„Nicht mehr so lang bei mir“: Wahls besondere Worte nach St. Paulis Sieg
Es war ein Comeback, das sich Hauke Wahl kaum besser hätte ausmalen können. Zurück in der Startelf für das bislang wichtigste Duell der Saison nach einer quälenden Zwangspause, dann auch noch die eigene Mannschaft mit der nötigen Portion Glück in Führung geköpft und am Ende gemeinsam mit den Mitspielern und Fans den 2:1-Sieg gegen Werder Bremen gefeiert. In den Katakomben überraschte der Routinier mit grundsätzlichen, nachdenklichen, emotionalen und fast philosophischen Ausführungen.
Zweifel oder die Sorge, was ist, wenn es schiefgeht gegen Werder? Nicht bei Wahl. Keine Spur. Auch nicht bei seiner Mannschaft, versicherte der Abwehrchef nach dem immens wichtigen Dreier am Sonntagabend. „Wir haben nur den Sieg gesehen. Wir haben nicht daran gedacht, was ist, wenn wir verlieren, sondern wir hatten Bock auf dieses Spiel. Ich glaube, das hat man heute gesehen.“
Hauke Wahl: „Verdient gewonnen und glücklich“
Den Willen schon, aber in der ersten Halbzeit war es echter Abstiegskrampf gewesen. Immerhin hatten die Braun-Weißen in den ersten 45 Minuten die Null gehalten gegen die nunmehr seit 13 Spielen sieglosen Bremer. „Wir wollten einfach unbedingt gewinnen“, so der erfahrene Defensivmann. „Wir wissen, dass wir es besser machen können, aber ich glaube, dass wir verdient gewonnen haben. Jetzt sind wir erst mal glücklich, dass wir so wichtige drei Punkte geholt haben.“ Er verspürte „extreme Freude“.

Die WochenMOPO – ab Freitag neu und überall, wo es Zeitungen gibt!
Diese Woche u.a. mit diesen Themen:
- Genossen, hört die Signale: SPD in der Krise
- Drohnen-Boote auf der Elbe: Welche Rolle Blohm + Voss spielt
- Wut über hohe Benzinpreise: Mineralöl-Händler im Interview
- Große Rätselbeilage: Knobelspaß für jeden Tag
- 16 Seiten Sport: Wie der HSV seine neuen Spieler findet & St. Paulis dicke Krankenakte
- 28 Seiten Plan 7: Musik im Dunkeln in der Laeiszhalle & Ausgehtipps für die ganze Woche
Wahl war es, der nach drei Pflichtspielen Zwangspause (Bänderzerrung im Knie) wieder von Beginn an im Abwehrzentrum aufgelaufen war und sein Team in der 55. Minute nach einer Flanke von Danel Sinani in Führung geköpft hatte – unter tatkräftiger Mithilfe von Werder-Keeper Backaus, der den Ball durch die Finger rutschen ließ.
Wahl köpft zweites Saisontor für St. Pauli, Bremens Backhaus hilft
Das Tor aus Sicht des Schützen? „Die Flanke war nicht so kraftvoll. Ich hatte das Gefühl, dass ich drei Meter in der Luft stand, wahrscheinlich war es nur ein Stück Zeitung“, ließ der gebürtige Hamburger die Szene mit einem Schmunzeln Revue passieren, „aber trotzdem habe ich ihn gut getroffen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass der noch reingeht und war im ersten Moment überrascht, dass der doch reinging“.
Sein zweites Saisontor. Auch das erste hatte Wahl zu Hause erzielt, bei der 1:2-Niederlage gegen Leverkusen Ende September. Diesmal sollte es zum Sieg beitragen.
