„Täuschen Sie sich …“: Das problematische Verhältnis zwischen St. Pauli und Bayer
Aufsteiger gegen Meister. Kampfeslust gegen Königsklasse. Eine 40-Millionen-Mannschaft fordert einen 640-Millionen-Kader. Als klarer Außenseiter tritt der FC St. Pauli bei Bayer 04 Leverkusen an, freut sich aber auf die Herausforderung gegen den amtierenden Champion und zeigt großen Respekt vor dessen Erfolgen. Was die Rahmenbedingungen angeht, hat der Kiezklub allerdings ein Problem mit dem Gegner.
So etwas wie alltägliche Spiele gibt es nicht für einen Liga-Novizen, für den jede Partie etwas Neues und auch Spezielles ist, mit allem Drum und Dran. Ein Kräftemessen mit dem Titelverteidiger der höchsten deutschen Spielklasse sticht definitiv noch heraus.
Göttlich lobt Bayer Leverkusen: „Hervorragende Arbeit“
„Wir freuen uns sehr auf das Spiel beim Deutschen Meister. Das ist für den FC St. Pauli etwas Besonderes“, betont Präsident Oke Göttlich im Gespräch mit der MOPO und lobt: „In Leverkusen wird hervorragende Arbeit geleistet. Davor habe ich Hochachtung. Xabi Alonso ist nicht nur ein herausragender Trainer, sondern auch ein sehr sympathischer Mensch.“
Was Fußball angeht, zieht Göttlich den Hut vor dem Double-Sieger. Beim Klub-Konstrukt fällt das Urteil anders aus. „Die Struktur von Bayer Leverkusen sehe ich allerdings kritisch“, sagt der 49-Jährige. „Dadurch, dass mit Bayer ein Konzern hinter der Profi-Fußballabteilung steht, gibt es unterschiedliche Voraussetzungen innerhalb des Wettbewerbs Bundesliga. So etwas kann nicht fair sein.“
Weshalb St. Pauli und Bayer 04 so unterschiedlich sind
Das ist nicht neu. Aber der Kiezklub wird erstmals seit 2011 wieder damit konfrontiert, direkt. Grund genug für Göttlich, mit deutlichen Worten darauf hinzuweisen. Der Gegensatz ist eklatant – insbesondere, weil der mitgliedergeführte FC St. Pauli gerade eine Genossenschaft gegründet hat als alternative Finanzierungsquelle.
Die Fußball-GmbH Bayer 04 Leverkusen ist ein 100-prozentiges Tochterunternehmen des in der Stadt am Rhein ansässigen Bayer-Konzerns. Das klingt so gar nicht nach Fußballkultur und -romantik und hat dem Klub Beinamen wie Werksklub, Werkself oder Pillenklub eingebracht. Es hilft nicht, dass die im Schatten von Düsseldorf und Köln liegende Stadt erst 1930 gegründet wurde und ihren Namen dem Apotheker und Chemieunternehmer Carl Leverkus verdankt.
Was St. Pauli-Boss Göttlich am Modell des Gegners stört
Das firmenhafte Leverkusener Fußball-Modell (wie auch beim VfL Wolfsburg mit VW oder auch Leipzig mit Red Bull) dürfte der Hauptgrund sein, warum der Klub trotz großer und auch konstanter Erfolge (nur Bayern München hat sich in den vergangenen 20 Jahren häufiger für den Europapokal qualifiziert) nicht zu den populärsten des Landes gehört und bei Sympathiewerten wie Einschaltquoten nur im Mittelfeld der Liga liegt. Am sehenswerten Fußball, großartigen Protagonisten (Wirtz, Xhaka, Boniface, Frimpong etc.) und einem sympathischen Klasse-Coach kann es nicht liegen.
Die wirtschaftlichen Voraussetzungen sind dagegen Spitzenklasse. „Die Fußballsparte wird durch den Bayer-Konzern quasi subventioniert“, sagt Göttlich und kritisiert: „Das sorgt für einen ungleichen Wettbewerb – und deshalb ist insbesondere auch das Duell zwischen dem eingetragenen Verein FC St. Pauli und Bayer Leverkusen im Grunde ein ungleicher Wettbewerb, den wir dennoch bestmöglich bestreiten wollen.“
Kiezklub-Präsident hält Reformen für möglich und nötig
Das Tröstliche: Mag auch der Kader der Leverkusener 16 Mal so viel wert sein als der des Kiezklubs, so ist er nicht automatisch 16 Mal besser und Bayer wird auch nicht mit 16 Toren Differenz gewinnen. Dennoch ist die Basis, auf der gewirtschaftet wird, eine ganz andere.
