Vorbild? Warum Augsburg in einer anderen Geld-Liga als St. Pauli spielt
Zweites Heimspiel der zweiten Saison und ein gutes Startkapital im Rücken. Mit vier Punkten auf dem Konto empfängt der FC St. Pauli am Sonntag den FC Augsburg am Millerntor. In der Tabelle liegen die Kiezkicker als Fünfter sogar zwei Plätze vor den Fuggerstädtern. Sportlich ein Duell auf Augenhöhe des Moments, wobei der FCA längst ist, was St. Pauli werden will: ein fester Bestandteil der Bundesliga. Dennoch scheint ein Verein wie Augsburg am ehesten in Reichweite, wenn es um die vom Kiezklub angestrebte Etablierung und Weiterentwicklung im Oberhaus geht. In der Abschlusstabelle der Saison 2024/25 trennte nur ein Platz die beiden Vereine. Aber taugt der FCA wirklich als Maßstab und gar Vorbild?
2011 ist so etwas wie ein Schicksalsjahr in der Geschichte beider Vereine, die zu der Zeit auf einem ähnlichen Level waren. St. Pauli stieg damals nach nur einem Jahr in der Bundesliga wieder ab, Augsburg in die Erste Liga auf. Und beide Klubs blieben mehr als ein Jahrzehnt in ihrer Spielklasse, die Bayern ununterbrochen bis heute. Das hat massiven Einfluss auf die Kräfteverhältnisse und sagt sehr viel über St. Paulis Ausgangslage im zweiten Jahr Klassenkampf – und auch die langfristigen Chancen.
Augsburg hat viel mehr Möglichkeiten als der FC St. Pauli
Entscheidend is auf’m Platz, lautet der legendäre Satz von Adi Preißler. Auf dem Rasen, in den 90 Minuten am Sonntag, können die Kiezkicker ebenbürtig sein, sogar besser. Möglich. Machbar. Was die Rahmenbedingungen einer ganzen Saison mit 34 Spieltagen sowie den Status quo über mehrere Jahre angeht, ist der Unterschied enorm. Entscheidend ist nämlich auch in der Kasse.
„Auch wenn Augsburg oftmals eher als kleinerer Bundesligist betrachtet wird, sind die finanziellen Möglichkeiten im Vergleich zum FC St. Pauli deutlich höher“, stellt Wilken Engelbracht, Kaufmännischer Geschäftsleiter des Kiezklubs, im Gespräch mit der MOPO klar. „Das hat zwei Ursachen: Zum einen spielt der FC Augsburg seit mehr als einem Jahrzehnt durchgängig in der Bundesliga, was zu ganz anderen finanziellen Möglichkeiten führt. Zum anderen ist Augsburg ein Investorenklub mit nationalen und internationalen Gesellschaftern.“ Für den mitgliedergeführten Verein FC St. Pauli grundsätzlich kein Modell.
Zahlen machen den Abstand zwischen den Vereinen deutlich. „Allein in dieser Saison wird Augsburg schätzungsweise über acht Millionen Euro TV-Geld mehr als wir verfügen“, rechnet Engelbracht vor. St. Pauli steht in der TV-Geld-Tabelle mit knapp 33 Millionen Euro auf Platz 17 (vor dem HSV), der FCA auf Rang 15. „Den wirtschaftlichen Unterschied kann man auch am Stand des Eigenkapitals ablesen, der bei Augsburg mit schätzungsweise 40 Millionen Euro in etwa achtmal so hoch ist wie beim FC St. Pauli.“ Das ermöglicht Augsburg, bei Transfers und Infrastrukturprojekten mal ins Risiko und weit ins Minus zu gehen.
St. Pauli kann weniger Geld investieren als Augsburg
Apropos Transfers. St. Pauli hat diesen Sommer rund 13 Millionen Euro Ablöse für neue Spieler ausgegeben, so viel wie noch nie. Augsburg 24 Millionen. Geschätzter Marktwert des FCA-Kaders: 138 Millionen. Der von St. Pauli: 52 Millionen. Augsburgs Rekord-Einkauf der Klubgeschichte war 2022 Ricardo Pepi für 16 Millionen Euro – in etwa das Vierfache von dem, was der Kiezklub für seine Rekord-Verpflichtung Martijn Kaars hinblätterte.
