FC St. Pauli
St. Paulis Nemeth über den schmerzhaften Wahl-Abgang: „Hauke war immer ein Vorbild“
David Nemeth ist beim FC St. Pauli einer der neuen Führungsspieler. Im MOPO-Interview spricht er über den Verlust von Freunden im Profi-Dasein und den neuen Weg des Kiezklubs.
Er zählt mittlerweile schon quasi zu den Urgesteinen beim FC St. Pauli. Auch wenn er erst 25 Jahre jung ist, geht David Nemeth bereits in seine fünfte Saison auf dem Kiez. Die soll nach zwei schweren Rückschlägen (Schambeinentzündung 2022/23, Leisten-OP in der vergangenen Spielzeit) vor allem mal verletzungsfrei ablaufen für den Österreicher, dem zudem zugetraut wird, eine Führungsrolle zu übernehmen im neuen Konstrukt. Über all das und noch viel mehr sprach Nemeth im Interview mit der MOPO.
MOPO: Herr Nemeth, wie haben sich die ersten knapp drei Wochen angefühlt in der Vorbereitung? Wie sind die ersten Eindrücke aus Ihrer ganz persönlichen Warte?
David Nemeth: Sehr gut! Die Mannschaft ist super drauf, alle waren vom ersten Tag an motiviert. Es ist ein schönes Miteinander, mit Erik Ahlstrand und Scotty Banks sind ein paar bekannte Gesichter wieder zurückgekommen. Es war schön, alle wiederzusehen. Und jetzt ist es umso schöner, gemeinsam zu trainieren. Man merkt, dass jeder sich zeigen will.
Nemeth hat zwei schwere Verletzungen hinter sich
Für Sie ist es auch deshalb wieder ein Neustart, weil Sie die komplette letzte Saison wegen einer Verletzung und wegen der Folgen der OP verpasst haben. Es war bereits der zweite lange Ausfall. Wie bekommt man da ein Mindset hin, weiter an das Gute zu glauben?
Bei der zweiten Verletzung war es einfacher, weil ich die Erfahrung mit der ersten hatte. Da war ich fast ein Jahr lang raus und bin trotzdem ganz gut wieder zurückgekommen. Das hat mir Vertrauen in meinen Körper gegeben.
Trotzdem ist das ja eine herausfordernde Situation.
Ja, es ist nicht immer leicht, vor allem während der Verletzungszeit. Bei der ersten war es immer ein Auf und Ab, da hat man nur schwer abschätzen können, wann es weitergeht. Bei der zweiten war es ein bisschen einfacher, weil ich einen klaren Plan hatte. Aber die Arbeit geht auch jetzt noch weiter. Man ist jetzt nicht einfach fit, sondern muss weiterhin auf seinen Körper achten und täglich im Gym dafür arbeiten.
Was hoffentlich Früchte tragen wird, denn Ihnen wird sehr wahrscheinlich mehr Verantwortung anvertraut werden künftig. Wie nehmen Sie die Lage gerade wahr nach dem Abstieg mit neuem Trainer und den personellen Veränderungen im Kader?
Nach dem Abstieg waren wir alle extrem enttäuscht und sind am Tag nach dem Wolfsburg-Spiel auch noch länger an der Kollaustraße sitzen geblieben, haben viel geredet. Am Anfang ist man sehr traurig, das habe ich dann im Urlaub zu verarbeiten versucht. Aber mit dem Trainingsstart kam wieder der volle Fokus auf die neue Saison. Es ist wirklich eine gute Stimmung.
Abgänge sind für Nemeth „immer wieder sehr traurig“
Es sind ein paar Personen nicht mehr da, die führend waren in den vergangenen Jahren, die teils zu Ihrem engeren Freundeskreis gezählt haben. Sind Sie noch im Austausch mit zum Beispiel Hauke Wahl, der jetzt für Wolfsburg spielt? Und nimmt man das als Profi so hin, weil man weiß, dass das zum Geschäft gehört?
Es ist immer wieder sehr traurig. Aber es ist Profifußball, das gehört einfach dazu. In den letzten Jahren sind immer wieder Spieler gegangen, mit denen ich ein enges Verhältnis hatte: Carlo Boukhalfa, Jojo Eggestein, Philipp Treu, jetzt Hauke. Man versucht dann, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Beide Seiten wissen ja, dass es irgendwann ein Ende haben wird, aber umso schöner war dann die Zeit, die man zusammen hatte.
Was haben Sie von Hauke Wahl lernen können?
