Spieler ratlos und gereizt, Blessin angefasst: St. Pauli taumelt Abstieg entgegen
Die Wahrheit ist hart: Die Leistung, die die Mannschaft des FC St. Pauli gegen Mainz auf den Rasen des Millerntors gebracht hat, war eine Bewerbung für die Zweite Liga – und das ohne den Umweg Relegation. Der Auftritt beim 1:2 (0:2) war lange Zeit erschreckend schwach. Keine Reaktion, kein Aufbäumen, keine Wiedergutmachung für die miese Performance eine Woche zuvor in Heidenheim. Stattdessen ein Weiter-so der übelsten Sorte. Zu spät wachte die Mannschaft auf. Acht Spiele ohne Sieg in Serie, defensive Anfälligkeit und Verunsicherung, offensive Harmlosigkeit und Hilflosigkeit. Die Kiezkicker taumeln dem Abstieg entgegen. Schon zur Halbzeit setzte es Pfiffe. Die Dünnhäutigkeit nimmt zu. Es gibt kaum etwas, das Hoffnung macht.
Die kollektive Stimmung im Millerntorstadion war da, wo die Mannschaft seit Wochen steckt, aber noch nie so tief wie jetzt: im Keller und gefühlt am Tiefpunkt angelangt. Das rettende Ufer sechs Punkte entfernt, der Tabellenletzte Heidenheim hat mit dem überraschenden 3:3 in München erneut Boden gutgemacht und drängt von hinten. St. Pauli droht auch noch die Relegation zu verspielen, vor allem, weil der VfL Wolfsburg durch das 1:1 beim SC Freiburg aufgrund des besseren Torverhältnisses am Kiezklub vorbeizog. Immerhin: Die „Wölfe“ verspielten eine 1:0-Führung.
Die Gästespieler feixten auf dem Weg vom Spielfeld in die Katakomben und feierten in der Kabine lautstark den perfekt gemachten Klassenerhalt, während die Spieler der Braun-Weißen das Unerklärliche erklären mussten.
„Sind in einer festgefahrenen Situation“
„Wir sind enttäuscht. Wir wissen, worum es geht. Wir wissen, dass wir es besser können“, sagte Connor Metcalfe mit leiser Stimme und leerem Blick. „Ich denke, wir sind in einer festgefahrenen Situation. Es mangelt uns an Selbstvertrauen.“
Trainer Alexander Blessin wirkte angeschlagen, angefasst. „Schwierig …“, sagte er zu Beginn der Pressekonferenz und atmete tief durch. „Wo soll ich anfangen?“
Mit dem Anfang – denn der bedeutete wie schon in der Vorwoche den Anfang vom Ende. Nach schwungvollen, mutigen ersten Minuten mit einer Doppelchance von Hauke Wahl und von Tomoya Ando (4.) waren es die Kiezkicker selbst gewesen, die die Gäste zum Toreschießen eingeladen hatten und das extrem frühe 0:1 (6.) begünstigten.
Blessin hadert mit dem Momentum und frühen Gegentoren
„Was uns killt, ist das Momentum“, so Blessin. „Wir kommen gut ins Spiel, sind die ersten fünf Minuten gut drin, es passt eigentlich alles. Und dann machen wir im Aufbauspiel, was nie und nimmer passieren darf, so einen Fehler.“ Der Coach meinte den Pass von Hauke Wahl auf den bedrängten Eric Smith, den dieser unpräzise zurückspielen konnte, damit aber den gedankenschnellen Becker bediente, der direkt auf Tietz passte, welcher aus 15 Metern eiskalt einschob.

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Ein Déjà-vu der bitteren Art. Heidenheim reloaded. Beim 0:2 an der Brenz hatte St. Pauli schon nach knapp drei Minuten mit 0:1 hinten gelegen. „Das ist gerade der Killer“, ärgerte sich Blessin. Torwart Nikola Vasilj ist sicher: „Es muss auch eine mentale Sache sein. Das ist im letzten Spiel auch passiert, nachdem wir ein Tor kassiert haben. Das ist etwas, woran wir arbeiten müssen.“ Die Mannschaft lässt sich von einem frühen Rückschlag zu sehr und zu lange beeindrucken und das Selbstvertrauen rauben. Aber das ist wohl leichter gesagt als getan, wenn man in der entscheidenden Phase der Saison sieben Spiele sieglos ist – und nun acht.