Göttlich, der auch im DFL-Präsidium sitzt, will sich mit den Gegebenheiten nicht einfach so abfinden, auch wenn die Sonderrolle von Leverkusen mit der Bayer-Beziehung seit Dekaden akzeptiert wird. „Ich wünsche mir, dass die Verbindungen kritisch hinterfragt und transparent gemacht werden, denn sie bieten Steuervorteile und auch andere wirtschaftliche Möglichkeiten, beispielsweise im Bereich Bilanzierung, die andere Vereine nicht haben.“
Der Kiezklub-Präsident fordert keine Revolution, aber Reformen, die er für möglich und nötig hält. „Das ist ein hausgemachtes Problem im deutschen Fußball und lässt sich nicht so einfach zurückdrehen“, weiß Göttlich in Anbetracht des etablierten Werksklub-Modells. „Man kann Bayer Leverkusen ja nicht aus der Liga werfen. Darum geht es mir auch gar nicht. Ich halte es dennoch für sehr wichtig, solche Sonderrollen und Privilegien insbesondere im Hinblick auf die Verteilungsschlüssel von TV-Geldern zu bedenken.“ Pragmatische Ansätze müssen her, findet er, Anpassungen. „Es gibt Möglichkeiten, solche Privilegien auszugleichen und den Wettbewerb im Sinne des Fußballs fairer zu gestalten.“
Göttlich lag mehrfach mit Bayer-Boss Carro über Kreuz
Diese Worte wird man in Leverkusen sicher nicht gerne hören und solche Vorschläge zurückweisen. Mit Geschäftsführer Fernando Carro lag Göttlich schon mehrfach über Kreuz. Der Spanier hatte nach dem im Mai 2023 geplatzten Investoren-Deal der DFL, der vor allem am Widerstand der kleinen Vereine gescheitert war, verbal scharf geschossen, die Ablehnung als „egoistisch und leichtsinnig“ kritisiert und damit, wenngleich indirekt, ganz klar auch Göttlich gemeint.
Ein Widersacher? Gar ein Feind im Fußball? Göttlich winkt ab. „Fernando Carro ist der sehr impulsive Dirigent in Leverkusen. Er ist ein Mann, der kein Blatt vor den Mund nimmt und auch mal aneckt. Damit kann ich umgehen“, sagt St. Paulis Boss. Sein Pendant sieht es ganz ähnlich. Dass Göttlich ihn indirekt als „Krakeeler“ bezeichnet habe, „nehme ich sportlich“, sagt Carro der MOPO. „Täuschen Sie sich nicht, bei aller Unterschiedlichkeit in den Positionen und übertragenen Aufgaben verstehen wir uns ganz gut und respektieren uns.“
Duell der Bosse: „Natürlich gibt es auch mal Frotzeleien“
Belastet sei die Beziehung nicht. „Wir haben ein vernünftiges Verhältnis, stehen tatsächlich im regen Austausch und es gibt eine kritische Feedback-Kultur zwischen uns“, bestätigt Göttlich. „Natürlich gibt es auch mal Frotzeleien – das gehört dazu.“ Möglicherweise werden davon ein paar vor dem Duell der beiden Klubs aufgetischt. „Selbstverständlich sehen wir uns bei einem gemeinsamen Mittagessen vor dem Spiel“, teilen Carro und Göttlich beide mit.
Wer verhärtete Fronten zwischen Kiezverein und Werksklub und eine diametrale Interessenlage vermutet, liegt falsch. Inhaltlich gebe es „durchaus überraschende Überschneidungen“, berichtet Göttlich. „Auch wenn wir grundsätzlich nicht auf der gleichen Seite des Flusses stehen, haben wir auch immer wieder gemeinsame Interessen und ziehen am gleichen Strang.“
Auch Gemeinsamkeiten zwischen Leverkusen und St. Pauli
Ein Beispiel liefert der St. Pauli-Präsident gleich mit: „Während Bayern und Dortmund als TV-Quotenbringer mehr Geld aus dem ‘Topf Interesse‘ fordern, wird das von vielen anderen Klubs abgelehnt, und dazu gehört neben den kleinen Vereinen wie uns auch Leverkusen.“
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Göttlich hat Überzeugungen, für die er lautstark einsteht und damit den Kiezklub repräsentiert, sieht sich aber als Pragmatiker. „In der Bundesliga geht es immer auch darum, Allianzen zu schmieden. Da ist kategorische Ablehnung oder Verweigerung nicht hilfreich.“