Fan auf der Tribüne beim St. Pauli-Sieg gegen Stuttgart, jetzt wieder mittendrin
Endlich wieder mittendrin, statt nur dabei. Aber auch der Zuschauerrolle beim vorangegangenen Heimsieg gegen Stuttgart hat Wahl im Nachhinein etwas abgewinnen können, wie er berichtete. „Da war ich auf der Tribüne. Was die Jungs da auf den Platz bringen, ist einfach so geil, dass der Funke überspringt. Ich bin nach dem Spiel nach Hause gekommen, war heiser, weil es einfach so Bock gemacht hat“, erzählte der Innenverteidiger. „Ich bin danach zu meiner Familie und habe gesagt, dass ich das später haben will: ins Stadion zu gehen und mit so einem Glücksgefühl nach Hause zu gehen.“
Das könnte Sie auch interessieren: Nicht schön, aber erfolgreich: Die St. Pauli-Noten zum 2:1-Sieg gegen Werder
Ihm ging es jedoch längst nicht nur um die persönliche Erfahrung und Lebensplanung für die (Frei-)Zeit nach der Karriere, sondern auch den Wert dieser Atmosphäre im Hier und Jetzt und den kommenden Wochen im Kampf um den Klassenerhalt. „Es ist wichtig, dass wir das Stadion mitnehmen. Wir wissen immer, dass die Fans hinter uns stehen, aber wenn wir so eine Atmosphäre kreieren, dann wird es für jeden Gegner hier eklig und das sollte schon ein Faustpfand sein.“
Warum Wahl keine Nickligkeiten im Spiel braucht
Einsatz, Leidenschaft, Emotionalität, Aggressivität sind die Zutaten. Von den Nickligkeiten und Scharmützeln, von denen es gegen Werder reichlich zwischen den Spielern gegeben hatte, hält Wahl dagegen wenig, wie er klarmachte. Er sei während des Spiels „kein Teil davon“, gewesen, weshalb es ihm auch „relativ egal“ war, was passiert ist, aber er vertritt einen anderen Ansatz: „Ich finde es wichtig, dass so bedeutsame Spiele einfach Spaß machen, dafür spielen wir Fußball, dass man im Stadion merkt: Heute ist wichtig. Dass man das Stadion mitnimmt.“
ich der Werbevereinbarung zu.
Wahls Ausführungen wanderten weg von dem Spiel gegen Werder und der Tabellensituation und wurden sehr reflektiv und mit philosophischen Anklängen. „Man ist so in seinem Hamsterrad Profifußballer drin, dass man zu selten darauf schaut, was wir für ein gutes Leben haben, dass wir in den Stadien dieser Welt spielen können, dass wir vor vielen Fans spielen können“, sinnierte Wahl laut. „Dieses Gefühl, für das wir als Kinder jahrelang gearbeitet haben – da brauche ich keine Nickligkeiten.“
Jede Woche Spaß, weil das Karriereende nicht mehr weit ist
Wahl ist bekannt als ein Mann klarer, aber oftmals auch bedächtiger Worte im Team der Kiezkicker. Aus seinen Sätzen spricht zumeist die jahrelange Erfahrung eines Profis, der viel gesehen, viel erlebt, einige sportliche Höhen erklommen, aber auch Täler durchschritten hat und sein Fußballerdasein als Privileg begreift, auch in sportlich angespannten Phasen wie der aktuellen. Er habe mit seinen bald 32 Jahren „jede Woche Spaß“ am Fußballerleben, betont Wahl. „Das liegt vielleicht daran, dass es nicht mehr so lang bei mir ist.“ Karriereherbst. Er konnte jedoch auch nachvollziehen, warum hier und da Emotionen überkochten und sich Gegenspieler fetzten. „Natürlich hat das auch gezeigt, wie wichtig das Spiel für beide Mannschaften war.“
Das könnte Sie auch interessieren: Barfuß-Ritual und Siegertanz! St. Pauli-Held Fujita feiert: „Es war einfach verrückt“
St. Pauli hat mit dem Sieg einen wichtigen Schritt auf den Relegationsplatz gemacht und Werder überholt. Zu Hause läuft es gerade richtig gut, was die Ergebnisse angeht. Das Millerntor ist ein Faktor und muss es bleiben, weiß auch Wahl, der die jüngsten beiden Siege aus zwei Perspektiven miterlebt hat: als Zuschauer auf der Tribüne und als Spieler auf dem Rasen. „In diesem Stadion, mit diesen Fans – und wenn wir eine Spielweise schaffen, um die Fans mitzunehmen – ist es einfach extrem schwer, gegen uns zu gewinnen.“
Anmerkungen oder Fehler gefunden? Schreiben Sie uns gern.