St. Pauli-Legende Boll: Stärken und Fragezeichen – so tickt mein Ex-Chef Rapp!

Fabian Boll und Marcel Rapp am Spielfeldrand lachend
Fabian Boll (l.) und Marcel Rapp kennen und schätzen sich.

Der FC St. Pauli hat die entscheidende Weiche für den Neustart in Liga zwei gestellt. Mit Trainer Marcel Rapp will der Verein nach dem Abstieg und einer Saison voller Probleme und Konflikte wieder zur Ruhe und in die Erfolgsspur finden. Der Nachfolger des freigestellten Alexander Blessin ist ein Fachmann mit klarem Profil, aber was zeichnet ihn als Anführer und auch als Mensch aus? Und passt der gebürtige Pforzheimer als Typ überhaupt zum Kiezklub und den besonderen Herausforderungen? Einer der es wissen muss, ist St. Pauli-Legende Fabian Boll, der bei Holstein Kiel einige Zeit Rapps Co-Trainer war und bis heute einen guten Draht pflegt. In der MOPO erzählt er exklusiv, wie Rapp tickt und was Spieler und Fans erwarten können.

Als klar war, dass Rapp neuer Cheftrainer beim FC St. Pauli wird, da griff der frühere Kapitän der Kiezkicker sofort zum Telefon und schrieb eine Nachricht. „Ich habe Rappo natürlich zu seinem neuen Job gratuliert“, berichtet Boll im ausführlichen MOPO-Gespräch. „Ich freue mich für ihn. St. Pauli ist ein Aufstieg in seiner Laufbahn.“ Ob Rapp auch ein Upgrade für St. Pauli ist, muss sich erst zeigen. Boll hat sich diesbezüglich schon so seine Gedanken gemacht und eine Meinung dazu.

FC St. Pauli: Trainer Marcel Rapp war mit Fabian Boll in Kiel

Von 2019 bis 2022 war das St. Pauli-Urgestein als Co-Trainer bei Holstein Kiel tätig. In seiner dritten und letzten Spielzeit bei den „Störchen“ hat Boll mit Rapp zusammengearbeitet, der nach dem Rücktritt von Ole Werner Anfang Oktober 2021 den Cheftrainerposten übernommen hatte – seinen ersten im Profi-Fußball, nach vielen erfolgreichen Jahren im Nachwuchsbereich der TSG Hoffenheim.

Vom Fußballlehrer Marcel Rapp (47) hält Boll eine ganze Menge. „Er ist unbestritten ein Fußballfachmann. Seine Herangehensweise zeichnet sich besonders durch taktische Flexibilität aus“, so der 46-Jährige. „Bei ihm gibt es nicht das eine System, sondern verschiedene Ausrichtungen und Varianten. Das ist fies für den Gegner, weil der nicht genau weiß, was da kommt. Für die eigene Mannschaft ist diese Flexibilität ein echtes Pfund.“

Boll verrät, was Rapp von seinen Spielern erwartet

Anspruchsvoll ist es allerdings auch, weiß Boll. „Rappo erwartet schon viel von seinen Spielern, dass sie sich auf verschiedene Systeme einstellen können, lernwillig sind und nicht nur Vorgaben befolgen, sondern auch bereit sind, das zu verinnerlichen und die Idee dahinter zu verstehen. Er braucht spielintelligente Jungs, gerade auch im Bereich der Führungsspieler.“ Auch deshalb könnte Rapp bestrebt sein, seinen früheren Kapitän Hauke Wahl von dem bevorstehenden Wechsel zum VfL Wolfsburg abzuhalten.

Das Einstudieren und Einspielen des Rapp-Fußballs – grundsätzlich aktiv und ballbesitzorientiert – brauche Zeit, sagt Boll. „Am Anfang gab es Probleme und der Start war holprig, weil es nicht so einfach war, das alles von jetzt auf gleich umzusetzen. Bei Ole wurde 4:3:3 gespielt und basta. Das konnten alle im Schlaf. Bis Rappos Herangehensweise gegriffen und Früchte getragen hat, dauerte es.“ Rapp hatte das Team auf Tabellenplatz 15 übernommen. Am Saisonende waren die Kieler Neunter.

