St. Pauli-Überraschung Boukhalfa vor Länderspiel-Debüt: „Mein Opa wäre sehr stolz“

Carlo Boukhalfa grinst mit verschränkten Armen in die Kamera
Nicht unterzukriegen: Carlo Boukhalfa hat zwei schwierige Jahre bei St. Pauli hinter sich und erlebt gerade seine beste Zeit als Profi.

Der Mann ist ein Phänomen. Kein anderer Kiezkicker ist in den vergangenen zweieinhalb Jahren derart oft abgeschrieben und sein vorzeitiger Abschied gleich mehrfach prophezeit worden. Carlo Bou­khalfa ist immer noch da. In Liga zwei noch Reservist und sogar mehrfach Tribünengast, ist der Mittelfeldspieler aktuell Stammspieler in der Bundesliga. Ein erstaunlicher Aufstieg eines Kiezkickers, der endlich richtig angekommen und für den FC St. Pauli so wichtig wie noch nie ist. Über sein Leben abseits des Fußballs ist wenig bekannt, weil er zwar Flutlicht liebt, aber nicht das Rampenlicht sucht. In der MOPO spricht der 25-Jährige über Kampfgeist, Selbstzweifel, den Traum von der Nationalmannschaft, sein normales Leben und seine familiären Wurzeln.

MOPO: Verspüren Sie Genugtuung?

Carlo Boukhalfa: (schaut überrascht) Warum sollte ich das?

Weil Sie in der Zweiten Liga schon abgeschrieben und von nicht wenigen Kritikern als nicht gut genug für St. Pauli abgestempelt waren. Jetzt spielen Sie Bundesliga – und das regelmäßig.

Genugtuung würde ich nicht sagen. Ich bin zufrieden und freue mich, dass ich viel auf dem Platz stehe. Es macht Spaß mit den Jungs. So ist es nun einmal im Fußball: Du hast gute Saisons, wo du viel spielst, und schlechte, wo du weniger spielst. Deshalb bin ich sehr froh, wie es aktuell für mich läuft.

Carlo Boukhalfa lebt bei St. Pauli seinen Traum Bundesliga

Was bedeutet es Ihnen, Bundesliga zu spielen?

Es ist etwas Besonderes, jede Woche die Namen der Vereine und Gegenspieler zu sehen, gegen die man spielt. Seit ich angefangen habe mit dem Fußball, war es mein Traum, in der Ersten Liga zu spielen. Ich bin sehr dankbar, dass ich das geschafft habe und mein Körper das mitmacht. Deshalb versuche ich, das zu genießen.

Wie ist es, wenn man Zweikämpfe mit Topspielern, teilweise Weltklassespielern wie Jamal Musiala oder Harry Kane, führt? Denkt man: „Hey, die kochen auch nur mit Wasser“, oder eher: „Wow! Das ist eine ganz andere Liga“?

Carlo Boukhalfa nimmt vor Joshua Kimmich einen Ball aus der Luft an
Erstklassiger Alltag: Carlo Boukhalfa im Duell mit Bayerns Joshua Kimmich (l.).

Ehrlich gesagt, macht man sich auf dem Feld gar keine Gedanken darüber. Da sind das einfach Gegenspieler – wie in der Zweiten Liga auch. Vor einem Spiel schaut man natürlich schon, welche Spieler man beim nächsten Gegner kennt. Aber ich mache mir keinen Kopf, auf wen ich da treffe und was der schon alles erreicht hat. Im Endeffekt ist es Elf-gegen-Elf und es sind auch nur Menschen.

Haben Sie eigentlich schon ein Trikot als Trophäe ertauscht?

Es gibt Jungs bei uns, die machen das gerne. Ich bin da eher zurückhaltend und gehe nicht auf Spieler zu, die ich nicht persönlich kenne. Wenn mich jemand fragt, ob wir tauschen wollen, dann mache ich das natürlich auch gerne.

