Rüffel für den Kapitän: Will St. Pauli überhaupt, dass Irvine bleibt?
So unklar vieles ist beim FC St. Pauli nach dem Abstieg, so unmissverständlich hatte sich Kapitän Jackson Irvine direkt nach der finalen Niederlage zum Kiezklub bekannt und klargestellt, dass er auch in der zweiten Liga an Bord bleiben will. Aber so klar ist die ganze Sache gar nicht. Denn der Kiezklub muss auch wollen. Die neuesten Signale aus dem Verein sind alles andere als eindeutig. Die Zukunft des Australiers als Leader und Profi der Kiezkicker steht – wie so vieles bei der kritischen Aufarbeitung der Saison – auf dem Prüfstand. Und er bekommt einen deutlichen Rüffel.
Bei der Abschlussrunde der Saison am Montagmittag im Presseraum des Millerntor-Stadions ging es in erster Linie um die Bilanz der enttäuschenden Spielzeit und galt das allgemeine Interesse der Zukunft von St. Pauli-Trainer Alexander Blessin, der wie Präsident Oke Göttlich und Sportchef Andreas Bornemann anwesend war. Aber auch die Zukunft von Irvine und dessen Bekenntnis, seinen bis 2027 laufenden Vertrag auch eine Liga tiefer erfüllen und beim Neuanfang helfen zu wollen, kam zur Sprache.
St. Pauli-Bekenntnis von Irvine: Bornemann zurückhaltend
Auf die Frage, wie wichtig der Treueschwur von Irvine sei, antwortete Bornemann ziemlich nüchtern: „Er ist auch Teil der Aufarbeitung und der Analyse. Er hat Vertrag, das ist so, aber er ist trotzdem auch ein Teil des Abstiegs. Das können wir auch nicht verhehlen.“ Der St. Pauli-Kapitän, der nach der finalen 1:3-Niederlage gegen Wolfsburg am Millerntor bittere Tränen vergossen hatte, behält seine exponierte Rolle auch bei der kritischen Aufarbeitung der Saison und wird auch selbst einer kritischen Analyse unterzogen, so kann oder muss man die Worte deuten.
Spannend ist, was Bornemann oder auch Göttlich nicht sagten zum Thema. Sie hätten beispielsweise loben können, dass der Kapitän im Moment des Abstiegs seine Bereitschaft zu bleiben verkündet und es ein wichtiges Signal nennen können. Dass er wichtig sei für die Mannschaft und dies auch in Zukunft sein werde. Worte der Freude über den Irvine-Treueschwur (Einschränkung: „Wenn nichts Außergewöhnliches passiert“) waren jedenfalls nicht zu vernehmen, was dafür spricht, dass sich die St. Pauli-Bosse nicht so sicher sind, ob der 33-Jährige der richtige Leader für einen zukunftsweisenden Neuaufbau und auch eine neue Hierarchie der Mannschaft ist.
Neuaufbau in Liga zwei mit oder ohne Anführer Irvine?
Eine zentrale Frage könnte sein, ob Irvine mit seinem über Jahre gewachsenen besonderen und herausgehobenen Status und seiner medialen Strahlkraft mehr hilft oder mehr hemmt, wenn es darum geht, nicht nur ein neues zukunftsfähiges Team, sondern auch eine neue oder zumindest veränderte Hierarchie aufzubauen, sollte dies im Zuge der Analyse als nötig angesehen werden.
Im Irvine-Kontext erklärte Bornemann, dass auch bei der Mannschaft eine „genaue Bewertung und Beurteilung“ vorzunehmen sei mit der Frage „Was braucht es jetzt, damit wir in der Lage sind, es wieder zu beginnen.“ Aufhorchen lassen die weiteren Ausführungen. „Es ist auch niemandem verborgen geblieben, dass es nicht die beste Saison von Jackson Irvine war, die er für St. Pauli gespielt hat. Aus bekannten Gründen. Nicht, weil er es nicht wollte. Er hat sich zur Verfügung gestellt. Aber wir müssen trotzdem wieder Lösungen und Antworten finden, wie wir als Gruppe gemeinsam erfolgreich sein können und da gehört alles mit dazu.“
Verletzung und Born-Angriff: Komplizierte Saison von Irvine
Irvine hat eine komplizierte und von Verletzungen beeinträchtigte Saison hinter sich, in deren Verlauf er sich auch heftigen Social-Media-Attacken von St. Pauli-Aufsichtsrat René Born ausgesetzt sah. Nachdem der australische Nationalspieler die ersten zwei Monate der Saison aufgrund seiner in der Vorsaison erlittenen Sprunggelenksverletzung verpasst hatte, spielte er sich zurück in die Mannschaft und wurde auch als Führungsfigur ein stabilisierender Faktor. Anfang des Jahres gab es einen Rückschlag am lädierten Sprunggelenk, doch nach zwei Spielen Pause kehrte der Kapitän zurück und biss sich durch. Er war nicht bei 100 Prozent und erreichte auch nicht seine Topform.
Was eindeutig nicht gut ankam intern, waren Irvines Ausführungen zu Verantwortlichkeiten beim sportlichen Misserfolg über die Mannschaft hinaus. Der Käpt’n hatte im TV-Interview bemerkenswerte Sätze gesagt: „Als Spieler müssen wir dafür Verantwortung übernehmen und ich hoffe, das jeder andere im Klub das auch tut und auf deren eigene Rollen schaut, in dem wo wir jetzt stehen. Ich fange mit mir selber an und ich und die Leader-Gruppe haben nicht genug dafür getan, wir verstehen, dass wir nicht genug getan haben. Ich hoffe, jeder andere schaut auch so auf sich.“
Bornemann rüffelt Irvine für Aussage nach dem Abstieg
Bornemann reagiert ungehalten darauf, nennt Irvines Aussagen indirekt anmaßend und nicht dessen Position entsprechend. Es gebe unterschiedliche Ebenen und auch Rollen im Verein. Im Fall von Irvine „Mannschaftskapitän oder Mannschaftsführer“, so Bornemann. Dessen Aufgabe sei, als „verlängerter Arm des Trainers“ Dinge in die Mannschaft hineinzutragen, auch Neue zu integrieren oder Missstände aufzuzeigen. Aber über verschiedene Ebenen? Das mache nicht einmal ich in meiner Rolle.“ Der Sportchef stellt klar: „Es ist nicht die Aufgabe des Kapitäns, zu sagen, der Verein solle sich mal bitte auf allen Ebenen hinterfragen.“ Ein klarer Rüffel.
Das Thema Irvine scheint heiß und könnte in den kommenden Tagen und Wochen noch Fahrt aufnehmen. Sicher ist derzeit nur, dass der Routinier in Kürze zur australischen Nationalmannschaft reist, um sich mit den „Socceroos“ auf die anstehende WM (11. Juni bis 19. Juli) vorzubereiten.