„Nicht mit mir zufrieden“: St. Pauli-Liebling Fujita so offen und privat wie nie

Joel Chima Fujita bejubelt ein Tor für FC St. Pauli
Gegen Werder Bremen (2:1) erzielte Joel Chima Fujita sein erstes Tor für den FC St. Pauli.

Er galt als braun-weißer Königstransfer für St. Paulis zweite Mission Klassenerhalt, war auf Anhieb Stammspieler und Leistungsträger. Was Joel Chima Fujita (24) kann und wie er spielt, ist längst bekannt. Wer er ist, dagegen kaum. Seiner überfälligen Tor-Premiere für St. Pauli gegen Bremen folgt nun das erste große Exklusiv-Interview. In der MOPO spricht der japanische Nationalspieler über seine erste Spielzeit in der Bundesliga, Highlights, harte Zeiten, ansteckende gute Laune, sein Leben in Hamburg – und lüftet endgültig das Geheimnis um sein Barfuß-Ritual. Das Gespräch wurde auf Englisch geführt, ein deutscher Zungenbrecher inklusive.

MOPO: Ist Ihr Handy explodiert nach Ihrem ersten Tor für St. Pauli?

Joel Chima Fujita: Ich habe wirklich sehr viele Nachrichten bekommen, auch auf Social Media. Von St. Pauli-Fans, von Fans aus Japan, natürlich von meiner Familie und Freunden in meiner Heimat. Das hat mich sehr gefreut.

Joel Chima Fujita schwärmt vom ersten St. Pauli-Tor

Was hat der Premierentreffer in Ihnen ausgelöst?

Im ersten Moment, nachdem ich das Tor geschossen habe, war ich verrückt vor Freude und nach dem Spiel dann sehr emotional. Ich habe gedacht: endlich! Ich spüre jetzt noch keine Veränderungen, aber vielleicht kann man in den nächsten Spielen sehen, dass ich noch mehr den Abschluss suche und mit mehr Selbstvertrauen aufs Tor schieße.

Wie haben Ihre Mitspieler Sie gefeiert?

Sie haben auch gesagt: endlich! (lacht) Sie haben mich immer ermutigt und mir gut zugeredet, mich mehr zu trauen, mehr zu schießen. Sie haben sich mit mir gefreut, dass es dann gegen Bremen geklappt hat.

Haben Sie sich mit etwas Besonderem belohnt? Ihr Mitspieler Karol Mets hatte angekündigt, sich nach dem wichtigen Sieg ein, zwei Bier zu gönnen.

Wir haben den Sieg in der Kabine als Mannschaft gefeiert, das war es. Ich trinke nach Spielen sowieso kein Bier und auch sonst wenig Alkohol, nur manchmal.

Beim Wort Abstiegskampf kommt Fujita ins Straucheln

Was sagt Ihnen das deutsche Wort „Abstiegskampf“?

Wie heißt das Wort?

Abstiegskampf.

Ab-schied? Ab-schied-kampf. (Fujita versucht, es langsam nachzusprechen, muss dabei sehr lachen). Ab-stieg-kamp?

Das ist der Kampf, um in der 1. Liga zu bleiben und nicht in die 2. Liga absteigen zu müssen. Wo sehen Sie Ihre Mannschaft aktuell bei diesem Vorhaben?

Wir haben in den vergangenen beiden Heimspielen sehr wichtige sechs Punkte geholt. Aber wir befinden uns nach wie vor in einer schwierigen Situation, mit der wir noch nicht zufrieden sein können. Wir müssen uns auf die anstehenden Spiele fokussieren, weiter Punkte holen und dann verändert sich die Situation hoffentlich.

Hätten Sie gedacht, dass Ihre erste Saison hier so verlaufen würde?

Nein, das habe ich nicht erwartet. In den ersten drei Spielen waren wir richtig gut und haben sieben Punkte geholt. Ich habe gedacht, wenn wir so weiterspielen, dann können wir ein bisschen höher mitspielen. Aber es ist, wie es ist.

St. Pauli-Profi Fujita: „Ich bin ein fröhlicher Mensch“

Sie haben immer ein Lächeln auf den Lippen, versprühen gute Laune. Ist das eine bewusste Vorgehensweise oder Ihre Natur?

Ich denke, das ist mein Wesen, ich bin einfach ein fröhlicher Mensch. Ich versuche mein Leben zu genießen und auch den Fußball, die Spiele und das Training. Selbst wenn es mal schwierig ist, versuche ich das Positive zu sehen oder zuversichtlich zu bleiben.