Hauke und ich haben uns schon kennengelernt, bevor er hier bei St. Pauli unterschrieben hat. Er war im Training immer ein Vorbild für mich. Er hat oft die richtigen Worte gefunden, hat Situationen, wie eine Mannschaft gerade funktioniert, einfach gut lesen können. Über Hauke Wahls Qualitäten auf dem Platz brauchen wir gar nicht zu reden, die nötige Ruhe, dass er immer vorangegangen ist. Da habe ich auf jeden Fall viel mitgenommen. Auch wenn ich mal nicht so gut drauf war oder den Kopf habe hängen lassen, hat er mich zur Seite genommen, hat das Gespräch mit mir gesucht. Das hat er aber mit allen aus der Mannschaft gemacht.
Fühlen Sie sich bereit, ein wenig in diese Rolle zu schlüpfen? Wobei natürlich klar ist, dass man das nicht auf Kommando kann, sondern reinwachsen muss.
Ich war nie so ein Typ, der gar nichts gesagt hat auf dem Platz. Ich habe eigentlich immer versucht, laut zu sein und zu coachen. Das wird natürlich immer mehr, wenn man Erfahrung hat und die Leute besser kennt. Ich versuche jetzt aber nicht, irgendwas zu forcieren, sondern so zu sein, wie ich bin.
St. Pauli muss nach dem Abstieg offen sein für Neues
Ist das tatsächlich ganz gut, nach einem Abstieg der Mannschaft die Chance zu geben, sich hierarchisch neu aufzustellen? Oder kann man das erst beurteilen, wenn man mitten in der nächsten Saison ist?
Ich glaube, das kommt ganz auf die Mannschaft an. Sie muss offen sein für Neues, die alte Saison analysieren, abschließen und dann mit neuem Schwung in die neue Saison gehen. Ich denke, unsere Mannschaft kann das sehr gut und hat auch immer die Spieler dafür gehabt. Wir haben keinen, der den Kopf hängen lässt.
Ist der Stil, den Marcel Rapp spielen lässt, auch förderlich für neuen Elan?
Es ist halt wieder ein bisschen anders, aber wie ich schon gesagt habe: Das muss jetzt einfach so sein, dass man da auch ein bisschen neue Energie reinbringt. Wir haben neue Abläufe, und die Mannschaft ist auf jeden Fall willig, das zu erlernen.
Wir haben neue Abläufe, und die Mannschaft ist auf jeden Fall willig, das zu erlernen.
Aus dem aktuellen Kader fehlen in Eric Smith, Jackson Irvine und Connor Metcalfe noch drei Spieler, die bei der WM dabei waren. Wie haben Sie das Turnier bisher verfolgt? Oder sind Sie da wie Hauke Wahl und schauen kaum bis keinen Fußball?
Hauke hat es immer witzig gemacht (lacht). Er hat so getan, als hätte er Spiele geschaut, wenn ich mit ihm darüber reden wollte, aber er hat immer nur die Highlights gesehen. Ich habe schon versucht, alle Spiele zu schauen, die zu vertretbaren Zeiten liefen.
Vorbild WM? Das will Nemeth vor allem genießen
Unter welchem Aspekt guckt man als Profi da zu? Will man vielleicht sogar was adaptieren von den Besten der Welt?
Das ist eine gute Frage. Die Mannschaften spielen unterschiedlich. Da gibt es Argentinien zum Beispiel, die alles machen für Messi. Dann gibt es Mannschaften, wo alle komplett marschieren. Das sind einfach verschiedene Herangehensweisen. Aber ich überlege mir beim Zusehen jetzt nicht, warum die das so machen oder so. Es sind einfach spannende Spiele, und ich will das ja auch genießen.
Haben Sie ein Vorbild, und sei es im erweiterten Sinn?
Ich habe immer so ein paar Spieler, die ich gerne schaue, aber nicht das eine Vorbild. Die Spielweisen von William Saliba zum Beispiel, John Stones oder Virgil Van Dijk interessieren mich.
Und wie gehen Sie mit den zahlreichen unangenehmen Begleiterscheinungen des Turniers um?
Man versucht es erst mal auszublenden, weil der Einfluss als Spieler begrenzt ist. Insbesondere die Spieler bei der WM werden versuchen, sich auf den Fußball zu konzentrieren. Aber es gibt schon ein paar Sachen, die einfach nicht in Ordnung sind. Über die redet man dann auch in der Kabine.
Zum Abschluss noch etwas Angenehmes. Am Freitag geht’s ins Trainingslager in Ihr Heimatland. Wie weit ist Flachau von Eisenstadt entfernt?
Genau weiß ich es nicht, aber es sind schon drei bis vier Stunden. Aber meine Oma und mein Opa werden da sein, die besuchen mich. Und dann schauen wir mal, ob vielleicht auch meine Eltern noch kommen.
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