„Tut extrem weh“: St. Paulis zweifelt am VAR, ist Letzter und setzt jetzt aufs Derby
Brutaler kann man nicht verlieren, schmerzhafter eine Niederlage nicht sein, mehr Drama geht nicht. Der FC St. Pauli ist nach dem bitteren 2:3 (0:1) bei Borussia Dortmund schwer angeschlagen und ausgerechnet vor dem Derby auf den letzten Tabellenplatz abgerutscht. Das neue braun-weiße Fußballjahr ist bislang ein Albtraum. Im Stadtduell sind die Kiezkicker zum Siegen verdammt. Kriegen sie die Köpfe vor dem Schicksalsspiel im Klassenkampf wieder hoch? Für Trainer Alexander Blessin könnte es jetzt kein besseres Duell geben als das gegen den HSV.
Die emotionalen Qualen standen den Spielern ins Gesicht geschrieben. Abwehrchef Hauke Wahl, der sich wie immer stellte und stets deutliche Worte findet, sprach mit auffällig leiser Stimme. „Es tut gerade extrem weh, jetzt das zweite Mal innerhalb von vier Tagen so spät einen Nackenschlag zu bekommen“, sagte der Routinier und schaute nur auf den Asphaltboden in den Katakomben des Signal Iduna Parks.
Etwas Positives konnte und wollte Wahl dem Auftritt seiner Mannschaft beim Tabellenzweiten und Champions-League-Teilnehmer in dem Moment nicht abgewinnen. „Wir haben null Punkte“, wandte er ein und meinte zur Atmosphäre in der Gästekabine mit finsterer Miene: „Wir haben null Punkte aus zwei Spielen in vier Tagen. Wir haben zweimal einen Nackenschlag bekommen, glaubt mir, da drin lacht grad keiner.“
St. Pauli rutscht auf Platz 18 ab
Null Punkte im neuen Jahr, nur zwölf Punkte nach 18 Spielen, Platz 18. Das sieht nicht gut aus, verdammt schlecht sogar. „Es ist eine ganz bittere Niederlage – erneut“, resümierte Trainer Alexander Blessin mit Verweis auf das 1:2 in Wolfsburg drei Tage zuvor, bei dem seine Mannschaft ebenfalls in der Schlussphase das entscheidende Gegentor kassiert hatte. Aber der später Tiefschlag in Dortmund war deutlich heftiger, weil er noch später gefallen und auf eine furiose Aufholjagd nach einem 0:2-Rückstand gefolgt war – und nach einem VAR-Entscheid, der alle Beteiligten überrascht hatte. „Wir müssen das jetzt fressen.“
Die Szene, die ein Spiel voller Wendungen und Dramen entschied, für Verwirrung und Diskussionen sorgte und die Gemüter erhitzte: In der vierten Minute der Nachspielzeit hatten die Dortmunder einen Foulelfmeter zugesprochen bekommen, einen der kuriosesten der Saison. Der nach einer guten Stunde eingewechselte Ricky-Jade Jones hatte Dortmunds Beier direkt am Strafraumrand in einer nicht sonderlich gefährlichen Situation zu Fall gebracht und Schiedsrichter Harm Osmers hatte sofort auf Freistoß an der Strafraumgrenze entschieden. Dann schaltete sich der VAR ein und nach Überprüfung der Bilder verkündete der Referee, dass es nun Foulelfmeter geben werde, denn das „Foulspiel war innerhalb des Strafraums.“
Can eiskalt vom Punkt in der Nachspielzeit
BVB-Kapitän Emre Can verwandelte den Strafstoß und ließ das Stadion in einem Jubelschrei explodieren, nachdem Teile des Heimpublikums kurz zuvor noch ihrem Frust deutlich vernehmbar Luft gemacht hatten. „Ich habe ein paar Bilder gesehen. Ich bin mir wirklich nicht sicher, ob der im Strafraum war“, stellte Blessin nach der Pressekonferenz die VAR-Intervention in Frage. Er wollte damit sagen: es war ihm nicht deutlich genug, um Osmers‘ Freistoßpfiff zu revidieren. „So etwas ist spielentscheidend.“
St. Pauli wird VARnsinnig. In der ersten Halbzeit hatte Osmers zunächst einen Handelfmeter für St. Pauli gepfiffen, nachdem Dortmunds Fabio Silva einen Schuss von Martijn Kaars mit dem Ellenbogen geblockt hatte (18.). Doch nach Ansicht der Video-Bilder lautete das Ergebnis: der Ellenbogen war angelegt, kein Handspiel. Bei der Niederlage in Wolfsburg war ein Handelfmeter gegen St. Pauli gepfiffen worden, weil Wahl den abgefälschten Ball unglücklich an den Arm bekommen hatte.
