerhalts automatisch verlängert.

„Totale Leere“: Alexander Blessin sucht Trost bei der Familie

Trainer Alexander Blessin war nach dem Spiel und dem Mannschafts-Kreis wie immer zu seiner Frau und seinen Töchtern auf die Tribüne gegangen, holte sich Trost, oder zumindest so etwas in der Art. „Totale Leere im Kopf“, habe bei ihm geherrscht, gab er etwas später Einblick in sein Inneres. „Man sackt in sich zusammen, wechselt ein paar Worte mit der Familie. Ich weiß, ehrlich gesagt, gar nicht mehr, was meine Frau zu mir gesagt hat.“

Trainer Alexander Blessin ließ sich von seiner Familie auf der Tribüne trösten.
Trainer Alexander Blessin ließ sich von seiner Familie auf der Tribüne trösten.

Auch auf der Pressekonferenz war der Coach sichtlich angefasst und stand eindeutig unter dem Eindruck des Abstiegs. „Es ist ein bitterer Moment für den Klub, für uns. Es tut verdammt weh und es tut uns leid für die Fans. Die sind absolut erstligareif. Leider haben wir es nicht geschafft, ihnen das über die Saison in irgendeiner Form zurückzugeben.“

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St. Pauli versucht Zuversicht: „Nach Regen kommt Sonne“

Es war auch der Trainer, der versuchte, ein bisschen Licht ins allgemeine emotionale Dunkel zu bringen. „Ich habe den Jungs gesagt – auch wenn es vielleicht komisch klingt: nach dem Regen kommt auch wieder Sonne. Das Leben geht weiter.“ In Liga zwei. St. Pauli ist dabei. Und muss sich im sportlichen Bereich ein Stückweit neu erfinden. Die Mannschaft wird ihr Gesicht verändern.