In der Hinrunde hat St. Pauli neun Spiele in Serie verloren. Wie schafft man es da gerade als junger Spieler, sein Lächeln zu bewahren und Fröhlichkeit auszustrahlen? Oder sah es in Ihnen drin anders aus?

Das war das erste Mal in meiner Karriere, dass ich eine solche Serie erlebt habe. Es war nicht einfach. Aber auch in schlechten Zeiten kann man trotzdem lachen. Ich will meine positive Energie in die Mannschaft geben, meine Mitspieler anstecken und damit die Atmosphäre verändern. Ein Lachen kann manchmal helfen. Das versuche ich zumindest.

Joel Chima Fujita bejubelt einen Sieg mit dem FC St. Pauli
St. Paulis Strahlemann: ​​​​​​​Nach dem Sieg gegen Bremen feiert Joel Chima Fujita mit seinen Teamkollegen am Millerntor.

Sie sind aus Belgien in eine europäische Top-5-Liga gewechselt, waren auf Anhieb Stammspieler und haben fast alle Spiele bestritten. Wie bewerten Sie Ihre persönliche Entwicklung nach zwei Dritteln der Saison?

Um ehrlich zu sein, hätte ich nicht erwartet, auf einer neuen Position zu spielen. Ich habe die ersten Spiele als Sechser gemacht, zuletzt habe ich weiter vorne als Achter, Zehner und auch mal als Stürmer gespielt. Das ist nicht so einfach, denn ich habe zuvor nie auf diesen Positionen gespielt. Ich muss mich noch daran gewöhnen, aber es ist eine gute Erfahrung für mich und ich genieße das auch, Neues zu lernen.

Sie sind mit Ihren bisherigen Leistungen zufrieden?

Nein, ich bin nicht mit mir zufrieden. Ich kann und muss mich in vielen Bereichen noch verbessern. In meiner offensiven Rolle muss ich gefährlicher werden und mehr Tore schießen. Und auch als Sechser kann ich noch konsequenter in den Zweikämpfen sein und besser darin, Spielsituationen zu erkennen und vorherzusehen. Das Niveau in der Bundesliga ist sehr hoch, was Intensität, Tempo, Taktik oder Technik angeht. Jedes Spiel ist eine große Herausforderung und erfordert eine sehr gute Vorbereitung, aber ich genieße das.

Sein erstes Spiel bei St. Pauli war sein größtes Erlebnis

Sie haben einige wichtige Siege gefeiert, in den größten Stadien gespielt, in Dortmund, in München. Was war das bislang beste Erlebnis mit St. Pauli?

Mein erstes Spiel hier, im Pokal am Millerntor.

Gegen Eintracht Norderstedt?

Ja. Ich wusste nicht, was mich erwartet. Als wir ins volle Stadion eingelaufen sind, mit den Kindern an der Hand, und das Publikum so laut gejubelt und geschrien hat, da hatte ich Gänsehaut (streicht sich dabei über den Unterarm). Das das war so emotional und zugleich motivierend. Es war neu, der erste Eindruck. Das war die beste Erfahrung.

Fühlen Sie sich richtig angekommen?

Ich fühle mich wohl in der Mannschaft. Wir haben so viele gute Typen bei uns, die sich kümmern und neue Spieler mit offenen Armen empfangen in ihrem Verein.

Wie wichtig ist es für Sie und Ihr Wohlbefinden, mit Tomoya Ando und Taichi Hara seit Anfang des Jahres zwei Landsleute im Team zu haben – und nicht zu vergessen mit Zeugwart Kenta Kambara einen weiteren Japaner?

Oh ja, Kenta! Er hat mir sehr viel geholfen, gerade am Anfang meiner Zeit hier, bevor ich mein Haus und mein Auto hatte. Mit Do (Spitzname von Ando; d. Red.) und Taichi treffe ich mich häufiger an freien Tagen, lade sie zu mir ein, wir trinken Kaffee, essen Kuchen, reden in unserer Sprache über Fußball, den Verein, aber auch unser tägliches Leben. Das entspannt und ist eine gute Sache für mich.

Fujita holt sich bei seinen St. Pauli-Kollegen häufig Rat

Gibt es Spieler in der Mannschaft, bei denen Sie Rat suchen oder an denen Sie sich orientieren?

