Guy Acolatse bei einem Fotoshooting des FC St. Pauli

Der FC St. Pauli machte Guy Acolatse aus Togo im Jahr 1963 zum ersten schwarzen Fußballprofi in Deutschland. Foto: WITTERS

Fans wollten ihn „waschen“: Guy Acolatse, St. Paulis erster schwarzer Spieler

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Im Jahr 2026 spielen Herkunft, Hautfarbe und Nationalität keine Rolle mehr im Profifußball – erst recht nicht beim FC St. Pauli, der sich Toleranz und Weltoffenheit auf die Fahne geschrieben hat. Vor 63 Jahren jedoch war es eine Mischung aus Skandal und Sensation, als der Kiezklub mit Guy Acolatse einen schwarzen Spieler in die Regionalliga holte. Acolatse kämpft mit tiefem Rassismus, Menschen wollen ihn „anfassen“, „waschen“ und „ausleihen“ – und die Gegenspieler haben regelrecht Angst vor ihm. Woche für Woche wird er wegen seiner Hautfarbe beleidigt. An diesem Dienstag feiert Acolatse nun seinen 84. Geburtstag. Die MOPO erzählt im Rahmen einer Porträt-Reihe über Hamburger Fußball-Profis seine Geschichte.

Für den bis dahin vielleicht meistbeachteten Transfer im Profifußball sorgt damals Otto Westphal. Der Trainer des FC St. Pauli entdeckt auf einer Afrika-Reise das erst 17 Jahre alte Sturmtalent Guy Acolatse, das zu dieser Zeit bereits in der Nationalmannschaft von Togo spielt. „Der FC St. Pauli suchte eine Nummer 10 und Otto Westphal hat mich gefragt, ob ich Interesse habe, nach Deutschland zu kommen. Damals gab es ja noch nicht diese vielen Spielervermittler“, erzählt Acolatse viele Jahre später der Zeitung „analyse & kritik“.

Acolatse erlebt in Deutschland eine Welt voller Rassismus

Also kommt der Teenager aus der ehemaligen deutschen Kolonie mit nach Deutschland – für eine Ablösesumme von 600 DM. Und dort erwartet ihn buchstäblich eine andere Welt. Eine Welt, die im Nachkriegs-Deutschland noch tief von Alltagsrassismus geprägt ist. Als Acolatse an seinem ersten Tag beim FC St. Pauli mit einem Taxi zum Wilhelm-Koch-Stadion fährt, warten dort Dutzende Menschen auf seine Ankunft. Zeitzeugen berichten der MOPO, manche Menschen wollen ihn „anfassen“ oder „waschen“. Einige von ihnen sehen in Hamburg zum ersten Mal einen Schwarzen.

Damals ein völlig neues Bild: Inmitten der Mannschaft des FC St. Pauli von 1963/64 steht mit Acolatse (5.v.l.) ein Schwarzer. WITTERS
St. Pauli-Mannschaft von 1964 auf dem Rasenplatz vor dem Bunker
Damals ein völlig neues Bild: Inmitten der Mannschaft des FC St. Pauli von 1963/64 steht mit Acolatse (5.v.l.) ein Schwarzer.

Acolatse wird schnell zum großen Star des FC St. Pauli und der Regionalliga. Aber nicht, weil er besonders gut Fußball spielt, sondern rein wegen seiner Hautfarbe. Schon nach wenigen Wochen steigt die Zuschauerzahl beim Kiezklub spürbar an, doch die „Fans“ interessieren sich nur für Acolatse. Sie wollen ihn mit eigenen Augen sehen. St. Pauli-Präsident Wilhelm Koch erhöht prompt das Gehalt des Legionärs mit der Begründung: „Weil wir mehr Zuschauer haben, seit du da bist. Die Leute kommen, um dich zu sehen!“

„Damals war ich der einzige Schwarze in ganz Deutschland und der einzige Togolese, der hier Fußball gespielt hat. Wenn ich in Hamburg unterwegs war, haben die Leute geguckt: Ein Schwarzer! Aber ich fand das nicht schlimm. Wenn ich heute jemandem erzähle, dass ich schon 1963 in Deutschland war, dann werde ich gefragt: ,Konntest du denn da alleine in eine Kneipe gehen?’ Ja, ich bin alleine in die Kneipe gegangen und habe ein Alsterwasser bestellt. Und die Leute haben geguckt …“

Guy Acolatse 2010 „a&k“ über seine Zeit bei St. Pauli

Manche „leihen“ ihn fürs Wochenende vom FC St. Pauli

Reiche Leute fragen sogar beim Verein an, ob sie sich den Fußballprofi für ein Wochenende „ausleihen“ können. „Die mussten ihre Namen hinterlassen und sagen, wann sie mich wieder zurückbringen würden“, berichtet Acolatse später. Einer soll ihn sogar mit auf ein Segelboot genommen haben, nur um ihn vorzuzeigen, fast wie ein Souvenir. „Mir hat das nicht so gut gefallen“, sagt der Togolese rückblickend. „Ich rede gerne mit Leuten, aber ich wollte mich nicht so aufspielen.“

In 42 Spielen für den FC St. Pauli erzielt Acolatse sechs Tore, wie hier im Oktober 1963 gegen den VfR Neumünster. WITTERS
Guy Acolatse bejubelt ein Tor für den FC St. Pauli
In 42 Spielen für den FC St. Pauli erzielt Acolatse sechs Tore, wie hier im Oktober 1963 gegen den VfR Neumünster.

