Schmerzhaft und hoffnungsvoll: St. Paulis drei Wahrheiten im Klassenkampf
Es gibt drei Wahrheiten über den FC St. Pauli im Klassenkampf der Bundesliga, die entscheidend sein werden für den Ausgang der Mission. Eine davon ist in höchstem Maße besorgniserregend und isoliert betrachtet fast schon entmutigend. Die anderen beiden Wahrheiten geben Anlass zur Zuversicht und eine davon hat mit dem Millerntor zu tun. Was auch sonst sollte den Kiezkickern und ihren Fans in diesen Tagen die größte Hoffnung auf die Rettung machen? Das eigene Stadion bietet sowohl auf dem Rasen als auch auf den Rängen und vor allem in Kombination den maximalen Spielraum.
St. Pauli macht dicht. Die einzige öffentliche Trainingseinheit dieser langen Woche hat am Dienstag stattgefunden, alle anderen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Abschottung und totaler Fokus auf das in seiner Wichtigkeit nicht zu überschätzende Heimspiel gegen Mainz 05 am Sonntag (15.30 Uhr). Es ist geradezu notwendig, in dieser Phase einige Dinge nicht an sich heranzulassen oder aber zu verdrängen. Zuvorderst gilt das für …
St. Pauli ist schon seit sieben Spieltagen ohne Sieg
WAHRHEIT EINS, die schmerzhafteste der eingangs erwähnten drei Wahrheiten. Seit sieben Spieltagen sind die Kiezkicker sieglos, haben in dieser Phase viermal verloren, drei Unentschieden geholt und weisen ein Torverhältnis von 3:13 auf. Kein Team war in diesem Zeitraum schlechter.
Die jüngste 0:2-Niederlage beim Tabellenletzten Heidenheim markierte in dieser Serie zudem den Tiefpunkt. Die Tatsache, dass die „Boys in Brown“ nicht einmal gegen die toranfälligste Defensive der Liga (66 Gegentreffer wie auch Wolfsburg) einen Treffer zustande gebracht haben, spricht neben der schwachen Leistung und dem insgesamt irritierend blutleeren Auftritt für einen Abwärtstrend. Die Frage, wie die Mannschaft angesichts einer derartigen Darbietung überhaupt noch Punkte holen will, ist durchaus legitim.
Relegationsplatz kann als Erfolg betrachtet werden
WAHRHEIT ZWEI: So negativ der Trend der vergangenen Wochen ist, was Punkt- und auch Torausbeute angeht, so stabil zeigt sich das Tabellenbild. Seit dem 25. Spieltag steht St. Pauli vor Heidenheim und Wolfsburg auf Relegationsplatz 16. Das muss angesichts der vielen Rückschläge und ausbleibenden Siege als Erfolg betrachtet werden. „Wir haben alle Chancen“, betont Kapitän Jackson Irvine. „Wir liegen immer noch vor diesen beiden Teams.“ Das Punktepolster nach unten ist zwar arg zusammengeschrumpft, aber St. Pauli kann die Relegation weiterhin aus eigener Kraft schaffen.
Die Ausgangsposition ist jedenfalls deutlich besser als der Trend. Und das wiederum ist immer noch besser als umgekehrt. Auch deshalb wurde und wird teamintern in der Vorbereitung auf das Mainz-Spiel versucht, die vergangenen Wochen aus den Köpfen zu bekommen, und sich voll und ganz auf die Gegenwart zu fokussieren: die Mission, mit aller Macht Platz 16 zu verteidigen.
Die Tabelle zeigt für St. Pauli noch das positivste Bild
Die lange als Last oder Horrorszenario betrachtete Relegation ist angesichts des Abstands zum rettenden Ufer (fünf Punkte) mittlerweile als Positiv-Szenario zu betrachten. Sie eröffnet die Möglichkeit, in zwei weiteren Spielen den Klassenerhalt zu sichern. Das sollte in Anbetracht der Umstände motivierende Kraft haben. Es ist eine im Profifußball gängige floskelhafte Behauptung von Spielern und Trainern, dass man nicht auf die Tabelle schaue, sondern nur auf sich und die eigenen Leistungen. Das wäre im aktuellen Fall fatal. Die Kiezkicker sollten unbedingt auf die Tabelle schauen! Denn sie zeigt ihnen das eindeutig positivste Bild.
WAHRHEIT DREI: Im eigenen Millerntor-Stadion ist St. Pauli stärker und auch erfolgreicher als auswärts. 17 der 26 Punkte wurden zu Hause geholt: vier Siege, fünf Unentschieden, sechs Niederlagen (15:26 Tore). Das Millerntor als Mutmacher Nummer eins. Insbesondere, weil die Kiezkicker zwei der verbleibenden drei Spiele der regulären Saison zu Hause austragen.
Am Millerntor zeigt St. Pauli den Fans „ein anderes Gesicht“
Ein Trumpf, nicht mehr, nicht weniger. Er muss gewinnbringend ausgespielt werden. Es sei logisch, dass „ein Heimvorteil ganz wichtig werden kann, vor allem in der Endphase einer Saison“, sagt Sportchef Andreas Bornemann zur MOPO und hofft auf einen entscheidenden Effekt: „Das sind die Spiele, in denen man dank der famosen Unterstützung der Fans noch mal eine extra Portion Energie ziehen kann.“
Abwehrchef und Führungsspieler Hauke Wahl setzt ebenfalls auf den Heimvorteil. „Wir zeigen gerade mit unseren Fans im Rücken einfach ein anderes Gesicht als zum Teil auswärts“, so der Routinier. Aber: Die Mannschaft darf nicht warten, dass sich dieser Heim-Effekt von selbst einstellt, sondern muss dafür liefern und in allen Bereichen des Spiels an die Grenze gehen, in einer intensiv-emotionalen Wechselwirkung mit dem Publikum, um den Bann zu brechen und wieder siegreich zu sein.
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Nur wenn es gelingt, mit den Fans im Rücken am Limit zu spielen, können die Heimspiele, die die schwere Auswärtspartie in Leipzig einrahmen, ein Vorteil sein – insbesondere das letzte der regulären Saison gegen Wolfsburg, ein mögliches Finale um die Relegation.