St. Paulis Meister erklären: So spielt man Fußball – ohne etwas zu sehen
Der FC St. Pauli ist am Wochenende Gastgeber der Blindenfußball-Bundesliga. Vor den Spielen gegen Schalke und Hertha demonstrierten die Deutschen Meister Schulklassen, wie es ist, ohne Sicht auf Torejagd zu gehen.
„Man muss eigentlich nur wissen, wo der Ball und wo das Tor ist“, sagt Gabriel nach der Einheit. Gabriel ist kein Blindenfußballer, sondern ein Siebtklässler an der Stadtteilschule Winterhude – wo der FC St. Pauli ein Sensibilisierungstraining abhält. Für Fünft- Sechst- und Siebtklässler:innen, die sich in der „Woche der Vielfalt“ mit der Frage auseinandersetzen: Was wäre, wenn uns ein Sinn fehlen würde?
Viktor Faul kann noch starke Kontraste erkennen, ansonsten verschwimmt seine visuelle Welt. „Mit 23 fing es langsam an, dass ich nachts nichts mehr sehen konnte und dann wurde es immer schlechter“, erzählt der Blindenfußballer über das genetisch bedingte Absterben seiner Netzhaut.
39 Schüler:innen hören ihm am Mittwoch an der Meerweinstraße zu. Dann übernimmt der Trainer. „Wie wisst ihr denn, wo der Ball ist?“, fragt Wolf Schmidt. Einige Kinder rufen die Antwort: „An der Rassel!“ Die befindet sich innerhalb des Fußballs und verschafft den Spielern einen akustischen Überblick. Wer zum Ball läuft, muss das mit dem Ruf „Voy“ ankündigen, spanisch für „Ich komme“, um Kollissionen zu vermeiden. Schmidt schüttelt den Ball in seinen Händen noch einmal kräftig durch, damit es ordentlich rasselt.
Für die Lehrer ist der „Perspektivwechsel“ beim Blinden-Fußball wichtig
Anderen Sehenden Blindenfußball nahezubringen, ist für Schmidt nichts Neues. 2004 begann er mit Fußballreportagen für Blinde, 2009 half er als Trainer der Blindenfußballer bei einem Turnier in Köln aus und blieb dann einfach am Rasselball. In seinen 16 Jahren ist der FC St. Pauli viermal Deutscher Meister geworden, zuletzt im September 2024.
Die Kinder setzen Verdunkelungsbrillen auf. Sich damit zum Kreis zu formieren, ist nicht einfach, selbst wenn man einander an den Händen hält. Jonas nimmt die Brille wieder ab, meldet sich als Assistent, stellt sich in acht Metern Abstand zu Faul auf und lenkt seinen Lauf mit Zurufen. Die Schüler:innen bilden Paare aus Sehenden und Verdunkelten, um zu üben.
„Der Perspektivwechsel ist besonders wichtig“, erklärt Lehrer Stefan Barner: „Sowohl die Rolle als Blinder einzunehmen, aber auch die als Verantwortlicher für den Blinden.“ In den Klassenräumen sei ein Blindenparcours aufgebaut worden, erzählt seine Kollegin Marcela Hattwig, um „Experimente zu den Sinnen“ durchzuführen.
Nun kommt der Rasselball ins Spiel, es werden Vierer-Teams gebildet: je zwei Feldspieler mit Verdunkelungsbrillen, ein Torwart und ein Hintertor-Guide. „Mit Sprache führt ihr den Blinden an den Ball heran“, erklärt Schmidt und gibt ein Beispiel: „Viktor, fünf geradeaus, zwei links, zwei vor …“ Das Motto lautet: „Der Sehende spricht, der Blinde agiert.“
St. Paulis Blinden-Fußballer spielen am Wochenende Schalke 04 und Hertha BSC
Der Torwart soll die Abwehr dirigieren, der Guide die Angriffe. In der Praxis rufen aber erstmal alle Sehenden ihre wohlmeinenden Ratschläge herein, was die verdunkelten Spieler oft ratlos hinterlässt. Gabriel zählt zu den Besten in Sachen Ballkontrolle, mit Mitschülerin Niki liefert er sich intensive Zweikämpfe. Nur den Rasselball in Richtung Tor zu befördern, erweist sich für beide als vertrackte Aufgabe.
„In meiner Freizeit spiele ich Feldhockey, da schieße ich die Tore“, erzählt Niki und fasst ihre Erfahrung zusammen: „Den Ball zu treffen ist schwierig, wenn alle durcheinander rufen.“ Gabriel stimmt zu: „Alle haben dazwischen gerufen, die Orientierung ist das Problem. Aber es war cool, eine neue Art zu spielen. Gut, dass es das für Blinde gibt.“
In der anderen Gruppe hat es derweil im Tor geklingelt. „So sehen Sieger aus“, feiert Johann sein Team und bedankt sich beim braun-weißen Duo: „Das war supertoll und hat Spaß gemacht.“ Am Donnerstag übernehmen Thoya Küster und Rasdmus Narjes aus dem aktuellen Meister-Team das Training.
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Am Wochenende sind sie in der Bundesliga gefordert, auf der Anlage des Blindenbildungszentrums am Borgweg finden insgesamt acht Partien statt. Gespielt wird dort auf 40 mal 20 Metern Kunstrasen mit einem Torhüter und vier Feldspielern. St. Pauli, das mit einem 4:0 gegen Düsseldorf gut in die Saison gestartet ist, trifft am Samstag (11.45 Uhr) auf Schalke 04 und am Sonntag (15.15 Uhr) auf Hertha BSC.