Viele haben sogar Angst vor Acolatse, dem immer wieder vorgeworfen wird, dass er Kinder verschrecke. „Ich habe gemerkt, dass die Leute manchmal Angst hatten, und habe Grimassen gezogen und so“, erzählt der Ex-Profi, der betont, solche rassistischen Begegnungen stets mit Humor genommen zu haben. So sagt er 2017 in der „Welt“, das sei für ihn kein Rassismus gewesen, sondern „Unwissenheit und Neugier“. Auf dem Platz machte sich Acolatse das schließlich sogar zunutze – und schüchterte seine Gegenspieler selbstironisch ein: „Wenn ich gespielt habe, habe ich gesagt: ,Ey, wenn du mich anfasst, beiße ich dich. ,Der N… beißt.‘ Die waren älter als ich, aber die haben Angst gehabt vor mir.“ Dann lacht er.

Beleidigungen gehören für St. Pauli-Profi Acolatse dazu

Fakt ist aber, dass man damals schlichtweg menschenverachtend mit Acolatse umgeht. Gegner nennen ihn „Scheiß N…“ und „schwarze Sau“, in Hamburg machen sich viele nicht einmal die Mühe, seinen Namen zu lernen, rufen ihn „Eukalyptus“, „Schokolade“, „Akolasso“ – oder eben einfach „der N…“. Bei einem Heimspiel des FC St. Pauli soll Acolatse von einem Anhänger am Spielfeldrand zugerufen worden sein: „Du schießt keine Tore, du kriegst eine Banane, du kleiner Affe.“ Wahrscheinlich sind das sogar eher noch harmlose Worte gewesen.

„Schwarz wie die Nacht, schnell wie eine Antilope und schussstark wie eine Elefantenbüchse. Er kann Schreibmaschine schreiben, er kann Fußball spielen!“

Schlagzeile der „Bild“ im Jahr 1963 über Acolatse

Fußball wird da fast zur Nebenrolle. Acolatse absolviert 42 Pflichtspiele als Mittelstürmer für den FC St. Pauli und bleibt drei Jahre lang auf dem Kiez, bevor er 1966 zum HSV Barmbek-Uhlenhorst wechselt. Zwei Jahre später kehrt der Angreifer zu St. Pauli zurück und läuft dort vor allem für die Amateure auf, ehe er 1973 seine Karriere beendet. Parallel dazu hat er nach einer abgebrochenen Ausbildung zum Fernsehtechniker seinen Trainerschein gemacht und will fortan als Fußballtrainer arbeiten. In Hamburg jobbt Acolatse schließlich in der Zeitungs-Distribution und beim Otto-Versand.

Acolatse führt später eine Beziehung mit Vicky Leandros

Und auch privat findet der Togolese in der Hansestadt sein Glück. Mit der griechischen Sängerin Vicky Leandros, damals ein großer Star der Popmusik, ist Acolatse acht Monate lang liiert. Bis heute stehen die beiden in Kontakt, die Beziehung sei jedoch an ihrem „leicht rassistischen“ Verhalten gescheitert, erzählt er später. Stattdessen heiratet Acolatse eine Hamburgerin und bekommt mit ihr 1965 einen Sohn. Die Ehe zerbricht angeblich, weil auch andere Frauen ihn und seinen schwarzen Körper so attraktiv finden.

Immer für einen Spaß zu haben: Acolatse balanciert im Spätjahr 1963 einen Schneeball auf seiner Stirn. imago/Sven Simon
Guy Acolatse balanciert einen Schneeball auf seiner Stirn
Immer für einen Spaß zu haben: Acolatse balanciert im Spätjahr 1963 einen Schneeball auf seiner Stirn.

Erst 1980 verlässt der Wahl-Hamburger seine neue Heimat und zieht – aus Liebe zu einer französischen Studentin, die er in Hamburg kennenlernt – nach Paris. Dort wird er erneut Vater einer Tochter und arbeitet als Amateur-Trainer bei Paris Saint-Germain sowie beim Automobilhersteller Ford. In Paris lebt Acolatse bis heute, Medienberichten zufolge mit einer Rente von rund 800 Euro. Inzwischen trainiert er Jugendliche bei einem Stadtteilverein in der von afrikanischstämmigen Bewohnern geprägten Pariser Vorstadt Saint Denis. Seinen Platz in der Geschichte des deutschen Fußballs hat Acolatse jedoch sicher – als ein Spieler, der vor 63 Jahren unfreiwillig für großes Aufsehen sorgte.

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