Vom HSV lernen? Wie St. Pauli zu einem Kurz-Trainingslager im Klassenkampf steht

St. Pauli-Trainer Alexander Blessin und Sportchef Andreas Bornemann unterhalten sich
Dauer-Austausch: Trainer Alexander Blessin (l.) und Sportchef Andreas Bornemann haben in der heißen Phase viele wichtige Entscheidungen zu treffen.

Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen, lautet eine beliebte Weisheit. Fraglos ist die Situation beim FC St. Pauli eine besondere: besonders schwierig, besonders prekär, besonders belastend. Acht Spiele nacheinander haben die Kiezkicker nicht gewonnen und sind zwei Spieltage vor dem Saisonende auf einen Abstiegsplatz abgerutscht. Die Mannschaft muss den Abwärtstrend stoppen, die Sieglos-Serie durchbrechen, sich aus dem mentalen Loch kämpfen, die Köpfe freibekommen. Mit einer Luftveränderung in einem Kurz-Trainingslager? Ausgerechnet der Erzrivale in der eigenen Stadt und der ultimative Gegner im aktuellen Klassenkampf zeigen St. Pauli, wie es gehen kann.

Die Methode hat eine lange Tradition. Vor wichtigen, gar ultimativen Duellen die Koffer packen und für ein paar Tage weg, raus aus der gewohnten Umgebung und dem gewohnten Trott. Wie steht man beim Kiezklub zu der Möglichkeit eines solchen Mini-Trainingslagers außerhalb Hamburgs, aber in Reichweite, beispielsweise in Malente, Schneverdingen oder Rotenburg an der Wümme? Vor dem Saisonfinale gegen Wolfsburg am Millerntor (16. Mai) oder aber vor einer möglichen Relegation (21./25. Mai)?

St. Pauli ins Kurz-Trainingslager? Was Bornemann sagt

„Wir werden kein Trainingslager beziehen oder plötzlich Dinge ganz anders machen“, stellt Sportchef Andreas Bornemann auf MOPO-Nachfrage klar und liefert sogleich die Begründung nach. „Ich bin kein Freund von derlei symbolischen Aktionen. In der Vergangenheit waren wir erfolgreich damit, bei uns zu bleiben und uns darauf zu konzentrieren, die tägliche Arbeit bestmöglich zu verrichten.“ Auf dem eigenen Trainingsgelände der heimischen Kollaustraße.

Der Stadt-Rivale, der mit dem Klassenerhalt in der Tasche beruhigt in die letzten beiden Saisonspiele gehen kann, hat es in der Vergangenheit anders gehandhabt und mehrfach von dem Modell Mini-Camp Gebrauch gemacht. Mit unterschiedlichen Erfahrungen.

Der HSV hat mehrfach ein Mini-Camp durchgeführt

Das Beispiel, das die vielleicht größten Parallelen zur aktuellen Situation bei St. Pauli aufweist: In der Saison 2014/15 bezog der akut abstiegsbedrohte HSV unter der Regie von Trainer Bruno Labbadia vor dem letzten Saisonspiel gegen Schallke 04 ein Kurz-Trainingslager in Malente. Das Saisonfinale gewannen die vor dem letzten Spieltag auf Tabellenplatz 17 stehenden Rothosen gegen erschütternd schwache Gäste, die vor der Partie einen Europapokalplatz schon sicher hatten (was ein gravierender Unterschied zu St. Paulis wahrscheinlichem Wolfsburg-Szenario am 34. Spieltag ist) mit 2:0.

Der HSV rettete sich damit in die Relegation und setzte sich dort gegen den Karlsruher SC durch. Übrigens: Auch die um den Klassenerhalt kämpfenden Hannoveraner hatten damals vor dem letzten Spieltag ein Kurz-Trainingslager in Harsewinkel bezogen, anschließend das Keller-Duell gegen Freiburg mit 2:1 gewonnen und die Breisgauer in die 2. Liga geschickt.

Im Mai 2017 wiederum bezog der von Markus Gisdol trainierte HSV als Tabellen-16. ein Mini-Camp in Rotenburg an der Wümme, um sich nach einer 0:4-Klatsche gegen Augsburg auf die letzten drei Saisonspiele vorzubereiten. Es folgten zwei Unentschieden gegen Mainz und Schalke sowie ein 2:1-Heimsieg im Endspiel gegen Wolfsburg, mit dem sich der HSV rettete, während der VfL in die Relegation musste.

