„Normales Leben nicht möglich“: Auch St. Pauli-Fans kämpfen für schwer Erkrankte
Leere Plätze. Leere Tribünen. Leere Stadien. Seit der Corona-Pandemie weiß jeder Fußballfan, was es bedeutet, nicht mehr ins Stadion gehen zu können. Doch auch wenn die Tribünen mittlerweile wieder voller sind, ist Corona längst nicht für alle Fans vorbei. Manche von ihnen leiden noch immer an den teils schweren Folgen ihrer Infektion, können selbst kleinste Alltagstätigkeiten nicht bewältigen. Die in Hamburg gestartete Initiative „Empty Stands“ (deutsch: „leere Tribünen“), zu der sich bundesweit betroffene Fußballfans mit Long- und Post-Covid zusammengeschlossen haben, möchte genau darauf aufmerksam machen. Denn für sie hat die Pandemie nie aufgehört.
Was, wenn die eigenen Kräfte nicht mehr reichen, um in den Supermarkt zu gehen oder Freunde zu treffen? Oder nicht einmal, um sich morgens anzuziehen oder sich die Zähne zu putzen? Für etwa 650.000 Menschen in Deutschland ist es mittlerweile zur Realität geworden, dass der eigene Körper-Akku dauerhaft leer ist und sich einfach nicht mehr aufladen lässt. Wer an Long- oder Post-Covid leidet, muss seine Kräfte jeden Tag sehr sorgfältig einteilen und sein Leben auf ein absolutes Minimum beschränken – denn jede noch so kleine Tätigkeit kann zu einer Überlastung führen.
St. Pauli-Fan Fritz gründete die Initiative „Empty Stands“
Fabian Fritz kennt dieses Gefühl sehr gut. Der 37-jährige Hamburger arbeitete im Museum des FC St. Pauli und besaß eine der begehrten Dauerkarten fürs Millerntor, als er im Jahr 2023 an Covid-19 erkrankte. Seither kann er seine Wohnung kaum mehr verlassen, musste wieder zu seiner Familie ins Kinderzimmer ziehen, weil der Alltag alleine nicht mehr zu bewältigen wäre. „Ein normales Leben ist mit dieser Erkrankung einfach nicht mehr möglich“, erzählt Fritz im Gespräch mit der MOPO. Ein Gefühl, das für Außenstehende und Nicht-Betroffene oft schwer nachvollziehbar ist.
Da der glühende St. Pauli-Anhänger das „Fan-Sein“ vermisste, setzte er vor etwa einem Jahr einen Tweet bei X (ehemals Twitter) ab und fragte, ob es noch andere Fußballfans mit Post-Covid gebe, die die Spiele nicht mehr vor Ort verfolgen können. Schnell hatte Fritz ein paar Leidensgenossen gefunden – teilweise St. Pauli-Fans, teilweise auch Supporter anderer Vereine. Und sie alle teilten dieselbe Erfahrung: Den meisten Menschen sind die Folgen der Corona-Pandemie weitgehend unbekannt, kaum jemand weiß wirklich über diese Erkrankung Bescheid. Also haben sie es sich zur Aufgabe gemacht, das zu ändern.
„Unser Ziel ist es, über ME/CFS aufzuklären“, erklärt Fritz und meint damit die sogenannte „Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue Syndrom“ (kurz: ME/CFS), die schwerste Folge-Erkrankung von Covid-19. Seit der Pandemie hat sich die Fallzahl fast verdreifacht, weltweit gibt es vermutlich mehr als 40 Millionen Betroffene. Sie alle leiden unter schweren Erschöpfungssymptomen: Muskelschmerzen trotz Medikamenten, Lichtempfindlichkeit trotz Dunkelheit, Müdigkeit trotz ausreichend Schlaf. Schon wenige Schritte sind eine scheinbar unüberwindbare Herausforderung, Einkaufen zu gehen, kann sie zu tagelanger Bettruhe zwingen.
Stadionbesuch ist für Betroffene mit ME/CFS kaum möglich
An einen Stadionbesuch ist da nicht einmal im Ansatz zu denken. „Für die meisten von uns ist das absolut unmöglich“, berichtet Fritz. Wer etwas milder betroffen ist, schafft es vielleicht ein- oder zweimal pro Saison zu einem Heimspiel – und nimmt dafür eine Anfahrt mit dem Taxi, einen Sitzplatz und einen „Crash“ in Kauf, also tage- oder sogar wochenlange Bettruhe im Dunkeln und eine mögliche dauerhafte Zustandsverschlechterung. Man spricht dann von einer „Post-Exertionellen Malaise“ (PEM) – weil das eigene Körper-System eben schon von kleinsten Anstrengungen vollkommen überlastet wird. Kein Wunder, dass an den allermeisten Spieltagen die Betroffenen in den Stadien mittlerweile fehlen. Ihre Ränge bleiben leer – werden also zu „Empty Stands“.
Mit ihrer Initiative wollen Fritz und die inzwischen knapp 100 Mitglieder einen Platz zum gegenseitigen Austausch schaffen, aber vor allem auch für mehr Aufmerksamkeit für das Thema sorgen. „Wir haben das Gefühl, dass wir über die Leidenschaft zum Fußball wirklich Menschen erreichen können“, sagt auch Josephine Engels, die ebenfalls seit Beginn dabei ist. Die 24-jährige BVB-Anhängerin aus der Nähe von Düsseldorf musste nach ihrer Covid-19-Erkrankung im Jahr 2022 ihr Politik-Studium pausieren und ihre regelmäßigen Besuche im Signal Iduna Park aufgeben. „Wir kommen selbst aus den Kurven, also wollen wir das Thema dort auch hinbringen“, bekräftigt sie.
In der vergangenen Saison organisierte „Empty Stands“ bereits mehrere Aktionen mit Ultrà- und Fan-Gruppierungen in ganz Deutschland, unter anderem bei Spielen von Werder Bremen oder dem 1. FC Kaiserslautern. Zur aktuellen Spielzeit sollen noch viel mehr Vereine, Plakate und Transparente hinzukommen, mit zahlreichen Bundesliga-Klubs steht die Gruppe bereits im Kontakt und hat positive Rückmeldungen erhalten. Zuletzt hielten sogar Fans des First Vienna FC eine Tapete zu ME/CFS hoch, mit dem Drittligisten VfL Osnabrück und dem Zweitligisten Hannover 96 führte man Spieltagsaktionen durch und auch der DFB berichtete in seinem Mitglieder-Magazin über die Initiative. „Je mehr Menschen uns wahrnehmen, desto besser ist es für die Forschung“, sagt Engels.
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Schließlich gibt es noch kein Medikament und keine Therapie gegen Post-Covid oder ME/CFS. Es gilt derzeit als unheilbare Krankheit. Alle Einnahmen, die die Initiative durch Spenden oder den Verkauf von T-Shirts und Stickern generiert, gehen deshalb an die ME/CFS Research Foundation in Hamburg. „Natürlich ist es auch ein Ziel, Spenden zu generieren. Geld ist aber nicht das primäre Ziel, sondern die Aufklärung“, betont Initiator Fritz, der wie ein Großteil der Mitglieder durch seine Erkrankung arbeitsunfähig geworden ist. Doch das größte Ziel, das sie alle haben, ist irgendwann wieder in die Kurven und ins normale Leben zurückkehren zu können – damit aus „Empty Stands“ wieder „Full Stands“ werden.