Blessin hadert mit VAR-Entscheidungen
„Einmal wird es gepfiffen, einmal nicht. Heute werden wir wieder bestraft. Der Fußballgott ist wirklich gerade nicht braun-weiß“, haderte Blessin mit der Masse an knappen und umstrittenen Szenen, die aktuell gegen seine Mannschaft entschieden werden. Auch das macht etwas mit einer Mannschaft, kann für Verzweiflung sorgen.

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Kämpfermentalität hatten die Kiezkicker in Dortmund bewiesen. Nach einer guten ersten Halbzeit, in der sie dem Favoriten Paroli geboten und nur sehr wenig zugelassen hatten, waren die Gäste in der Nachspielzeit in Rückstand geraten, weil der pfeilschnelle Adeyemi auf dem rechten Flügel von Lars Ritzka nicht zu stoppen gewesen war und die Hintermannschaft bei der flachen Hereingabe nicht energisch genug Raum und Gegenspieler verteidigte und Brandt unbedrängt einschieben konnte. „Das ist auch unglücklich, weil der Ball durch Freund und Feind durchrutscht“, fand Wahl, aber für Blessin war klar: „Das hätten wir im Zentrum besser verteidigen können.“
Adeyemi zweimal zu schnell für St. Pauli
Nach dem 0:2 durch Adeyemi, der eine starke Umschaltsituation der Gastgeber über Brandt und Fabio Silva abschloss (54.), schien der Drops gelutscht und die Heim-Fans stellten sich auf einen schwarz-gelben Feiertag ein, doch die St. Paulianer stemmten sich gegen die Niederlage, wurden mutiger, auch, weil sie es mussten.
„Was die Mannschaft ab da geleistet hat, war unglaublich“, lobte Blessin die Moral seiner „Boys in Brown“. Nach einer gefährlichen Ecke von Eric Smith köpfte James Sands platziert ins lange Eck und sorgte für neue Hoffnung (62.) der zwei Minuten später eingewechselte Jones schoss einen feinen Smith-Freistoß per anspruchsvoller Direktabnahme zum 2:2 in die Maschen (72.). Die Kiezkicker waren in dieser Phase die bessere Mannschaft, hatten Oberwasser, spielten weiter druckvoll nach vorne. „Ich hatte das Gefühl, dass wir dem 3:2 näher waren als der BVB“, meinte Blessin. Doch es kam anders – auf die schlimmste Weise.
Blessin sieht Derby als das perfekte nächste Spiel
Jetzt kommt auch noch das Derby. Ohne Rückenwind, ohne Erfolgserlebnis, mit maximalem Druck. Joel Chima Fujita spricht von einem „Sechs-Punkte-Spiel“, das St. Pauli angesichts der aktuellen Situation gewinnen müsse.
Trainer Blessin ist sogar froh, dass es bereits am Freitagabend gegen den HSV geht und „wir nicht gegen irgendeine andere Mannschaft daheim spielen, sondern das gleich wieder jeder voll fokussiert sind und die Möglichkeit haben, ein Ausrufezeichen zu setzen.“ Motivieren muss er niemanden. Aufbauen dagegen schon.
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„Es gilt, wieder aufzustehen“, weiß Blessin und gibt sich kämpferisch und zuversichtlich. „Die Jungs werden nicht aufgeben, das kann ich versprechen.“ Auch Wahl sieht es positiv, dass jetzt das Derby ansteht. „Das ist das Schöne am Fußball, es geht nächste Woche weiter, es ist ein wichtiges Spiel für uns. Morgen trainieren, übermorgen einen freien Kopf kriegen. So ist es im Fußball, wir sind es ja auch gewöhnt, wir sind alle nicht jung im Geschäft, sondern wir wissen, wie der Fußball läuft und ab Dienstag sieht die Welt dann anders aus. Dann ist der volle Fokus auf das Freitagsspiel. Aber klar, jetzt heute und morgen wird es sicher noch sehr wehtun.“ Brutal weh.
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