„Oftmals belächelt“: Was Blessin über Hoffenheims Erfolgscoach Ilzer sagt
Es ist der Aufschwung der Saison. Vergangene Spielzeit waren der FC St. Pauli und Hoffenheim bis zum Schluss wider Willen Nachbarn im Tabellenkeller, erbitterte Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt und die Kiezkicker konnten die wirtschaftlich um Längen besser ausgestattete TSG am Ende sogar hinter sich lassen. In dieser Saison spielt die Mannschaft aus Sinsheim wie verwandelt, kickt auf Königsklassenkurs und ist eine Heimmacht, hat die letzen acht Spiele zu Hause gewonnen – Liga-Bestwert! St. Pauli befindet sich in der gleichen Lage wie letzte Saison, was nicht unerwartet kommt. Aber was ist in Hoffenheim passiert, wo der Trainer in der Vorsaison noch mit einigen Aussagen und Maßnahmen für Aufsehen und auch Kopfschütteln gesorgt hatte? Und vor dieser Spielzeit übrigens einen früheren St. Paulianer an seine Seite holte …
Der Respekt vor dem kommenden Gegner ist enorm und das ließe sich allein mit Zahlen erklären. 14 Siege und satte 46 Punkte nach 23 Spieltagen – das ist Vereinsrekord zu diesem Zeitpunkt in der Saison und hat die Hoffenheimer auf Platz drei der Tabelle gebracht. Hinter den Branchenführern Bayern und Dortmund.
Vom Fast-Absteiger zum Champions-League-Anwärter
Vor allem die Offensive glänzt. Hoffenheim hat bereits 49 Tore erzielt. Nur der Spitzenreiter und Rekordmeister aus München ballert besser. Auch bei der Laufstrecke liegt nur Bayern vor der TSG, die im Schnitt pro Spiel 122,9 Kilometer rennt. Bei den intensiven Läufen und Sprints ist allerdings Hoffenheim die Nummer eins der Liga. In der vergangenen Saison, die der finanzstarke Klub als 15. und einen Rang hinter St. Pauli beendete und mit Ach und Krach den Klassenerhalt schaffte, war die Mannschaft eine der schwächsten, wenn es ums Laufen ging. Zu wenig Einsatz, zu wenig Intensität, zu wenig Energie.
Und dass, nachdem TSG-Trainer Christian Ilzer die taumelnde Mannschaft im November 2024 übernommen und kurz danach verkündet hatte, in drei Jahren international und in Zukunft auch um die Deutsche Meisterschaft mitspielen zu wollen. Große Worte, die für Verwunderung sorgten, weil sich bis Saisonende nur wenig bewegte und die TSG bis zum Schluss im Tabellenkeller blieb und auch so spielte.
Christian Ilzer sprach früh von Europa und Meisterschaft
Seine vollmundig formulierten Ziele wurden ihm lange vorgehalten und auch eine besondere Motivations-Maßnahme vor einem Spiel, bei der er seiner Mannschaft Berichten zufolge unter anderem einen Dildo (für mehr Manneskraft) und Chili-Schoten (für mehr Schärfe in den Aktionen und Zweikämpfen) präsentierte, stärkten nicht gerade das öffentliche Bild.
Anders als branchenüblich wurde nach der mehr als enttäuschenden Saison aber nicht der Trainer, zumeist das schwächste Glied, gefeuert, sondern die Mannschaft im großen Stil umgekrempelt und mit Spielern verstärkt, die zur Spielidee des Österreichers passen, wie der ebenso lauf- wie zweikampfstarke Mittelfeldmann Leon Avdullahu oder Rechtsverteidiger Vladimir Coufal, der die meisten intensiven Läufe der Liga absolviert. Kicker, die perfekt ins Konzept passen.
Alexander Blessin lobt Ilzer und Schicker: „Chapeau!“
„Da haben sie extrem aussortiert und die richtigen Spieler dazugeholt, die die richtige Mentalität haben für diese Art und Weise, Fußball zu spielen“, sagt Blessin (52) zu den Veränderungen, für die Sportchef Andreas Schicker und Ilzer verantwortlich sind. „Es war ja auch die Rede davon, dass der Trainer entlassen wird. Sie haben trotzdem daran festgehalten und das zusammen durchgestanden und jetzt den Angriff gestartet.“ Ilzer sei „oftmals belächelt worden mit den Aussagen, aber er macht eine gute Arbeit, beide, Andreas und Christian, und von daher muss man da absolut sagen: Chapeau!“ Die Hoffenheimer „stehen zu Recht da oben“.
Ilzer hat übrigens auch sein Trainer-Team vor der Saison verstärkt: er holte den früheren St. Pauli-Profi Moritz Volz, der von 2010 bis 2012 für den Kiezklub spielte, als Co-Trainer an seine Seite. Auch das scheint sich auszuzahlen.

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Ilzer selbst sieht Kontinuität als Schlüssel und kritisiert, dass sportlich Verantwortliche zu wenig Zeit bekommen und zu schnell entlassen werden, wenn sich der Erfolg nicht schnell einstellt. „Wenn alle Entscheidungsträger in den Führungspositionen stets zusammenhalten, ausschließlich das Inhaltliche beurteilen und sich nicht von den Nebengeräuschen beeindrucken lassen würden, dann würde sich das wohl auch viel häufiger auszahlen”, sagt der 48-Jährige im DFL-Magazin. „Der Cheftrainer und der Sportdirektor sind extrem wichtige Funktionsträger, die die Leitplanken in einem Verein setzen und auch harte Personalentscheidungen treffen müssen. Bis sich die Wirkung dieser Maßnahmen und damit der sichtbare Erfolg zeigt, kann es aber etwas dauern – Zeit, die man im Fußball häufig nicht bekommt.”
„Legitime Vision“: Ilzer verteidigt sein Meisterschafts-Ziel
Zu seinen früheren Aussagen, de TSG in den Europacup führen zu wollen, während die Mannschaft mitten im Anstiegskampf steckte, steht er auch heute noch und verteidigt diese. „Schließlich bin ich nicht in eine der Topligen Europas gekommen, um dauerhaft im Mittelfeld oder gar gegen den Abstieg zu spielen.” Es sei „eine legitime Vision von mir, wie schon in Österreich auch in Deutschland um die Meisterschaft kämpfen zu wollen. Ich habe das damals auch hier im Haus deutlich zum Ausdruck gebracht: Egal wie die Lage ist, in der du gerade stecken magst, lass dir von niemandem deine Visionen und Träume nehmen – vorausgesetzt, du bist bereit, die notwendige Haltung zu entwickeln.” Hoffenheim sei „ein kleiner, bodenständiger Verein, aber wir können etwas Großes erreichen”.
Das will auch St. Pauli – in dieser Saison mit dem erneuten Klassenerhalt und auch am Samstag mit einem überraschenden Punktgewinn, vielleicht sogar dreifach. Blessin ist nach zuletzt zwei Heimsiegen gegen Stuttgart und Bremen „guter Dinge, dass wir mit einer guten Leistung was holen können.“
Drittes Duell mit der TSG – im Pokal durfte St. Pauli jubeln
Die „Boys in Brown“ haben in dieser Saison bereits zweimal gegen die TSG gespielt. In der Liga gab es zu Hause eine deutliche 0:3-Niederlage, nur neun Tage später gelang es den Kiezkickern jedoch, die favorisierten Kraichgauer im DFB-Pokal-Achtelfinale nach Elfmeterschießen zu bezwingen und aus dem Wettbewerb zu werfen.
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