Noch krasser ist der Unterschied bei den Rekordverkäufen. Philipp Treu brachte St. Pauli jüngst 5,5 Millionen Euro ein, ein Jahr zuvor verkaufte Augsburg Ermedin Demirovic für 23 Millionen. Als Rekord-Transfer gilt aber Abdul Rahman Baba (2015 für 26 Millionen inklusive Boni zu Chelsea). Bescheiden nehmen sich da die etwa 2,2 Millionen Euro aus, die St. Pauli diesen Sommer vom FCA für Elias Saad erhielt, der den nächsten Karriereschritt machen wollte – sportlich und auch in Sachen Gehalt.
Andere Summen, andere Möglichkeiten. Finanziell spielt Augsburg in einer anderen Liga, sportlich zum Glück in der gleichen, aber eben schon verdammt lange. Die vergangenen zehn Spielzeiten beendete der FCA immer zwischen den Plätzen elf und 15. Das hat dem Verein ein Graue-Maus-Image beschert, aber auch jede Menge Kohle. Erarbeitet. Und damit verdient.
Augsburg kann ein Vorbild für den FC St. Pauli sein
Nachahmenswert? Vorbildhaft für St. Pauli? „Ein Vorbild ist der FC Augsburg in puncto Professionalität und Kontinuität, auch wenn das dort gelebte Investorenmodell sicherlich nicht zu unserem Selbstverständnis passen würde“, sagt Engelbracht. „Die sportliche Leistung und Stabilität muss man aber unabhängig davon absolut anerkennen.“ Viele Parallelen zwischen beiden Klubs sieht er außer der fast identischen Stadiongröße und Auslastung nicht. St. Paulis Millionen-Modell: die Genossenschaft. Ein Gegenentwurf im Wettbewerb.
Die Bundesliga ist in sich eine Mehrklassengesellschaft. Die Wirtschaftskraft sorgt für Gruppenbildung, sogenannte Cluster. „Wir befinden uns derzeit in Bezug auf die finanziellen Möglichkeiten am ehesten in einer Gruppe mit Heidenheim und dem HSV, wobei beide Teams nach meiner Kenntnis sogar noch über einen etwas höheren Sportetat als wir in der aktuellen Saison verfügen“, sagt Engelbracht. Heißt: letzte Gruppe, letzter Platz. Trotz der zweiten Saison Bundesliga, trotz Tabellenplatz 14 in der ersten.
Neuankömmlinge haben es schwer, anzukommen und zu bleiben. Sportlich kann es schneller gehen, sind sogar Sprünge möglich, strukturell nur Schritte. St. Pauli will die Zustände nicht beklagen, aber benennen – für einen realistischen Blick.
FC St. Pauli will sich in der Bundesliga festbeißen
„Natürlich ist es schwer, aber auch niemals unmöglich, sich als Aufsteiger festzubeißen“, betont der Finanzchef. „Bochum hat es vor dem Abstieg geschafft, sich zumindest vier Jahre in der ersten Liga zu halten. Auch Union Berlin ist es gelungen, nach dem Aufstieg 2019 Fuß zu fassen. Aber: Das ist heutzutage schwieriger als vor einem Jahrzehnt. Denn die Unterschiede in Bezug auf die finanziellen Möglichkeiten zwischen Aufsteigern und langjährigen Erstligisten sind unter anderem durch die Entwicklung des TV-Gelds viel größer geworden.“ Um von einer echten Etablierung in der Bundesliga sprechen zu können, sind laut Engelbracht mindestens fünf Jahre nötig.
Berlin und Augsburg haben die vergangene Saison direkt vor St. Pauli auf den Plätzen 13 und zwölf beendet, lagen aber acht und elf Punkte vorn. Der Abstand entspricht in etwa dem zum nächsthöheren Cluster, in dem sich auch noch Bremen und Köln befinden. Klubs, die finanziell deutlich voraus sind. Keine Garantie für Erfolg, aber es verbessert die Chancen erheblich.
Das könnte Sie auch interessieren: St. Pauli-Kapitän Irvine vor dem Comeback
„Auf der anderen Seite haben wir als FC St. Pauli mit unserem einzigartigen Verein, der Größe der Stadt Hamburg und dem unglaublichen Zuspruch von Fans und Partnern ein starkes Umfeld, was es uns ermöglicht, uns in der Bundesliga nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich zu verankern“, stellt Engelbracht klar. „Aber es dauert. Und es erfordert verdammt viel Arbeit auf allen Ebenen.“