Puppe am Galgen, Hetze im Netz: Wie St. Pauli erfolgreich den Hass bekämpft

Manolis Salikas legt seinen rechten Arm und den Kopf von Mitspieler Oladapo Afolayan.
Oladapo Afolayan wurde zuletzt Opfer von rassistischen Beleidigungen auf Instagram.

Es ist ein Phänomen der Neuzeit, eines, auf das man getrost hätte verzichten können: „Hate Speech“, übersetzt Hassrede, hat sich längst in den digitalen Räumen dieser Welt breitgemacht und ist zu einem enormen Problem angewachsen, das auch und gerade vor dem FC St. Pauli nicht Halt macht. Doch der Kiezklub wehrt sich mit aller Macht und juristischen Mitteln gegen diese unsäglichen Auswüchse des Niedergangs im zwischenmenschlichen Umgang – mit ersten Erfolgen.

„Wir sind natürlich als exponierter Verein mit einer sehr klaren politischen Haltung häufiger Anfeindungen und Diskriminierungen verschiedener Art ausgesetzt“, erklärt Vize-Präsidentin Luise Gottberg der MOPO und ergänzt: „Das wollen wir nicht länger hinnehmen. Auch nicht im Internet.“ Die Leute hätten offensichtlich keine Hemmschwelle, „die schlimmsten Beleidigungen und Bedrohungen via E-Mails, Direktnachrichten oder Kommentaren von sich zu geben. Aber es ist genauso strafbar. Ich kann nicht nachvollziehen, woher die Menschen die Idee nehmen, dass das weniger schlimm sei“. Den Worten haben die Hamburger in zwei Fällen bereits Taten folgen lassen.

CDU-Politiker sorgte für Puppen-Eklat

Fall 1: Bülent Büyükbayram, CDU-Politiker aus Delmenhorst, hatte im Herbst des vergangenen Jahres ein Bild einer Sexpuppe am Galgen mit einem St. Pauli-T-Shirt und einer Schlinge um den Hals gepostet. Die Worte „Scheiss St. Pauli“ waren auf dem Kopf der Puppe zu lesen, wobei die Buchstaben „S“ wie auf dem Abzeichen der SS geformt waren. Die SS war die wichtigste paramilitärische Einheit der Nationalsozialisten. Büyükbayram flog die Aktion um die Ohren, er trat aus der Partei aus und gab an, er hätte sich bei St. Pauli entschuldigt. War wohl glatt geflunkert. „Ich kann für das Präsidium sprechen, uns ist bis zum heutigen Tag keine Entschuldigung zugegangen“, sagt Gottberg.

Luise Gottberg auf dem Podium der ordentlichen Mitgliederversammlung des FC St. Pauli
Luise Gottberg ist St. Paulis Vizepräsidentin und setzt sich gegen Hate Speech ein.

Aber auch das hätte nichts daran geändert, dass der Verein die Sache nicht einfach so im Sande verlaufen lassen wollte. Und das Dranbleiben hat sich rentiert. Zwar ist das Verfahren gegen Büyükbayram vorläufig eingestellt worden nach Paragraf 153a der Strafprozessordnung, aber gegen die Zahlung einer Auflage. „Es ist keine Einstellung, die einem Freispruch gleicht, sondern eine mit Beigeschmack“, sagt Gottberg und wertet dies zumindest als „positives Signal, dass es nicht einfach heißt: Och, na ja, Kavaliersdelikt oder das sollte irgendwie lustig sein. Wir waren da schon hinterher und wollten ein Zeichen setzen und so was nicht tolerieren. Insofern sind wir zufrieden, dass es spürbare Konsequenzen hat.“

Auch Afolayan Opfer von Beleidigungen im Netz

Fall 2: Stürmer Oladapo Afolayan hatte kürzlich öffentlich gemacht, mit welch unfassbaren Kommentaren und Bedrohungen er sich auf seinem Social-Media-Account auseinandersetzen muss. „Das waren strafbare Hate-Speech-Handlungen, es wurden böse Beleidigungen und Bedrohungen gegen ihn und seine Familie ausgesprochen“, beschreibt Gottberg die wirklich ekelerregenden Beiträge. „Wir haben Strafanzeige erstattet und einen Strafantrag gestellt und wollen einfach deutlich machen, dass wir nichts tolerieren, was in diese Richtung geht.“

Grundsätzlich sei hinter jedem Pseudonym der betreffende Mensch ermittelbar. „Das ist natürlich eine Sache, die den Strafverfolgungsbehörden überlassen bleibt. Wir wollen ja auch nicht zur Selbstjustiz aufrufen, sondern die Sache in die dafür vorgesehenen gelenkten Bahnen übergeben.“ Aber ja, es gebe durchaus die Möglichkeit, dass die Personen identifiziert werden. Die beiden Fälle werden nicht die einzigen bleiben, in denen der FC St. Pauli konsequent Folgen für die Verursacher anstreben wird.

St. Pauli-Vize Gottberg stellt sich vor Mitarbeiter

„Wir wollen unsere Mitarbeitenden unterstützen, sie dazu ermutigen, wenn sie selber Anzeige erstatten wollen.“ Dabei gehe es laut Gottberg nicht nur um die Spieler, sondern auch um alle anderen. „Wenn etwas passiert, wollen wir tätig werden. Wir wollen betroffene Mitarbeitende sensibilisieren, Schulungen machen, Informationen weitergeben, welche möglichen Schritte gangbar sind.“

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All die Anfeindungen und Herabwürdigungen im Netz sollten demoralisieren und die Menschen entmenschlichen. „Das ist etwas, was unseren Werten diametral widerspricht, das können wir nicht zulassen. Das ist uns ganz wichtig. Uns entmutigen zu lassen, wäre nicht die St. Paulianische Art.“

Es ist ein Phänomen der Neuzeit, eines, auf das man getrost hätte verzichten können: „Hate Speech“, übersetzt Hassrede, hat sich längst in den digitalen Räumen dieser Welt breitgemacht und ist zu einem enormen Problem angewachsen, das auch und gerade vor dem FC St. Pauli nicht Halt macht. Doch der Kiezklub wehrt sich mit aller Macht und juristischen Mitteln gegen diese unsäglichen Auswüchse des Niedergangs im zwischenmenschlichen Umgang – mit ersten Erfolgen.