Nachwuchs-Report: So gut läuft der „Gamechanger“ bei St. Pauli
Auf dem Papier ist die Idee klar. Ein Mentorentrainer betreut acht bis zehn Spieler aus vier Jahrgängen individuell auf ihrem Weg über eine ganze Saison hinweg. Die Spieler suchen sich ihren Ansprechpartner dabei selbst aus. Den Weg, den der FC St. Pauli vor der nun zu Ende gehenden Saison eingeschlagen hat, ist ein anderer, um Talente in ihrer Entwicklung zu fördern. Aber wie läuft das in der Praxis, wenn es keine festen Teams mehr gibt und keinen klaren Cheftrainer? Die MOPO macht den Nachwuchs-Check.
Die Augen der Konkurrenz waren in dieser Saison mehr denn je auf den Nachwuchs des FC St. Pauli gerichtet. Die Idee, die eigene Struktur in der Talentförderung umzukrempeln, hin zu dynamischeren Team- und Trainergebilden, bescherte dem Kiezklub große Aufmerksamkeit in der Branche. Während andere Nachwuchsleistungszentren und auch Nationaltrainer des DFB mit großer Neugier und viel Zustimmung den eingeschlagenen St. Pauli-Weg beobachteten, gab es auch einiges an Skepsis, die NLZ-Leiter Benjamin Liedtke entgegenschlug, insbesondere auch aus der Beraterszene.
St. Pauli hat neue Strukturen im Nachwuchs etabliert
Aber was macht St. Pauli anders? Statt in festen Teamstrukturen zu trainieren und am Wettkampf teilzunehmen, arbeitet der Nachwuchs jahrgangsübergreifend. Im Leistungsbereich trainieren vier Jahrgänge (U16 bis U19) zusammen und spielen dann mit U19 und U17 jeweils in der DFB-Nachwuchsliga. Auch U15 und U14 (Aufbaubereich) trainieren gemeinsam. Gleiches gilt für U13 und U12 (Grundlagenbereich). Leistungs-, Aufbau- und Grundlagenbereich haben dann jeweils ein größeres sechs- bis achtköpfiges Trainerteam, das sich rotierend um die jeweiligen für den Wettkampf gemeldeten Teams kümmert. Darüber hinaus ist jeder Coach auch ein Mentorentrainer. Das heißt, er ist der Ansprechpartner für acht bis zehn Spieler aus seinem Bereich. So soll eine individuellere Begleitung der Talente ermöglicht werden.
So weit, so die Idee. Aber wie sah der Plan in der Praxis aus? „Wir haben uns vor der Saison gesagt, dass es eine Spielzeit zum Lernen wird“, sagt Liedtke im Gespräch mit der MOPO. „Der gesamte Prozess war hoch spannend.“ Dass Idee und Wirklichkeit sich noch finden mussten, gehört für St. Paulis Talente-Chef rückblickend dazu. In der Hinrunde wurde deutlich, dass der Fokus der Trainer sehr stark auf der Betreuung der einzelnen Talente lag und der Blick aufs Team etwas darunter litt. U19 und U17 schafften beide nicht den Sprung in die A-Runde der DFB-Nachwuchsligen. Kein Drama, aber eben auch mit erkennbarem Muster.
Im Winter gab es dann die ersten Maßnahmen und die Ergebnisse der Teams wurden besser, ohne dabei den eingeschlagenen Weg der individuellen Begleitung zu gefährden. Statt in kurzen Zyklen zu rotieren, blieben die Trainerteams über einen längeren Zeitraum für die jeweiligen Nachwuchsstufen zuständig. Weniger Wechsel also für die Spieltage. „Es war wichtig, die Balance zwischen Entwicklung und Wettbewerb zu finden“, blickt Liedtke zurück. „Auch Ergebnisse sind relevant für die Entwicklung.“
St. Paulis U17 und U19 feierten Erfolge in der Rückrunde
Dieser Spagat gelang in der Rückserie. Die U17 wurde Erster in ihrer Hauptrunden-Gruppe, die U19 belegte den dritten Platz. Zudem holten beide den Hamburger Pokal, die U17 im Finale gegen HSV Barmbek-Uhlenhorst, die U19 gegen den Niendorfer TSV. „Das war sehr schön, dass die Jungs am Ende etwas holen konnten“, freut sich auch Liedtke. Als Lohn spielt die U19 in der kommenden Saison im DFB-Pokal.
Die Winter-Maßnahmen und die folgenden guten Ergebnisse schadeten der individuellen Entwicklung aber nicht. Nicht nur Liedtke weiß vom positiven Feedback der Spieler. Auch die Trainer berichten von einer sehr guten Rückmeldung ihrer Talente. Als „Gamechanger“ wird die Arbeit der Mentorentrainer intern bezeichnet. Selbst Spieler benutzen dieses Wort, weil sie sich gesehen fühlen, auch wenn sie vielleicht gerade nicht den ganz großen sportlichen Einfluss aufs Wettkampfgeschehen haben. „Das echte Interesse daran, wie es ihnen geht, gibt den Spielern sehr viel Vertrauen“, sagt Liedtke. Einige Spieler führen demnach ihren Entwicklungssprung auf diese Maßnahme zurück. „Ein sehr gutes Signal“, findet der NLZ-Chef.
Und St. Paulis Verantwortliche berichten von einem weiteren positiven Effekt: Der Austausch unter den Trainern sei ein anderer geworden, heißt es. Die demokratische Struktur ohne starre Rollen wie Chef- und Co-Trainer fördere den Dialog. Es würde mehr über die Spieler gesprochen, nach mehr Konsens gesucht werden, Synergien würden entstehen.
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Auch in der täglichen Arbeit gäbe es keine Hürden. Montags und donnerstags wird am Brummerskamp in den gemischten Gruppen trainiert, dienstags und freitags in den Zusammensetzungen der Wettkampfteams. Eingeteilt werden diese nach Entwicklungsstand. „Wir haben in ein statisches System aus Mannschaften und Trainerteams Dynamik hereingebracht“, freut sich Liedtke, dessen Maßnahmen aber noch Grenzen haben. Der Spielbetrieb im föderalen Fußballsystem ist weiterhin in Jahrgangsstufen organisiert. Faktoren wie biologisches und physisches Alter finden noch keine Berücksichtigung. Dass sich das auch noch ändert, dafür kämpft der FC St. Pauli aber an anderer Front.