„Schmerzhaft, traurig, aber okay“: Eggestein über seinen Abschied von St. Pauli

Johannes Eggestein im St. Pauli-Shirt im Trainingslager
Johannes Eggestein absolvierte 85 Spiele für den FC St. Pauli, schoss 20 Tore und ​​​​​​​bereitete 13 Treffer vor.

Braun und Weiß waren drei Jahre lang seine Farben und Johannes Eggestein hat nicht nur gerne das Trikot des FC St. Pauli getragen, sondern auch die Werte des Vereins verinnerlicht und vertreten. Violett und Weiß stehen ihm nicht minder gut. Seit dieser Saison stürmt er für den österreichischen Traditionsklub Austria Wien und hat sich gerade mit einem Volltreffer in die Herzen der Fans geschossen. In der MOPO erzählt Eggestein von seinem neuen Leben, alter Verbundenheit, Abschiedsschmerz und Aufbruchstimmung. Er berichtet, wie es zu seinem Aus beim Kiezklub kam, erinnert sich an ein ganz besonderes Tor für die „Boys in Brown“ und verrät, warum ihn Hamburg nicht loslässt.

„Servus!“, sagt Eggestein stilecht zur Begrüßung. „Moin“ war gestern. Er hat es sich für das Telefonat mit der MOPO mit einem Espresso aus der Barista-Maschine auf dem Sofa seiner neuen Wohnung in Wien gemütlich gemacht. Ein schöner Altbau, günstig gelegen, zwischen Innenstadt und Stadion, es sind nur eine Handvoll Stationen mit der U-Bahn, die er nimmt, wenn er ins äußerst sehenswerte Zentrum der Hauptstadt fährt.

Johannes Eggestein ist bei Austria Wien angekommen

Eggestein ist bester Laune, was nicht nur daran liegt, dass mal wieder die Sonne scheint („die lässt sich hier häufiger sehen als in Hamburg“), sondern auch daran, dass sich seine neue Mannschaft nach einem holprigen Start in die Saison gefangen hat. Zu diesem Zeitpunkt ahnt der 27-Jährige noch nicht, dass ihm sein erster sportlicher Coup unmittelbar bevorsteht: Drei Tage nach dem Gespräch wird Eggestein das 1:0-Siegtor bei Meister Sturm Graz schießen. Sein erster Treffer in der Liga. Gefeierter Matchwinner im Topspiel. Viel Aufmerksamkeit. Jubelstimmung.

Johannes Eggestein bejubelt ein Tor für Austria Wien
Matchwinner: Johannes Eggestein schoss am Sonntag das Tor zum 1:0-Sieg für Austria Wien bei Meister Sturm Graz.

Das hat er auch schon anders erlebt in seiner kurzen Zeit als Spieler der „Veilchen“. Der Saisonstart – mehr als holprig. Blamables Pokal-Aus gegen Drittligist Voitsberg, Niederlagen zum Liga-Auftakt, unglücklicher K.o. in der Qualifikation der Conference League. Viel Gegenwind für die nach Platz drei in der Vorsaison neuformierte Mannschaft.

„Die Austria ist wie St. Pauli ein emotionaler Klub, der die Menschen bewegt und mit viel Leidenschaft begleitet wird“, beschreibt Eggestein, der erst zu Saisonbeginn zum Team gestoßen war und sich im Wettkampfbetrieb einfinden musste, das Umfeld. „Die Erwartungshaltung ist hoch, weshalb es aber auch schnell Unruhe gibt, wenn der Erfolg ausbleibt. Die Fanszene ist hier sehr nah am Verein dran. Das sorgt für einen starken Rückhalt, aber wenn es sportlich nicht läuft, kann es auch mal ins Negative kippen – das ist anders als bei St. Pauli.“

Austria Wien ist in Österreich der Rekordmeister

Ganz anders ist auch das Renommee der Klubs, die Historie. Ganz zu schweigen von der Trophäensammlung. Während die Silberware in der Vitrine des Kiezklubs äußerst überschaubar ist, ist die Austria Rekordmeister (24-mal) und Rekord-Pokalsieger (27-mal), wobei die glorreichen Zeiten lange zurückliegen (letzter Meistertitel 2013). St. Pauli wiederum hat die besten Zeiten möglicherweise vor der Nase, sollte in den kommenden Jahren die Etablierung in der Bundesliga gelingen.

