Wahl vermeidet Bekenntnis zu St. Pauli – wie heiß ist die Wolfsburg-Nummer?
Im Ausnahmezustand gibt es nicht den einen richtigen Weg. Jeder Mensch ist anders. Und es gibt ganz eigene Interessen. So wurden auch beim FC St. Pauli in der bitteren und schmerzhaften Stunde des Abstiegs auf ganz unterschiedliche Art und Weise Entscheidungen verkündet, Signale gesendet oder aber es wurde abgeblockt und die eigene Zukunft im Unklaren gelassen. Ausgerechnet einer der Wortführer im Team, der sich auch in den kritischsten Phasen der Saison und nach härtesten Rückschlägen stets stellte, Klartext redete und auch kritischen Fragen nicht auswich oder sich drückte, gab sich nach der finalen Niederlage einer enttäuschenden Saison zugeknöpft, als es um seine persönliche Perspektive beim Kiezklub ging: Hauke Wahl. Und ausgerechnet der Klub, der St. Pauli aus der Bundesliga geschossen hat, lockt ihn.
Anders als viele seiner Mitspieler, die im Eiltempo durch die Mixed Zone des Millerntor-Stadions in Richtung Kabine eilten und den wartenden Medienvertretern keine Interviews geben wollten und dies mit Körpersprache oder Gesten deutlich machten, wie etwa Kapitän Jackson Irvine oder Joel Chima Fujita, war es einmal mehr Abwehrchef Wahl, der nach einem Marathon an den TV-Mikrofonen auch der schreibenden Zunft ausgiebig Rede und Antwort stand – mit besagter thematischer Ausnahme.
FC St. Pauli: Hauke Wahl will nicht über Zukunft sprechen
Auf seine Zukunft bei St. Pauli angesprochen, reagierte der gebürtige Hamburger unwirsch. „Ey, wir sind vor zehn Minuten abgestiegen. Ich habe mir noch keinen Gedanken über die Zukunft gemacht“, erklärte der 32-Jährige, dem der Abstieg emotional sehr und sichtlich nahe ging. „Das sind immer Themen, die dann im Sommer anstehen. Aber dazu kann ich jetzt nichts sagen.“
Menschlich nachvollziehbar, aber dass es auch anders geht in einer solchen Ausnahmesituation, zeigte der Kapitän. Zwar stellte sich Irvine nicht wie Wahl in der Mixed Zone, was in seiner exponierten Position als Spielführer durchaus frag- und auch kritikwürdig ist, aber der Australier hatte dafür im TV-Interview klargestellt, auch in der Zweiten Liga an Bord bleiben und seinen noch eine weitere Saison laufenden Vertrag erfüllen zu wollen, sofern nichts Außergewöhnliches passiere.
VfL Wolfsburg lockt Wahl – mit einem Millionen-Gehalt?
Wahl hat die Wahl. Mitte April hatte der „Kicker“ ohne weitere Details oder Quellen berichtet, dass der VfL Wolfsburg Interesse an einer Verpflichtung des Abwehr-Routiniers zeigt, der bei St. Pauli die sportlich beste Zeit seiner bisherigen Karriere erlebt und sich mit der Aufgabe identifiziert hat. Nun scheint klar, dass die „Wölfe“ ernst machen.
Nach MOPO-Informationen hat der VfL dem 32-Jährigen ein gut dotiertes Angebot gemacht und lockt mit einem Jahresgehalt, das sich am Anfang des siebenstelligen Bereichs bewegen soll – es wäre ein signifikanter Gehaltssprung für Wahl, dessen nächster Vertrag angesichts seines fortgeschrittenen Alters auch sein Letzter sein dürfte. Finanziell lukrativ. Und sportlich?
Vertrag von Hauke Wahl bei St. Pauli läuft noch bis 2027
Das Angebot soll unabhängig von Wolfsburgs Liga-Zugehörigkeit sein, denn die Niedersachen müssen sich erst noch in der Relegation (21. und 25. Mai) gegen den Zweitliga-Dritten behaupten. Wahl dürfte die Relegation abwarten wollen, um sich zu entscheiden.
Sein Vertrag bei St. Pauli läuft noch mindestens bis 2027, weshalb im Falle eines Wechselwunsches von Wahl eine Ablösesumme fällig wäre – und ein harter Ablösepoker die Folge. Der Kiezklub dürfte den Stamm- und Führungsspieler trotz seines fortgeschrittenen Alters nicht zum Schnäppchenpreis ziehen lassen. Wolfsburg wiederum könnte wegen Wahls Alter (begrenzte Perspektive) und der nur noch einjährigen Vertragslaufzeit den Preis drücken wollen. Nicht ausgeschlossen, dass sich die Parteien – sollte es denn tatsächlich zu Verhandlungen kommen – nicht einigen können.
Bei St. Pauli ist Wahl eine Säule, auf und neben dem Platz
Für St. Pauli ist Wahl deutlich wichtiger als er für Wolfsburg wäre, denn er ist eine Führungsfigur, die sich mit der Aufgabe beim Kiezklub stets identifiziert hat, über die Spielfeldbegrenzung hinaus denkt und auch ein Gesicht der Mannschaft ist, welche er wie wenige andere Kiezkicker als gefragter Gesprächspartner und eloquenter Wortführer nach außen repräsentiert.
Es darf nicht ausgeschlossen werden, dass das Wolfsburger Angebot für Wahl mindestens als gewünschter Nebeneffekt für Unruhe beim Routinier und dem direkten Konkurrenten im Klassenkampf gesorgt hat oder sorgen sollte. Anderenfalls wäre es schon ein großer Zufall, dass das Interesse ausgerechnet in der Phase öffentlich wurde, in der sich der VfL und St. Pauli als Hauptkonkurrenten im Kampf um Relegationsplatz 16 herauskristallisierten, was schließlich im direkten Endspiel am 34. Spieltag gipfelte. Im Vorfeld des Showdowns war das Thema Wahl und Wolfsburg erneut aufgekommen.
Wolfsburgs Angebot: Echtes Interesse oder ein Störfeuer?
Die Sache war, ist und bleibt pikant, und auch wenn sich Wahl im Spiel gegen Wolfsburg voll reinhaute, ein weitestgehend gutes Spiel machte und auch grundsätzlich der Letzte ist, dem man mangelnde Loyalität und Professionalität vorwerfen möchte, dann hätte schon ein Wechselwunsch – ganz zu schweigen von einem möglichen Transfer zum VfL – einen bitteren Beigeschmack, auch wenn er bei einem Klassenerhalt der „Wölfe“ rein sportlich gesehen nachvollziehbar wäre. Ob möglicherweise aber auch das Interesse der Wolfsburger schnell abkühlt, jetzt wo St. Pauli ausgeschaltet ist, wird sich zeigen.