St. Paulis Wichtigster gegen Bayern: „Bei Kane musst du auf alles vorbereitet sein“
Er dürfte am Samstag im Mittelpunkt stehen: Wenn Harry Kane, Michael Olise und Jamal Musiala mit all ihrer fußballerischen Macht versuchen werden, Nikola Vasilj zu bezwingen. Zuletzt blieb St. Paulis Torwart in der Bundesliga gegen Wolfsburg und Hoffenheim ohne Gegentor. Die Bayern sind ein anderes Kaliber, aber die Vorfreude ist umso größer – wie der 28-jährige Bosnier im Gespräch mit der MOPO verrät. Vasilj spricht dabei nicht nur über das Highlight gegen den Rekordmeister und den Gegner, sondern auch über sein Vorbild Manuel Neuer, seine Familie und ganz große Ziele.
MOPO: Herr Vasilj, was überwiegt vor dem Samstag: Vorfreude oder Furcht?
Nikola Vasilj: Vorfreude, ganz klar. Wegen dieser Spiele spielst du Fußball. Es ist vermutlich unser größtes Match in dieser Saison. Das sollten wir genießen.
Aber wie bereitet man sich darauf vor, dass Harry Kane vor dem eigenen Tor steht?
Es gibt einige Dinge, auf die man sich immer vorbereitet, egal wie der Gegner heißt. Das kommt auf die Erwartungshaltung an: Wird der Gegner viele Flanken schlagen? Hat er Experten für Distanzschüsse? Kane ist ein toller Spieler. Er versucht immer, den Verteidigern einen Schritt voraus zu sein, um Räume zu finden und in gute Schusspositionen zu kommen. Alles, was er macht, ergibt Sinn. Am Ende musst du auf alles vorbereitet sein, denn alles kann passieren.
Nikola Vasilj ist heiß aufs St. Pauli-Spiel gegen Bayern
Inwieweit spielt Video-Analyse eine Rolle?
Ich schaue mir immer Szenen der Stürmer und Offensivspieler aus vorherigen Spielen an, was sie im Regelfall in welcher Situation tun. Aber während des Spiels ist es dann hauptsächlich Instinkt, wie ich mich verhalte. Denn allzu viel Zeit, nachzudenken, hast du nicht.
Und mental – haben Sie Rituale vor einem Spiel?
Meine mentale Vorbereitung ist für jedes Spiel dieselbe: Ich versuche, fokussiert und bereit zu sein, mich dann aber auch zu entspannen und das Spiel zu genießen. Am Abend davor visualisiere ich Dinge und versuche mir vorzustellen, was auf dem Platz passieren könnte. Wichtig ist es, mit klarem Kopf in ein Spiel zu gehen.
Was erwarten Sie von den Bayern?
Sie haben schnelle Spieler und spielen gerne Kurzpässe, weshalb wir in dieser Trainingswoche versucht haben, ein gutes Stellungsspiel zu finden. Die Bayern werden nicht zu sehr auf uns schauen, sondern versuchen, ihr Spiel zu spielen.
Gegen England hielt Vasilj im Juni lange die Null
Sie haben im Juni bereits gegen Kane gespielt, mit Bosnien gegen England – und lange die Null gehalten. Wie schafft man das?
In solchen Spielen kommt es besonders aufs Teamwork an. Kane kam nach einer Stunde, als England gerade durch einen Elfmeter das 1:0 erzielt hatte – und hat dann doch leider kurz vor Schluss zum 3:0-Endstand getroffen. Teamwork ist auch das Wichtigste für St. Pauli. Als Torhüter brauche ich eine Gruppe von Spielern, die mich beschützen. Es kommt auf die richtige Positionierung an, und das machen wir in dieser Saison sehr ordentlich.
St. Pauli hat als Aufsteiger in vier von neun Partien zu Null gespielt. Ist das das beste Rezept, um in der Bundesliga zu bleiben?
Das ist definitiv ein Schlüssel zum Erfolg – zumal es das in der vorigen Saison auch schon war. Wenn die Null steht, haben wir immer die Chance, ein Tor zu schießen und zu gewinnen. Und wenn du gegen eine starke Mannschaft wie Bayern München lange ohne Gegentor bleibst, steigen unsere Chancen mit jeder Minute. Aber wenn die Null steht, liegt das natürlich nicht nur an mir, sondern an der gesamten Mannschaft.
Wie wichtig ist es dafür, dass Sie mit der angestammten Dreierkette Wahl-Smith-Mets schon lange zusammenspielen?
Das ist entscheidend. Wir verstehen uns gegenseitig. Ich vertraue ihnen und sie mir. Dieses Vertrauen gibt uns die Möglichkeit, entspannter zu agieren, weil wir uns absolut aufeinander verlassen können.