Er gilt als Entwickler, der Mannschaften formen kann

Die Entwicklung des Spielstils gipfelte schließlich im Aufstieg 2024 – zusammen mit dem von Fabian Hürzeler trainierten Zweitliga-Meister FC St. Pauli. „Mit der Bundesliga hat sich Rappo in Kiel ein imaginäres Denkmal gebaut, denn mit der Mannschaft und von den Namen her musste man nicht unbedingt aufsteigen“, sagt der hauptberufliche Polizist Boll, der bis Mai im Duo mit Jörn Großkopf Trainer bei Regionalligist Eintracht Norderstedt war.

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Rapp gilt als Entwickler, der Mannschaften formen, aber auch „Spieler besser machen kann“, wie Boll sagt, „gerade auch junge Spieler, zu denen er einen guten Draht hat, was sicher mit seinen Anfängen in Hoffenheim zu tun hat.“ Eine Qualität, die auch bei St. Pauli gefragt sein wird, gelang eigenen Talenten doch zuletzt eher selten der Durchbruch bei den Profis – ein Umstand, den es mittel- und langfristig zu ändern gilt. Rapp sei ein Coach, der seinen Spielern vertraue und sie dies auch hören und spüren lasse, sagt Boll. „Er hatte nie ein Problem damit, mal Jungs aus dem eigenen Nachwuchs reinzuschmeißen. Die hatten seine Rückendeckung und das hat man dann auch gesehen auf dem Platz.“

Boll: „Rappo hat es geschafft, alle ins Boot zu holen“

Eine weitere Qualität von Rapp, von dem sich die St. Pauli-Bosse neue Ideen und Impulse erwarten, ist damit indirekt schon genannt. „Rappo ist ein kommunikativer Typ. Austausch ist ihm wichtig. Das hat er auch mir damals immer signalisiert und sich meine Einschätzungen und Meinungen eingeholt. Da war sehr viel Wertschätzung im Spiel“, berichtet Boll. Der Baden-Württemberger sei ein integrativer Coach. „Er hat es in unserer gemeinsamen Saison bei Holstein geschafft, alle ins Boot zu holen.“

Fabian Boll und Marcel Rapp tauschen sich bei einem Spiel von Holstein Kiel an der Seitenlinie aus
Teamwork: Fabian Boll (l.) war bei Holstein Kiel Co-Trainer von St. Paulis neuem Chefcoach Marcel Rapp

St. Pauli bekomme nicht nur einen sehr guten Trainer, sondern auch einen „sehr umgänglichen und normalen Typen“, so Boll, der gerne an eine „super-angenehme Zusammenarbeit“ zurückdenkt und den Familienvater (zwei Töchter) mit Schlagworten charakterisiert: „Sehr bodenständig, verlässlich, verbindlich, menschlich.“ Rapp sei „kein Wichtigtuer und hat keine Allüren.“ Da darf es nicht verwundern, dass die Verbindung zwischen den beiden nie abgerissen ist und bis heute gepflegt wird.

St. Pauli ist für Rapp „eine ganz andere Hausnummer“

Zweifel, dass es mit Rapp und St. Pauli passt und sein früherer Chef beim Kiezklub Erfolg haben wird, hat Boll grundsätzlich zwar nicht, aber dennoch gebe es ein paar Fragezeichen.

„St. Pauli wird eine ganz andere Hausnummer sein. Ich bin gespannt, wie er sich bei einem deutlich größeren Verein, mit viel mehr Medieninteresse und viel mehr Fans schlägt“, gibt Boll zu bedenken. „Und wie jeder weiß, geht es bei St. Pauli nicht nur um Fußball. Da spielen auch politische Themen eine Rolle, womit ein Trainer klarkommen muss und sich nicht immer rausziehen kann.“ Rapps neuer Job bringe ganz neue An- und Herausforderungen mit sich. „Ich hoffe und glaube, dass es funktionieren wird. Wenn Rappo die Zeit bekommt, seine Vorstellungen umzusetzen, dann kann das echt gut werden.“

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Auf die Frage, ob Rapp ihn schon angerufen und gefragt habe, ob er nicht wieder sein Co-Trainer werden wolle, muss Boll lachen. „Nee, noch nicht.“ Als die MOPO nachhakt, wie er denn reagieren würde, sollte St. Paulis neuer Trainer tatsächlich mit einem Jobangebot auf ihn zukommen, wird die Kiezklub-Legende ernst. „Das ist im Moment nicht in meinem Kopf. Ich bin absolut sattelfest in meinem Leben. Aber man soll bekanntlich niemals nie sagen…“