Ehrlich gesagt bin ich keiner, der viel mit Mitspielern darüber spricht, wie ich denke oder fühle. Natürlich kommen Spieler wie Jacko (Jackson Irvine), Eric (Smith) oder Hauke (Wahl) mal auf mich zu und wir sprechen über Fußball und tauschen uns aus. Sie haben viel Erfahrung, wovon ich profitieren kann. Sie sind gute … wie kann ich das am besten sagen? Einen Moment, bitte (er schnappt sich sein Handy, tippt etwas ein, offensichtlich zur Übersetzung) … sie sind gute Vorbilder. Das wollte ich sagen.

Wie sieht Ihr soziales Leben in Hamburg aus, wenn Sie nicht gerade trainieren? Sind Sie viel unterwegs?

Mein tägliches Leben? Das ist nicht aufregend. Ich spaziere einfach durch die Stadt, schaue mich um und suche mir ein schönes Café oder einen guten Eiscreme-Laden. Das reicht mir schon. Diese Stadt ist so groß, ich habe sie noch nicht richtig entdecken können.

Wie sieht es mit japanischen Restaurants aus?

Ich engagiere privat japanische Köche, die bei mir zu Hause die Mahlzeiten zubereiten. Gutes Essen zu haben, ist wichtig.

Ihre Heimat ist von Hamburg auf der Luftlinie 9000 Kilometer entfernt. Wie kommen Sie damit zurecht, so weit von der Familie und den Freunden entfernt zu leben?

Natürlich vermisse ich sie immer wieder. In der Winterpause oder in Länderspielpausen gibt es die Gelegenheit, nach Hause zu kommen und sie zu sehen. Meine Familie möchte mich in Hamburg besuchen und ich hoffe, dass wir das hinbekommen. Leider hat das noch nicht geklappt. Ich wünsche mir, dass sie mich spielen sehen in diesem Stadion. Das wäre sehr schön für uns alle.

Sein Barfuß-Ritual ist eigentlich gar nicht so bedeutend

Sie pflegen ein besonders Ritual vor jedem Spiel, bei dem sie barfuß auf den Platz gehen, egal bei welchem Wetter, auch bei Minusgraden. Welche Bedeutung hat das und warum ist es Ihnen so wichtig?

(Fujita grinst schon bei den letzten Worten der Frage) Eigentlich ist das gar nicht so wichtig für mich.

Nicht?! Das müssen Sie erklären.

Es ist nichts Spezielles. In der Vorbereitung auf ein Spiel ist nach dem ersten Warm-up-Programm in der Kabine immer noch Zeit bis zum Aufwärmen draußen auf dem Platz. Ich weiß dann nicht so recht, was ich machen soll. Dann gehe ich eben raus und barfuß auf den Rasen. Das ist halt mein Ablauf, den ich mir angewöhnt habe. Ich versuche einfach, die Zeit zu nutzen.

Joel Chima Fujita barfuß auf dem Rasen vor einem Spiel des FC St. Pauli
Ritual: Vor jedem Spiel betritt Fujita barfuß den Platz. Im Interview verrät er, was es damit wirklich auf sich hat.

Also gar nichts Spirituelles wie „Earthing“ oder „Grounding“, eine Methode, durch direkten Kontakt vermeintlich die Energie der Erde zu spüren oder aufzunehmen? Luis Enrique, Trainer von Paris Saint-Germain, schwört darauf.

Nein, es ist nichts von dem. Außer, dass ich barfuß den Rasen gut fühlen und testen kann, wie die Platzverhältnisse sind und dann die richtigen Schuhe wählen. Das ist alles, mehr nicht. Nichts Spezielles.

Fujita möchte bis Saisonende noch mehr Tore schießen

Ein Ritual ist es immerhin geworden. Seit wann praktizieren Sie es?

Ich habe damit angefangen, als ich noch in Japan gespielt habe, vor vier Jahren ungefähr.

Wie lauten Ihre persönlichen Ziele bis Saisonende?

Ich möchte auf jeden Fall noch mehr Tore schießen. Aber das Wichtigste ist, dass wir als Mannschaft in dieser Liga bleiben. Das steht über allem. Dafür will ich alles tun.

Nach der Saison steht die WM an. Sie sind mit dem japanischen Nationalteam qualifiziert. Welche Rolle spielt das Turnier in Ihren Gedanken?

Die Weltmeisterschaft ist eine große Sache für jeden Spieler, der dabei ist, aber ich möchte nicht zu weit in die Zukunft schauen. Wenn ich beispielsweise zur WM fahre, aber zuvor mit St. Pauli abgestiegen sein sollte, dann wäre es eine Scheiß-Situation für mich. Deshalb fokussiere ich mich nur auf meine Mannschaft hier und auf das Ziel, mit St. Pauli in der Bundesliga zu bleiben, und gebe hundert Prozent dafür.