St. Paulis Sinani gibt erstes Interview: „Reicht nicht, ein guter Fußballer zu sein“

Danel Sinani sitzt auf einer Holztribüne
Abgeklärt – auf dem Platz und daneben. Danel Sinani hat endlich den Durchbruch beim FC St. Pauli geschafft, ist nun Stammspieler.

St. Paulis ehemaliger NLZ-Leiter Roger Stilz, der ihn aus gemeinsamen Tagen in Belgien kennt, beschreibt Danel Sinani als „warmherzigen Menschen, den man eigentlich nicht nicht mögen kann“. Den Eindruck wird auch die vierköpfige Familie aus Luxemburg bekommen haben, die am Mittwoch beim St. Pauli-Training vorbeischaute, sich angeregt mit dem 28-Jährigen unterhielt, derweil der die Trikots der beiden Kids signierte und mit ihnen abklatschte. Die breite Masse hingegen kann sich nur schwer ein Bild machen vom Mittelfeldakteur, der die Öffentlichkeit meidet und nicht gern im Rampenlicht steht. Der MOPO gab Sinani nun das erste Interview überhaupt, seitdem er im Sommer 2023 auf den Kiez gekommen ist.

MOPO: Herr Sinani, man sagt, Sie beherrschen viele Sprachen. Wie viele sind es denn?

Danel Sinani: Es sind sechs. Serbisch, Makedonisch, Luxemburgisch, Französisch, Englisch und Deutsch.

Das ist ja mal ganz amtlich …

Ja, ist okay. Für einen Dolmetscher reicht es.

St. Pauli-Profi Danel Sinani spricht sechs Sprachen

Wie kam es denn dazu? Das ist ja weit weg von selbstverständlich.

Serbisch spreche ich von Haus aus, Makedonisch auch. Und in Luxemburg spricht man halt viele Sprachen, weil es ein so kleines Land ist. Da habe ich dann neben Luxemburgisch noch Französisch dazugelernt, Deutsch und Englisch.

Ist es ein großer Unterschied zwischen Serbisch und Makedonisch?

Ich dachte, es gäbe keinen. Aber wenn ich Makedonisch rede, versteht Nikola Vasilj gar nichts (schmunzelt). Dabei sind Bosnisch, Serbisch und Kroatisch sehr ähnlich.

Wenn man versucht, irgendwas über Sie im Internet zu finden, gibt es nur Fußball-Spezifisches wie Vereine, Spiele, Tore …

Aber das reicht doch, oder?

Es gibt Menschen, die verkaufen ihr Dasein offensiver.

Manche mögen das, manche nicht. Natürlich habe ich auch Instagram, Facebook und so weiter. Aber auf irgendwelchen Kanälen zu posten, was ich privat mache, das ist nicht meins.

St. Paulis Sinani lernte in England seine Grenzen kennen

Sie haben Luxemburg im Sommer 2020 verlassen und bis zu Ihrer Ankunft auf St. Pauli 2023 fünf Vereine gehabt. Klingt herausfordernd.

Ich wollte einfach wissen, wo meine Grenzen sind und schauen, ob das klappt. Der Schritt aus Luxemburg zu Norwich City war wirklich groß, für mich damals einfach zu riesig. Also musste ich einen Zwischenstopp machen bei Waasland-Beveren, wo ich meine erste Profi-Saison gespielt habe. Die wollten mich auch behalten, aber ich wollte unbedingt in England Fuß fassen.

Also gingen Sie zurück nach Norwich.

Ja. Die waren in der Saison davor in die Premier League aufgestiegen, also war der Schritt für mich immer noch zu groß. Mein nächster Halt war dann Huddersfield in der Championship, und da haben wir eine sehr erfolgreiche Saison gespielt mit Playoffs um den Aufstieg und dem Finale gegen Nottingham Forest, was wir leider 0:1 verloren haben.

Danach ging es zurück nach Norwich, dann noch einmal für ein halbes Jahr zu Wigan Athletic, ehe St. Pauli auf den Plan trat. Wie geht man um mit dem stetigen Wechsel von Mannschaft, Trainer, Verein und Umfeld?

Neue Spieler kennenzulernen, ist das Einfachste im Fußball. Das ist eine Sprache, man braucht einfach nur ein bisschen Zeit und die Automatismen. Für mich war das alles nicht so schwer, weil ich einfach nur spielen wollte. Wenn es bei dem einen Verein nicht geklappt hat, wollte ich es bei einem anderen versuchen. Das war für mich das Wichtigste.

Welche Bedeutung hat für Sie denn so etwas wie ein festes Zuhause für längere Zeit, soziale Kontakte, solche Dinge?

Das alles darf natürlich eine Rolle spielen! Wenn man sich irgendwo wohlfühlt, dann mag man auch nicht weggehen. In England wollte ich nicht mehr bleiben, weil ich wieder näher zu meiner Familie wollte.

Auch die Familie von Danel Sinani ist sehr sportlich

Die hat eine sehr sportive Ader. Ihr Bruder hat bis vor Kurzem 1. Liga in Luxemburg gespielt, Ihre Schwester ist eine sehr gute Handballerin. Haben Ihre Eltern auch Leistungssport getrieben?