Der Wechsel nach Österreich und zu Austria Wien – ein Rückschritt? „Wenn man die deutsche und die österreichische Bundesliga vergleicht, dann ist es ein Unterschied, keine Frage“, räumt Eggestein ohne zu zögern ein. „Aber das Gesamtpaket ist sehr reizvoll. Die Austria ist ein großer Traditionsverein, der nicht nur in der Liga, sondern landesweit viel Aufmerksamkeit genießt. Hier habe ich die Möglichkeit, oben mitzuspielen, wenn es gut läuft, auch mal um Titel und im internationalen Wettbewerb. Der Verein hat etwas vor, eine coole Zukunfts-Idee und ist auch sozial engagiert, was mir gefällt“, zählt er die Vorzüge und auch Argumente für seinen Wechsel auf. „Ich nehme das nicht als Rückschritt wahr.“

Und wer schon einmal in Wien war, braucht die Frage nach der Lebensqualität nicht zu stellen. Gerade für einen Kaffee-Liebhaber wie Eggestein ist die Stadt ein Paradies. „Es ist Wahnsinn, wie viele Cafés es hier gibt. Das ist eine richtige Kultur. Ich genieße das sehr.“

Eggestein hatte auf einen Verbleib bei St. Pauli gehofft

Sein Abschied vom Kiezklub ist ihm jedoch alles andere als leichtgefallen, da­raus macht Eggestein keinen Hehl. „Da war Traurigkeit und Wehmut dabei“, sagt er ganz offen. „Hamburg und St. Pauli sind in meinen drei Jahren dort ein Stück weit Heimat geworden. Der sportliche Erfolg hat das Gefühl verstärkt, aber es waren auch die vielen zwischenmenschlichen Erfahrungen, die mich dort verbunden haben. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Leute auf St. Pauli nicht nur den Fußballprofi Johannes Eggestein gesehen haben, sondern auch den Menschen. Auch in den sportlich schwierigen Zeiten gab es viel Unterstützung und Zuspruch, nie Kritik, blöde Bemerkungen oder gar Beleidigungen, sondern viel Wertschätzung.“

Hat er diese bei den Verantwortlichen von St. Pauli vermisst am Ende? Eggestein verneint das. Natürlich habe er lange auf eine Verlängerung seines im Sommer auslaufenden Vertrages gehofft, in den letzten Monaten der Saison immer wieder das Gespräch mit Chefcoach Alexander Blessin und Sportchef Andreas Bornemann gesucht, wie er sagt. „So eine Situation ist ja für alle Beteiligten nicht immer leicht. Mir wurde dann aber letztendlich von Andreas und auch Alex mitgeteilt, dass der Verein die Mannschaft anders aufstellen will, auch taktisch, und ich da nicht mehr so ganz hineinpasse von meinem Profil“, berichtet Eggestein. „Das ist in dem Moment und auch in der ersten Zeit danach schmerzhaft, auch traurig, aber letztlich auch okay. Ich akzeptiere das. Das gehört dazu im Profifußball. Wenn du spürst, dass du sportlich nicht mehr die Rolle hast und haben wirst, die du spielen möchtest, dann ergibt eine Veränderung für alle Seiten Sinn.“

Der Blick zurück – ungetrübt. „Es waren schöne, aufregende und erfolgreiche Jahre“, resümiert Eggestein. „Ich sehe es so: Ein Klassenerhalt nach der Bundesliga-Rückkehr ist doch ein richtig toller Zeitpunkt, um Tschüs zu sagen und etwas Neues anzufangen.“

Unvergessen bleibt das Eggestein-Siegtor in Stuttgart

Was bleibt, sind Erlebnisse und Erinnerungen. Unvergessen: sein Tor zum 1:0-Sieg beim VfB Stuttgart im letzten Spiel vor Weihnachten der ersten Bundesliga-Saison, ein elementarer Dreier für das Punktekonto und das kollektive Selbstvertrauen und ein gutes Gefühl an den Feiertagen. „Das war nervenaufreibend“, erinnert sich Eggestein. „Tor geschossen, Elfmeter verschossen, eine Achterbahn der Gefühle. Das ist ein Spiel, das ich nie vergessen werde.“ Es ist kein Zufall, dass die MOPO ihn im Vorfeld des nun anstehenden St. Pauli-Auswärtsspiels in Stuttgart kontaktiert hat.