Was ist genau passiert in der Zeit zwischen ihrer Rolle als Zweitliga-Reservist und dem aktuellen Status als Stammkraft in der Bundesliga?

Für mich war die Vorbereitung im Sommer sehr wichtig, um mich zu zeigen. Ich habe die Chance bekommen, in den Tests zu spielen, und sie ganz gut genutzt. Ich habe mich Stück für Stück reingearbeitet in die Mannschaft.

St. Pauli-Trainerwechsel war für Boukhalfa „ein Neustart“

Welche Rolle hat der Trainerwechsel von Fabian Hürzeler zu Alexander Blessin gespielt?

Es ist eine Art Neustart gewesen. Ich habe die Gelegenheit bekommen, noch einmal bei Null anzufangen. Das war entscheidend. Der neue Trainer hat mir eine Chance gegeben und ich habe sie mir auch verdient.

Wie schwierig war es, mit der Rolle des Dauerreservisten umzugehen?

Das war auf jeden Fall nicht leicht. Es macht nie Spaß, nur zuzuschauen – im ersten Jahr auch häufig nur von der Tribüne. Ich habe trotzdem eigentlich immer an mich geglaubt und daran, dass ich mich durchsetzen kann.

Sie wurden mehrfach als Kandidat für einen vorzeitigen Wechsel gehandelt. Haben Sie an Abschied gedacht?

Ich wollte mich hier durchbeißen. Wäre es nicht der FC St. Pauli, dann hätte ich vielleicht über einen Wechsel nachgedacht in den zwei Jahren, aber ich wollte es unbedingt hier schaffen, weil mir der Verein einfach gut gefällt, die Mannschaft top ist – und das gilt auch für das Stadion und das Umfeld. Ich habe immer Gas gegeben, auch wenn ich nicht gespielt habe, weil ich wusste: Irgendwann kommt deine Chance. Und für diesen Fall wollte ich vorbereitet sein. Ich wollte keine Zeit verschwenden. Auch wenn du am Wochenende auf der Bank sitzt, kannst du dich entwickeln – in jedem Training oder in Testspielen. Das war immer meine Motivation.

Haben Sie auch abseits des Rasens an sich gearbeitet und versucht, besser oder professioneller zu werden?

Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht, in welchen Bereichen mir die anderen vielleicht voraus sind und wo ich mich entwickeln kann. Ein Thema war der athletische Bereich. Da habe ich mir zusätzliche Unterstützung gesucht. Ich arbeite mit einem Athletiktrainer zusammen, was mich weitergebracht hat. Auch meine Ernährung habe ich hinterfragt und das eine oder andere angepasst. Es ist ja so: Wenn du nicht spielst, hast du auch mehr Zeit, dich auf andere Bereiche zu konzentrieren.

„Nur menschlich“: St. Pauli-Offensivmann kam ins Zweifeln

Hatten Sie auch mal Selbstzweifel?

Das ist nur menschlich, dass man auch mal diese Gedanken hat und sich fragt: Was mache ich hier? Reicht das? Wird das noch mal was? Das kennt jeder Sportler, der mal in einer schlechten Phase ist. Aber das macht auch einen guten Sportler aus, damit umzugehen und negative Gedanken wieder in positive Gedanken umzuwandeln.

Wenn man keine Bestätigung durch Einsätze bekommt: Wer stärkt einem den Rücken, baut einen auf?

Familie und Freunde helfen einem natürlich, aber fast noch wichtiger waren die Mitspieler, die mir gesagt haben: „Hey, du bist gut, wir sehen das im Training, auch wenn es am Wochenende nicht reicht.“ Das hat gutgetan und mich motiviert, dass auch die Jungs an mich geglaubt haben, auch wenn ich es manchmal nicht getan habe. Es hat mir sehr geholfen. Die zwei Jahre harte Arbeit haben sich ausgezahlt. Ich bin schon stolz darauf, dass ich nicht aufgegeben habe.