Nein. Mein Bruder hat damals in Serbien angefangen mit Karate und Fußball. Er hat mich manchmal mitgenommen zum Training, das habe ich immer total gefeiert. Ich hatte Lust darauf, und als wir nach Luxemburg gekommen sind, habe ich mich sofort für Fußball entschieden.

Was Sie am Ende bis nach Hamburg gebracht hat, wo Sie inzwischen, nach mehr als eineinhalb Jahren, den Durchbruch in die Stammelf geschafft haben. Und das, obwohl es schon immer hieß, Danel Sinani ist einer der Top-3-Fußballer im Kader. Warum hat es so lange gedauert?

Wie soll ich das erklären, es ist schwer … Es reicht nicht, ein guter Fußballer zu sein, man muss immer das Ganze sehen. Das Team hat letzte Saison sehr gut funktioniert, wir sind ja nicht umsonst Meister geworden. Ich musste einfach geduldig sein, warten, bis ich gebraucht werde. Letzte Saison hat das bis zum letzten Spieltag gedauert, um dann das entscheidende Tor zur Meisterschaft zu machen.

Wenn ich da kurz einhaken darf: Dieser Moment in Wiesbaden, der war schon legendär.

Ich hatte vorher mit Etienne Amenyido geredet, und der hat mich gefragt, was ich wohl machen würde, wenn ich in der letzten Minute ein Tor schieße. Ich habe sofort an Sergio Agüero gedacht, als der Manchester City 2012 in der Nachspielzeit zur Meisterschaft geschossen hat. Der hat auch das Trikot ausgezogen und ist zu den Fans gelaufen. Also war das mein erster Gedanke, als ich das Tor gemacht habe. Es war erleichternd, auch wenn davor natürlich eine Menge Frust dabei war. Aber man arbeitet immer weiter, will sich stets verbessern, der Mannschaft helfen, ob auf oder neben dem Platz.

Mit seinem Tor in Wiesbaden machte Danel Sinani den FC St. Pauli zum Zweitliga-Meister.
Mit seinem Tor in Wiesbaden machte Danel Sinani den FC St. Pauli zum Zweitliga-Meister.

Kann man sagen, dass es aktuell die Highlight-Phase Ihrer Karriere ist?

Das kann man so festhalten, ja. Die Bundesliga ist halt eine der Top-5-Ligen der Welt.

Ist die Rolle, die Sie jetzt spielen, die, die Ihnen auf den Leib geschneidert ist?

Ich sage es mal so: Ich fühle mich da sehr wohl, weil ich ein Instinkt-Spieler bin. Für mich ist es wichtig, auch Freiheiten zu bekommen bei den Räumen, in denen ich mich bewegen kann. Aber ich habe gern auch rechts gespielt, zum Beispiel in der Nationalmannschaft.

Sinani und St. Pauli gehen selbstbewusst ins Saisonfinale

Apropos: Hatten Sie eine Wette laufen vorm Gladbach-Spiel mit Torhüter Tiago Pereira Cardoso? Der hatte ja noch eine weiße Weste bis zum Spiel, und Sie hätten ihn schon nach vier Minuten mit einem Distanzschuss aufs kurze Eck fast überwunden.

Im Training bei der Nationalmannschaft hatte er immer das kurze Eck offengelassen. Jedes Mal. Also habe ich dahin geschossen. Nach dem Spiel habe ich ihm gesagt, dass er den Ball richtig gut gehalten hat, und da meinte er: Als er gesehen hätte, dass ich den Ball hatte, habe er sich sofort gedacht, okay, kurzer Pfosten.

Also haben Sie sich quasi selbst im Weg gestanden.

(lacht) Ja, ich habe ihm wohl dabei geholfen, den Ball zu halten. Aber ich freue mich über seine Entwicklung.

Obwohl es nur ein Remis wurde statt des möglichen Sieges, nehmen Sie viel Positives mit in die letzten sechs Spiele.

Ja, ich denke, wir alle gehen mit breiter Brust in die Endphase. Es geht vorwärts. Die vergangenen Spiele haben bewiesen, dass wir genügend Qualität haben, um in dieser Liga bestehen zu können. Die Spieler glauben alle an sich, das ist das Wichtigste. Wir müssen nur ein bisschen torgefährlicher werden. Wenn wir zum Beispiel gegen Gladbach das 1:0 gemacht hätten, hätten wir das Spiel gewonnen.

Unabhängig davon sind Sie noch weiter an den FC St. Pauli gebunden. Darf man Ihnen unterstellen, dass Sie sich hier wohlfühlen?

Ja, klar. Ich fühle mich wohl in dieser Mannschaft. Du kannst mit jedem reden, mit allen Scherze machen. Und was mir auch gefällt, ist, dass wir viele Nationalitäten haben. Mit dem einen redest du Serbisch, mit dem anderen Deutsch, mit noch einem anderen Französisch – das ist echt was Tolles.