HSV vergurkt den Aufstieg nach einem Kurz-Trainingslager

Erfolgsmodell Kurz-Trainingslager? Es gibt gute Argumente, aber auch andere Beispiele – ebenfalls mit HSV-Beteiligung. Im Zweitliga-Aufstiegsrennen etwa versammelte Trainer Hannes Wolf die strauchelnde Mannschaft vor dem 32. Spieltag mal wieder in Rotenburg an der Wümme, nur um mit einem 0:3 gegen Ingolstadt und einem folgenden 1:4 gegen Paderborn endgültig und vorzeitig den direkten Wiederaufstieg zu versemmeln.

Ein anderers Beispiel liegt gar nicht weit zurück. In der Aufstiegssaison 2024/25 entschied sich der von Merlin Polzin trainierte HSV sieben Spieltage vor dem Saisonende, also vor Beginn der heißen Phase, kurzfristig zu einem viertägigen Mallorca-Trainingslager, was Wellen schlug. Eine wegweisende Erfolgs-Entscheidung, weil der HSV am Saisonende die ersehnte Rückkehr in die Bundesliga schaffte? Nur auf den ersten Blick, denn die Mannschaft gewann zwar das folgende Spiel in Nürnberg überzeugend mit 3:0, kassierte dann aber zu Hause ein übles 2:4 gegen Braunschweig, spielte 2:2 auf Schalke und verlor erneut im eigenen Stadion gegen Karlsruhe (1:2). Kein sportlicher Malle-Effekt also, aber am Saisonende dann doch der Aufstieg.

St. Pauli-Konkurrent VfL Wolfsburg hat Erfahrung mit Sonder-Trainingslagern

Auch der VfL Wolfsburg, Gegner der Kiezkicker am 34. Spieltag im voraussichtlichen Endspiel um die Relegation, hat eine Geschichte mit Kurz-Trainingslagern – unter der Regie von Trainer Dieter Hecking, der seit März wieder als Feuerwehrmann beim VfL am Werk ist. Im Mai 2016 bereiteten sich die von Hecking „Wölfe“ nach vier Niederlagen in Serie am fernen Chiemsee auf die letzten beiden Spieltage vor, obwohl die Europacup-Qualifikation bereits verpasst war und es eigentlich um nicht mehr viel ging. Die letzten beiden Saisonspiele gegen den HSV und gegen Stuttgart gewann Wolfsburg.

Dramatisch war dagegen die Lage der „Wölfe“ im Mai 2018, sodass Trainer Labbadia sein Team vor den letzten beiden Spielen für drei Tage im thüringischen Teistungen auf die entscheidenden Duelle einschwor. „Sinn der Sache ist, dass wir Ruhe haben und konzentriert und fokussiert arbeiten können. Wir wollen auf und auch außerhalb des Platzes viel Zeit miteinander verbringen und glauben, dass wir dort gute Bedingungen dafür haben“, erklärte Labbadia, ein Verfechter von Kurz-Trainingslagern, damals die Maßnahme nach einer 1:3-Heimniederlage gegen den HSV. Sein Team verlor am 33. Spieltag zwar klar mit 1:4 bei RB Leipzig, sicherte sich aber mit einem 4:1 gegen Köln im Saisonfinale den Relegationsplatz, während der HSV direkt abstieg.

Der aktuelle VfL-Aufschwung mit Hecking gelang daheim

Viel interessanter und für den diesjährigen Klassenkampf relevanter ist jedoch, was Wolfsburg und Hecking in der laufenden Saison gemacht haben und vielleicht noch machen. Nicht ausgeschlossen, dass die „Wölfe“ zwischen ihrem Heimspiel gegen Bayern München und dem Saisonfinale am Millerntor nochmal ein Kurz-Trainingslager beziehen, aber sie haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht, von einer derartigen Maßnahme abzusehen.

Nach der 1:2-Heimniederlage gegen Frankfurt am 11. April – der dritten Pleite in Serie und dem zwölften (!) Spiel nacheinander ohne Sieg – wurde ein Mini-Camp beim VfL intern und auch öffentlich diskutiert. Die Verantwortlichen entschieden sich jedoch dagegen. Es folgten der erlösende erste Dreier bei Union Berlin und zuletzt zwei Unentschieden gegen Mönchengladbach und Freiburg, durch die das Hecking-Team St. Pauli vom Relegationsplatz verdrängte.

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Ein „hausgemachter“ Aufwärtstrend in Wolfsburg mit fokussierter Trainingsarbeit und Spielvorbereitung in gewohnter Umgebung also. Auf einen solchen Effekt der Heim-Stärke hofft und setzt auch St. Pauli vor den alles entscheidenden Duellen der Saison und zieht die Kollaustraße einem auswärtigen Camp vor. Aber: Beide Wege können zum Erfolg führen.