FC St. Pauli

Nach Polizeieinsatz am Millerntor: Fan muss 1800 Euro zahlen – Beamter kritisiert FC St. Pauli

Hannover-Fans und Ordner drängen sich im Stadion vor einem überfüllten Block an Absperrungen.
Der Hannover-Block beim Zweitliga-Spiel im Millerntor-Stadion am 10. November 2023

Die Polizei will eine Person retten, die es gar nicht gibt. Von Fans wird sie dabei mit Fahnenstangen traktiert. Ein Angeklagter stand nun vor Gericht.

Der Hannover-96-Anhänger Dennis B. muss 1800 Euro an die Kinder- und Jugendhilfe zahlen. Ihm wurde von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, beim Zweitliga-Spiel zwischen dem FC St. Pauli und Hannover 96 im November 2023 Beamte getreten, beworfen und mit einer Fahnenstange attackiert zu haben. Das Amtsgericht Hamburg stellte das Verfahren gegen die Zahlungsauflage allerdings wegen Geringfügigkeit vorläufig ein.

Als die Verhandlung nach einer Viertelstunde kurz zur Sichtung von Unterlagen unterbrochen ist, betritt eine Schulklasse aus Nienstedten den Saal 297 im Strafjustizgebäude am Sievekingplatz. „Wurde sich da geprügelt?“, will eine der Neuntklässlerinnen wissen, als sie erfährt, worum es geht. Das kann man so sagen, und nicht zu knapp. Das vorhandene Bildmaterial spricht laut dem Richter eindeutig dafür, dass der Angeklagten gegen Polizisten gewalttätig vorgegangen ist: „Ich habe keine vernünftigen Zweifel, das waren Sie!“

Für den Richter ist es bereits das dritte Verfahren im Zusammenhang mit dem Polizeieinsatz, ein viertes kommt gerade erst ins Rollen. „Weil man es nicht gebacken kriegt, alle gemeinsam anzuklagen oder andere Lösungen zu finden“, wie er trocken feststellt. Dann arbeitet er zum dritten Mal das oft konfliktreiche und bisweilen gewalttätige Verhältnis von Polizei und Fußballfans auf.

„Man hat Widerstände zu erwarten“

Was war vor nunmehr zweieinhalb Jahren passiert? In der Schlussphase des Spiels am Millerntor erhielt eine Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) vom Polizeiführer um 20.08 Uhr die Anordnung, den Gästeblock mit vielen Hannoveranern und einigen HSV-Fans zu betreten, um eine zu Boden geschlagene und bewusstlose Person zu evakuieren.

„Vom taktischen Vorgehen ist das eine unübliche Maßnahme“, führt der zuständige BFE-Beamte - auch er zum dritten Mal - als Zeuge aus: „Mir war klar, dass das Evakuieren im Block problematisch würde. Man hat Widerstände zu erwarten, das ist in der deutschen Fußballhistorie einfach festzustellen.“

Fans kritisieren Pfefferspray-Einsatz

Der Einsatz sei entsprechend verlaufen. „Etliche Personen haben sich in den Weg gestellt, einige waren vermummt, wir wurden angeschrien und beleidigt“, schildert der Polizist: „Mir wurde Bier ins Gesicht geschüttet, sodass ich teilweise wie ein Pirat zwischen linkes Auge, rechtes Auge wechseln musste.“ Die Fanhilfe Hannover wiederum hat den Einsatz von Reizgas durch die Polizei bereits am Tag nach dem Spiel kritisiert und dies letztlich für die Eskalation verantwortlich gemacht.

Als die Lage sich zwischenzeitlich beruhigt und die Polizisten eine Rettungsgasse gebildet hatten, mussten sie feststellen, dass es die hilfsbedürftige, zu Boden getretene Person gar nicht - oder zumindest nicht mehr - gab. „Zu diesem Zeitpunkt gab es dort weder eine Schlägerei noch eine am Boden liegende Person“, führt der Richter zum wiederholten Male aus. Der BFE-Beamte berichtet, er habe über Funk mehrfach nach der zu rettenden Person gefragt: „Da kam dann die Rückmeldung: Wir wissen es auch nicht.“

St. Pauli enttäuscht Erwartungen des Zeugen

Beim daraufhin angeordneten Rückzug sei ein Kollege gestürzt und habe sich an einem Treppenbügel festgehalten, um nicht „in diese Menschenmenge“ gezogen zu werden. „Ich habe mit meiner Einheit agiert, um eine Person zu retten“, schildert der Zeuge und klopft mit der Faust auf den Tisch. Dann wird er grundsätzlicher: „Im Spannungsfeld von Fußball und Gesellschaft frage ich mich, wer welche Probleme lösen muss.“

Auch der FC St. Pauli bekommt dabei sein Fett weg. „Ich erwarte von einem Verein, dass er in der Lage ist, deutliche Ansagen durchzuführen, die die Polizeiarbeit unterstützen“, hat der Polizist entsprechende Durchsagen über die Stadionlautsprecher vermisst: „Das habe ich nicht wahrgenommen.“ Der FC St. Pauli hatte kurz nach dem Spiel den polizeilichen Einsatz von Pfefferspray kritisch bewertet und auch die Verhältnismäßigkeit des Einsatzes in Frage gestellt.

„Beide Seiten haben sich nicht gut verhalten“

An der Rechtmäßigkeit des Polizeieinsatzes bestehe kein Zweifel, betont der Richter nun, stellt aber ebenso fest: „Beide Seiten haben sich da nicht gut verhalten.“ Der letztlich unbegründete Einsatz habe seinen Teil dazu beigetragen, dass „der Block ausgeflippt“ sei. Bei einem Angeklagten des Millerntor-Falls wurde das Verfahren eingestellt, ein anderer noch nicht rechtskräftig zu einer Geldstrafe verurteilt. Im dritten Fall versucht der Richter bis zuletzt vergeblich, den Angeklagten zu einer Äußerung zu bewegen.

B. verschränkt die Arme vor seinem Rollkragenpullover, schweigt und überlässt die Ausführungen seinem Anwalt. 96-Fan sei er weiterhin, sagt dieser. Wegen der Beziehung mit seiner Lebensgefährtin, die das Geschehen im Saal verfolgt, seien Auswärtsfahrten aber „jetzt sehr selten“ geworden. Der Angeklagte ist nicht vorbestraft und arbeitet bei VW am Band, je nach Schichtzahl verdient er nach Angaben des Anwalts monatlich zwischen 2000 und 2500 Euro netto.

Nach Rücksprache mit Verteidiger und Staatsanwältin stellt der Richter das Verfahren nach Paragraf 153 wegen Geringfügigkeit ein - mit mahnenden Worten an den Angeklagten („Das ist kein Selbstläufer, das ist eine krasse Eskalation“) und unter der Auflage, dass B. sechs Monatsraten à 300 Euro an eine Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe zahlt.  

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