Das liegt auch daran, dass Sie nun schon dreieinhalb Jahre beim FC St. Pauli im Tor stehen. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Bevor ich hierherkam, habe ich mit Andreas Bornemann gesprochen, den ich schon von meiner Zeit bei Nürnbergs U23 kannte. Daher wusste ich, dass er ein Team aufbauen kann, das um den Aufstieg mitspielt. Er hat mir damals gesagt, dass das Zeit kosten wird – und so ist es gekommen. Es war eine längere Reise mit tollen Momenten auf diesem Weg, als Team zu wachsen und Dinge zu erreichen. Jetzt geht es um den nächsten Schritt: in der Bundesliga zu bleiben.
Bei St. Pauli fühlt sich Nikola Vasilj enorm wohl
Wenn Sie gegen Bayern die Null halten, würde St. Pauli zum ersten Mal in der Bundesliga-Geschichte drei Spiele nacheinander ohne Gegentor bleiben. Ist das eine zusätzliche Motivation?
Das wusste ich nicht. Es ist auch keine zusätzliche Motivation. Rekorde sind schön, aber darauf konzentriere ich mich nicht. Genauso wenig übrigens darauf, zu Null zu spielen. Ich glaube, wenn man sich zu stark auf so ein einzelnes Ziel fokussiert, erzeugt das Stress. Zumal du als Torwart ja gar nicht alles auf dem Platz beeinflussen kannst. Ich versuche, einen entspannten Zugang zum Spiel zu finden, um mein Bestes geben zu können.
Was war in dieser Saison bisher Ihre stärkste Parade?
In Augsburg, kurz vor der Pause gegen Samuel Essende. Ein Ball wurde flach durch den Strafraum auf den zweiten Pfosten gespielt, den musste ich fast blind mit meinen Händen abwehren.
„Glanzparade! Der Ball rollt quer durch den Strafraum auf den völlig freien Essende. Vasilj geht früh runter und macht sich ganz lang. Dafür darf er sich völlig zurecht feiern lassen“, hieß es damals im MOPO-Liveticker. Also war der Elfmeter von Vincenzo Grifo in Freiburg zwei Wochen später einfach zu halten?
Nein, der war ganz wichtig. Aber bei der Szene in Augsburg geht es um Positionierung und viele weitere Dinge, auf die es ankommt, um so einen Ball abzuwehren. Dagegen sind Elfmeter vergleichsweise einfach: Du entscheidest dich für eine Seite und springst dahin. Aus dem Spiel heraus ist es manchmal viel schwieriger, Bälle zu halten.
St. Pauli-Keeper Vasilj: Die ganze Familie ist Torhüter
Tore hüten liegt bei den Vasiljs in der Familie: Ihr Vater Vladimir war bei zwei WMs als kroatischer Ersatztorwart dabei, auch ihr jüngerer Bruder Filip versucht, Tore zu verhindern. War es Ihnen in die Wiege gelegt, Torhüter zu werden?
Das war mein eigener Wunsch. Ich habe meinen Vater spielen gesehen, seit ich denken kann. Deshalb war es für mich ganz natürlich, dass ich auch Torhüter werden wollte. Das wusste ich schon, als ich noch klein war.
Was macht das Besondere am Torwartdasein aus?
Es ist einfach ein großartiges Gefühl, dem Team durch entscheidende Paraden helfen zu können. Mir macht das einfach Spaß, ein paar Bälle zu fangen. Mein Bruder war auch mal Stürmer, vielleicht wollte er etwas anderes machen als mein Vater und ich. Aber das war nur kurz, als er jung war. Dann hat er auch den Weg ins Tor gefunden und wollte schon bald nie wieder zurück.
Zurück zum Spiel am Samstag: Sie mussten bislang 35 Schüsse auf Ihr Tor abwehren, Ihr Bayern-Pendant Manuel Neuer nur neun. Würden Sie gerne mal die Rollen tauschen?
Als Kind war er mein großes Vorbild. Ich weiß noch, wie ich mit meinem Vater und meinem Bruder 2012 nach München gefahren bin, um Bayern in der Champions League gegen Basel spielen zu sehen. An die Szenen auf dem Rasen erinnere ich mich immer noch. Für mich ist es deshalb eine tolle Sache, jetzt gegen ihn zu spielen.
Und wer von Ihren Vorderleuten wird es dann sein, der Neuer einen einschenkt?
Wir werden sehen. Im Fußball ist alles möglich, und wir haben schon bewiesen, dass wir in dieser Liga mithalten können. Wichtig ist, dass wir ohne Furcht auftreten. Wir spielen zu Hause, geben unser Bestes und die Stimmung wird wie immer großartig sein. Wir haben nichts zu verlieren.