Johannes Eggestein erzielt ein Tor gegen den VfB Stuttgart
Johannes Eggestein ​​​​​​​traf in der vergangenen Saison zum ersten St. Pauli-Sieg überhaupt beim VfB Stuttgart.

Kontakt besteht nach wie vor zu einigen ehemaligen Mitspielern – allen voran Hauke Wahl und David Nemeth – sowie Mitarbeitern im Staff. Eggestein ist einigermaßen auf dem Laufenden, was St. Pauli angeht. „Das Derby habe ich mir live im Fernsehen angeschaut – und mich sehr gefreut. Ein sehr gelungener Start in die Saison.“ Eggestein betont aber, dass seine größten Sympathien in der deutschen Bundesliga nun ganz klar dem SC Freiburg gehören, wo Bruder Maximilian spielt, Familiensache.

Auf Derby-Feeling muss „Jojo“ übrigens nicht verzichten, im Gegenteil. Die Wiener Ausgabe zwischen Austria und Rapid ist legendär und steht den anderen großen europäischen Stadtderbys in Sachen Tradition, Rivalität und Hitzigkeit in nichts nach. Eggesteins Premiere ist nah: Am 28. September steigt die 345. (!) Auflage. Zum Vergleich: Die Hamburger Stadtmeisterschaft hat gerade zum 112. Mal stattgefunden.

Eggestein ist noch in Hamburg an der Uni eingeschrieben

Ein Spieler des FC St. Pauli ist Eggestein zwar nicht mehr, aber noch eingeschriebener Student an der Medical School Hamburg, wo er Psychologie studiert, im vierten Semester, zwei hat er noch vor sich. Gerade bemüht er sich, einige Präsenzveranstaltungen an der Sigmund-Freud-Universität in Wien absolvieren zu können. Für die letzte Klausur war er in der Länderspielpause nach Hamburg gereist. Nicht sein letzter Besuch. „In St. Pauli, Altona und Ottensen, meiner alten Gegend, wird man mich auch in Zukunft immer mal wieder sehen.“

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Und am Millerntor? „Wenn es sich zeitlich ergibt, auf jeden Fall gerne!“, sagt Eggestein. „Was ich definitiv vermisse, ist das Einlaufen ins Stadion zu Hells Bells. Das hat mir viel gegeben und viel bedeutet.“ Er hat sogar eine Idee, wie er diese Atmosphäre nicht nur als Zuschauer noch mal erleben könnte, sondern als Spieler. „Wie wäre es denn mit einem Testspiel St. Pauli gegen Austria?“, sagt er und lacht. „Ich schlage das hiermit mal offiziell vor.“ Es gäbe auch noch eine andere Möglichkeit für ein Duell beider Klubs, theoretisch. Aber mit der Erwähnung, selbst im Scherz, würde sich Eggestein bei seinem ehemaligen Arbeitgeber wohl keine Freunde machen …

Braun und Weiß waren drei Jahre lang seine Farben und Johannes Eggestein hat nicht nur gerne das Trikot des FC St. Pauli getragen, sondern auch die Werte des Vereins verinnerlicht und vertreten. Violett und Weiß stehen ihm nicht minder gut. Seit dieser Saison stürmt er für den österreichischen Traditionsklub Austria Wien und hat sich gerade mit einem Volltreffer in die Herzen der Fans geschossen. In der MOPO erzählt Eggestein von seinem neuen Leben, alter Verbundenheit, Abschiedsschmerz und Aufbruchstimmung. Er berichtet, wie es zu seinem Aus beim Kiezklub kam, erinnert sich an ein ganz besonderes Tor für die „Boys in Brown“ und verrät, warum ihn Hamburg nicht loslässt.