Wahl reagiert gereizt auf Reporter-Frage
Wie groß der Frust ist und wie angespannt die Nerven, zeigt die dünnhäutige Reaktion von Wahl nach dem Spiel. Nachdem der Abwehrchef im DAZN-Interview zunächst eingeräumt hatte, dass er den Ball nicht zu Smith hätte spielen sollen, wurde er erneut darauf angesprochen, dass der Schwede sogar per Handzeichen signalisiert hatte, dass Wahl zu Ando passen solle. „Ist doch egal“, sagte Wahl verärgert und genervt. „Ist doch egal jetzt einfach. Ich hätte einfach zurückspielen müssen. Wir können jetzt haargenau gucken: Welches Handzeichen? Welche Finger? Welcher Daumen hoch? Ist doch scheißegal. Ich hätte einfach zurückspielen sollen, dann entsteht die Situation nicht.“ Später in der Interview-Zone des Stadions machte er es kurz: „Ja, das war mein Fehler.“
Auch beim zweiten Gegentor (40.) hatten die Kiezkicker ihren Teil beigetragen. Karol Mets konnte den hohen Ball gegen den clever und robust spielenden Mainzer Mittelstürmer Tietz nicht verteidigen, Lars Ritzka eilte zur Hilfe, ließ damit aber Gegenspieler Widmer in seinem Rücken weglaufen, der von Tietz bedient in den Strafraum eindrang und den Ball überlegt zum nachgerückten Mwene passte, welcher die Pille in die Maschen schoss – und St. Pauli ins Herz traf.
40 Prozent gewonnene Zweikämpfe zur Halbzeit
Die Tatsache, dass direkt nach dem Halbzeitpfiff gellende Pfiffe ertönten – und es waren nicht gerade wenige –, sagte alles darüber, was viele der 29.546 Zuschauenden vom Auftritt ihrer Mannschaft hielten. Eine am Millerntor untypische Unmutsbekundung. Aber das Publikum hatte gesehen, dass es nicht nur an Schwung, Ideen oder Chancen mangelte, sondern auch an Intensität, an Aggressivität, am bedingungslosen Einsatz. Nur 40 Prozent gewonnene Zweikämpfe nach 45 Minuten – und nur 28 Prozent der Kopfballduelle.
Ernüchternd war auch, dass die „Boys in Brown“ nicht viel besser aus der Kabine kamen und durch Amiri (48.) und Becker (52.) beinahe das 0:3 kassiert hätten. Es passte ins Bild, dass ein Fan auf der Haupttribüne in der 70. Minute einfach mal eine Konfetti-Kanone abschoss – weil sonst nichts kam von braun-weißer Seite, unten auf dem Rasen. Die Mannschaft hatte enorme Schwierigkeiten, so etwas wie ein strukturiertes und druckvolles Angriffsspiel aufzuziehen. „Das sieht man schon die ganze Saison, dass das unser Problem ist – nicht erst am Ende der Saison“, so Wahl.
Spät, zu spät, kam Leben in die Mannschaft, war ein Aufbäumen erkennbar. Hatte der eingewechselte Abdoulie Ceesay zunächst eine hervorragende Konterchance mit einem lausigen Pass auf den mitgelaufenen (und ebenfalls eingewechselten) Martijn Kaars zunichte gemacht und manchen Zuschauenden wahlweise zur Weißglut oder Verzweiflung getrieben, hatte er kurz darauf eine scharfe Hereingabe von Jackson Irvine nur um Zentimeter verpasst (76.) und einfach Pech. Im dritten Anlauf klappte es dann und der Gambier spitzelte den Ball nach einem starken Zuspiel von Kaars durch die Beine von Mainz-Keeper Batz zum 1:2-Anschlusstreffer ins Tor (88.). Die letzte Chance zum Ausgleich hatte Fujita (90.+3) mit einem satten und abgefälschten Distanzschuss.
Irvine richtet den Blick schnell nach vorn
Der ersten Enttäuschung folgte fast trotziger Kampfesmut. „Wir haben keine Zeit, um uns lange mit diesen Resultaten zu beschäftigen“, meinte Kapitän Jackson Irvine, der wie die meisten seiner Mitspieler weit von seiner Topform entfernt gewesen war. „Wir haben noch zwei Spieltage, um für unser Leben zu kämpfen. Wir brauchen die maximale Performance und dann sehen wir, was passiert.“
Das Schlimme: Fast exakt diese Worte hatte der Käpt’n vor einer Woche nach dem 0:2 in Heidenheim gesagt. Durchhalteparolen? Ja. Und nein. Was sollen sie auch sagen?
Blessin glaubt an seine Mannschaft
Auf die Frage, was ihm jetzt noch Hoffnung mache, antwortete Blessin: „Dass die Jungs trotzdem noch leben.“ Allerdings galt das für die letzten 20 Minuten der Partie, nicht für die ersten 70. Er selbst glaube an eine finale Wende und den Klassenerhalt. „Wenn ich nicht dran glaube, wer soll dran glauben? Ich muss die Mannschaft davon überzeugen. Wenn ich in die Augen gucke von Jacko, von Eric, auch von Hauke: Er weiß natürlich, dass er in dem Moment einen Fehler gemacht hat. Da müssen wir drüberstehen und sagen: Es geht weiter. Es sind noch zwei Spiele.“
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Auch St. Paulis Nummer eins Vasilj gab sich vor den verbleibenden beiden Saisonspielen in Leipzig und daheim gegen Wolfsburg kämpferisch: „Wir hatten viele Momente in dieser Saison, wo wir hart auf dem Boden aufgekommen sind. Wir haben immer irgendwie zurückgeschlagen. Ich denke, wir werden Energie und Mut finden, um dieses Mal zurückzuschlagen.“
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