„Nichts geschenkt“: Vasilj, die WM und seine komplizierte St. Pauli-Zukunft
Die Freude ist groß. Nicht nur bei der Nummer eins des FC St. Pauli, sondern auch den Teamkollegen und den Verantwortlichen. Es mangelte nicht an Glückwünschen für Nikola Vasilj nach seiner erfolgreichen Qualifikation für die Weltmeisterschaft mit der Nationalmannschaft von Bosnien-Herzegowina, die sich in einem emotionalen Elfer-Krimi gegen Italien durchgesetzt hatte. Wo Vasilj den Großteil des Sommers verbringt, ist klar: in den USA und Kanada. Eine große Bühne. Wo der 30-Jährige danach das Tor hütet, dagegen nicht. Wie plant der Kiezklub mit dem Keeper, mit dem noch schwer zu planen ist? Was der Sportchef sagt.
Ankommen, runterkommen, Fokus neu ausrichten. Dem WM-Kampf folgt der Klassenkampf. Nach den aufregenden WM-Playoffs mit Siegen gegen Wales und Italien, in denen Vasilj und Co. jeweils im Elfmeterschießen triumphiert hatten, sind die Qualitäten des Schlussmanns am Ostersonntag im Auswärtsspiel bei Union Berlin gefordert, in das der Schlussmann motiviert und beflügelt gehen dürfte und, so hoffen sie bei den Kiezkickern, im Gegensatz zum Italien-Spiel fehlerlos bleibt.
Bornemann: Vasilj hat sich die WM „absolut verdient“
Vasilj und die WM – das ist eine Erfolgsstory mit starkem braun-weißem Anstrich.
„Wir freuen uns sehr für ihn und er hat es sich absolut verdient“, sagt Sportchef Andreas Bornemann. „Niko hat nichts geschenkt gekriegt. Er hat sich das alles erarbeitet. Es war kein einfacher Karriereweg für ihn, weder auf Vereinsebene, noch in der Nationalmannschaft.“ Die Wertschätzung ist groß – und gilt beiderseits.
Als Vasilj im Sommer 2021 vom ukrainischen Klub Zorya Luhansk zum FC St. Pauli wechselte, war sein Name nur Insidern bekannt, aus seiner Zeit beim 1. FC Nürnberg, wo der talentierte Torwart für die zweite Mannschaft in der Regionalliga Bayern spielte, aber nie den erhofften Schritt zu den Profis schaffe und dann den ungewöhnlichen Weg über die ukrainische Liga wählte. Sportchef in Nürnberg war Bornemann, der um Vasiljs Qualitäten wusste, dessen Werdegang weiterhin genau verfolgte und ihn schließlich zum Kiezklub holte.
Bei St. Pauli wurde Vasilj zu Bosniens Nummer eins
Erst bei St. Pauli reifte Vasilj dank harter Arbeit und einem sehr guten Torwarttraining unter den Keeper-Coaches Marco Knoop und Sven Van Der Jeugt (seit 2024) zu einem Toptorhüter, der auch in der Bundesliga zur gehobenen Klasse der Schlussmänner zählt. Im Nationalteam war er lange Zeit die Nummer zwei und kam nicht am alternden Ibrahim Sehic vorbei, doch mit der Berufung von HSV-Legende Sergej Barbarez wendete sich das Blatt und seit Sommer 2024 ist Vasilj auch bei Bosnien die Nummer eins.
„Er hat bei uns eine großartige Entwicklung genommen“, sagt Bornemann über den Aufstieg Vasiljs beim Kiezklub, der nicht frei von Rückschlägen, aber dennoch beeindruckend weit nach oben führte für den Ballfänger, der sich als Elfmeterkiller einen Namen gemacht hat. Ende 2025 wurde Vasilj zu Bosniens „Fußballer des Jahres“ gekürt, eine besondere Ehre, noch dazu für einen Torhüter.
Vasilj nur bei Klassenerhalt weiter unter Vertrag
Wohin sein weiterer Weg führt, ist noch unklar. Sein Vertrag bei St. Pauli verlängert sich dem Vernahmen nach per Klausel im Sommer nur bei Klassenerhalt. Aber selbst für den Fall, dass die Kiezkicker eine dritte Saison in der Bundesliga spielen, ist sein Verbleib nicht sicher, denn Vasilj hat längst auf sich aufmerksam gemacht und steht bei vielen Vereinen, darunter auch Bundesligisten, auf dem Zettel, wenngleich es nach MOPO-Informationen derzeit noch kein konkretes Interesse an einer Verpflichtung zur kommenden Saison gibt, weil es auf dem Torwart-Markt hierzulande noch ruhig ist. Doch schon der Wechsel einer Nummer eins kann eine Kettenreaktion auslösen.

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St. Pauli wiederum könnte im Falle des Klassenerhalts nur noch in diesem Sommer eine Ablöse für seinen Nationalkeeper aufrufen, dessen Marktwert auf 4,5 Millionen Euro taxiert wird, sollte die sportliche Leitung der Meinung sein, dass die aktuelle Nummer zwei Ben Voll auch in Liga eins das Zeug zum Stammtorwart hat.
Bei Abstieg hätte St. Pauli mit Ben Voll eine Nummer eins
Im Abstiegsfall wäre ein Wechsel zu Voll naheliegend. Theoretisch ist möglich, dass sich Vasilj in Hamburg und bei St. Pauli derart wohlfühlt (und es keine Angebote gibt, die sportlich und finanziell lukrativ genug sind), dass er auch in einem Zweitliga-Szenario gerne bleiben würde.

An dieser Stelle kommt das Privatleben ins Spiel. Im Sommer wird Vasilj erstmals Vater. Er und Ehefrau Sara erwarten ihr erstes Kind, was sich mit seiner WM-Mission überschneiden, aber auch seine Zukunftsentscheidung beeinflussen könnte. WM-Teilnahme, erstmals Vater – und dann auch noch ein Umzug? Ziemlich viel auf einmal. Vasilj (und nicht zuletzt auch seine Frau) könnten durchaus daran interessiert sein, vor Abreise zur WM zu wissen, wo die junge Familie nach der WM leben wird.
Vasilj wird im WM-Sommer Vater – dann noch ein Umzug?
Rein sportlich betrachtet, befindet sich Vasilj in der Blüte seiner Karriere und der nächste Vertrag könnte sein größter oder letzter großer sein. Auch könnte ihn die Möglichkeit, bei einem Europapokalteilnehmer oder in einer anderen europäischen Top-5-Liga zu spielen, reizen, was nur nachvollziehbar wäre.
Der Ausgang des Klassenkampfs ist die erste Weichenstellung für Vasiljs Zukunft. Die WM-Bühne – Bosnien spielt in der Vorrunde gegen Co-Gastgeber Kanada, die Schweiz und Katar – bietet ihm die Möglichkeit, Werbung in eigener Sache zu betreiben, sollte dann noch nicht feststehen, wie und wo es auf Vereinsebene für ihn weitergeht.
Was Bornemann zu Vasiljs Zukunft bei St. Pauli sagt
St. Pauli und Vasilj – eine echte Erfolgsgeschichte, die bislang nur Gewinner hat, das bosnische Nationalteam eingeschlossen. Grund genug, unbedingt miteinander weitermachen zu wollen. Oder nicht? „Der Fokus liegt erst einmal darauf, in der Liga zu bleiben“, sagt Bornemann, der sich in der Frage zu Vasiljs Zukunft und der Torwart-Planung bedeckt hält. Und in der Tat ist der Ausgang des Klassenkampfs erst einmal maßgeblich für alle möglichen weiteren Schritte.
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