Als Bundesligaspieler sind Ihre Chancen, algerischer Nationalspieler zu werden, sicherlich gestiegen. Wie ist der aktuelle Stand?

Relativ unverändert. Der Pass ist in Arbeit. Er muss in Algerien ausgestellt werden und durch die Bürokratie dauert es ein bisschen. Ich stehe mit dem Verband in Kontakt, habe schon zweimal mit denen gesprochen, aber es gibt noch nichts Konkretes. Die Signale sind auf jeden Fall positiv und sie haben mich auf dem Schirm. Man wird sehen, ob es dann klappt.

Algerien-Nationalmannschaft? „Würde mich stolz machen“

Wie groß ist denn Ihr Wunsch, für Algerien zu spielen?

Es würde mich stolz machen und auch meine Familie würde sich sehr freuen. Es ist auf jeden Fall ein Traum. Vor ein, zwei Jahren hätte ich nicht gedacht, dass sich das so entwickelt. Es erfüllt mich mit Stolz, dass es jetzt diese Möglichkeit und das Interesse des Verbandes gibt.

Ihr Großvater mütterlicherseits ist Algerier, weshalb Sie die Staatsbürgerschaft bekommen können. Welche Beziehung haben Sie zu dem Land?

Mein Opa ist leider vor einigen Jahren verstorben, aber ich habe als Kind viel Zeit bei ihm verbracht und ich habe mit ihm viel über seine Heimat gesprochen und von dem Land mitgekriegt. Auch deshalb würde es mich sehr freuen, wenn es klappt mit der Nationalmannschaft. Er würde von oben zuschauen und wäre sicherlich auch sehr stolz.

Waren Sie schon einmal dort?

Leider noch nicht, nein.

Sie sind in Freiburg geboren und aufgewachsen, ein Schwarzwälder Junge. Fühlen Sie sich dennoch aufgrund ihrer Wurzeln auch als Algerier?

Ich würde sagen, dass ich auf jeden Fall beides in mir habe. Ich finde es auch sehr schön, diese verschiedenen Kulturen miterlebt zu haben. Aber natürlich fühle ich einen sehr starken Bezug zu meiner Heimat Freiburg.

Boukhalfa lebt allein – und spricht über noch mehr Privates

Wie sieht eigentlich Ihr Leben in Hamburg aus, wenn Sie nicht gerade auf dem Fußballplatz stehen?

Es ist tatsächlich nicht sonderlich spannend (lacht). Ich bin viel am Einkaufen, Kochen, Putzen. Ich lebe allein, deshalb bleiben alle Aufgaben an mir hängen (schmunzelt). Das nimmt tatsächlich viel Zeit in Anspruch. Bei schönem Wetter gehe ich gerne mal an der Alster spazieren, in die Schanze oder durch St. Pauli, trinke einen Kaffee oder treffe mich mit einem der Jungs zum Essen. Ich fühle mich in Hamburg sehr wohl. Es ist eine schöne Stadt – vor allem, wenn die Sonne scheint.

Wie ist es um Ihre Fähigkeiten am Herd bestellt? Reicht es, um nicht zu verhungern oder gehen Sie ambitioniert zu Werke?

Ich koche tatsächlich sehr gerne und würde auch behaupten, dass ich ganz gut koche. Deshalb verbringe ich damit auch relativ viel Zeit, um mich gut und gesund zu ernähren. Vor ein paar Jahren habe ich Gemüse eher gemieden. Jetzt koche ich damit sehr gerne und mir schmeckt es sehr gut.

Vom Kulinarischen zum Akustischen: Was hören Sie eigentlich privat für Musik?

Vor allem Hip-Hop und Rap, viel auf Französisch.

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Wie kommt Ihr Geschmack in der Kabine an?

Mittlerweile bin ich mit meinen Songs relativ oft in der Music-Box bei uns – und ich habe in letzter Zeit wenig Beschwerden gehört (lacht).